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Geleite

Sammlung aller Geleite


Zum Geleit CLVII

Zur AS-Sitzung am 25. November 2021

Der Vorteil der Verantwortung

„Auch Krankheiten und sogar Kriege veranlassen mich zum Nachdenken darüber, was für Fehler ich gemacht haben kann.“
Bertolt Brecht, „Schuld des Einzelnen“, „Me-ti / Buch der Wendungen“, entstanden im Exil der 1930er Jahre.

1) Ausgangspunkt

Im Zusammenhang
sich handelnd zu begreifen
schafft Selbst-Bewußtsein

2) Erster Schritt

Das Gegebene
stets kritisch zu befragen,
bestimmt die Richtung.

3) Der Weg

Frohe Entfaltung,
gemeinsam unternommen,
kreiert Bewegung.

4) Das Ziel

Die Menschenwürde
als Sinn, Inhalt und Modus
ist Kern des Lebens.


Zum Geleit CLVI

Zur AS-Sitzung am 09. September 2021

Zur Entscheidung

„Ökonomisch betrachtet war Merkels Politik dagegen alles andere als progressiv, sondern stand für die neoliberale Entlastung der Starken und einer erheblichen Vertiefung des Gefälles zwischen Arm und Reich.
Was steht vor diesem Hintergrund auf dem Spiel? Mit Armin Laschet kandidiert, mehr noch als Merkel, der Inbegriff eines progressiven Neoliberalismus: gesellschaftlich tolerant und offen, ökonomisch wirtschaftsliberal – qua Unions-Wahlprogramm mit Steuersenkungen bei gleichzeitigem Beharren auf der schwarzen Null – und zudem als Mann des Kohlelandes Nordrhein-Westfalen unvermindert fossilistisch. Dieses Programm eines unverminderten ›Weiter so‹ geht an den wahren Problemen des Landes radikal vorbei. Was heute Not tut, ist ein präventiver, vorbeugender Staat und eine weitsichtige, nicht bloß reaktive Außen- und Europapolitik.“

Albrecht v. Lucke, „Das Erbe der Merkel-Ära: Aus Krise wird Katastrophe“, „Blätter f. deutsche u. internationale Politik“, 9/2021, S. 5-8, hier S. 7.

1) Vorab

Die Fahrt „auf Sicht“ ist zu beenden. Erfahrungen, Karte, Kompaß, Fernrohr und Team stehen für eine gute Fahrt zur Verfügung.

2) Position

Neutralität ist eine Illusion. Im Zweifel ist gegen den Wind zu kreuzen.

3) Überzeugte Gemeinschaft

Das reine Individuum ist eine Figur der Werbung. Der Mensch hat stets Verbindungen. Sie können förderlich sein.

4) Haltung

Im Erkennen der Alternative entsteht Heiterkeit. Solidarität ist ein menschliches Bedürfnis – wesentliches Potential.

„Freude
Freude soll nimmer schweigen.
Freude soll offen sich zeigen.
Freude soll lachen, glänzen und singen.
Freude soll danken ein Leben lang.
Freude soll dir die Seele durchschauern.
Freude soll weiterschwingen.
Freude soll dauern Ein Leben lang.“

Ringelnatz, 1910.


Zum Geleit CLV

Zur AS-Sitzung am 08. Juli 2021

Heute heißt morgen, über gestern hinaus

„Heute zwischen Gestern und Morgen
Wie Gestern und Morgen
sich mächtig vermischen!
Hier ein Stuhl – da ein Stuhl –
und wir immer dazwischen!
Liebliche Veilchen im März –
Nicht mehr.
Proletarier-Staat mit Herz –
Noch nicht.
Noch ist es nicht so weit.
Denn wir leben –
denn wir leben
in einer Übergangszeit –!

Geplappertes A – B – C
bei den alten Semestern.
Fraternité – Liberté –
ist das von gestern?
Festgefügtes Gebot?
Nicht mehr.
Flattert die Fahne rot?
Noch nicht.
Noch ist es nicht so weit.
Denn wir leben –
denn wir leben
in einer Übergangszeit –!

Antwort auf Fragen
wollen alle dir geben.
Du mußt es tragen: ungesichertes Leben.
Kreuz und rasselnder Ruhm –
Nicht mehr.
Befreiendes Menschentum –
Noch nicht.
Noch ist es nicht so weit.
Denn wir leben –
denn wir leben
in einer Übergangszeit –!“

Kurt Tucholsky alias Theobald Tiger, „Die Weltbühne“, 31.05.1932, Nr. 22, S. 831.

Ob es so oder so oder anders kommt, ist – immer wieder neu - zu bestimmen.
Beurteilend geschaut sei: in die Geschichte, die Welt, die nächste Umgebung, auf die Haltung (nicht auf das Posing), in die Bücher bzw. die eigenen Gedanken, auf die Unterschiede, zähe, ermüdende Gewohnheiten sowie einstweilen aufblitzende Potentialität.
Auf diese Weise mag uns der Übergang zu etwas Besserem gelingen.


Zum Geleit CLIV

Zur AS-Sitzung am 10. Juni 2021

Real übersteigt digital

„In digitalen Seminaren von überschaubarer Größe kann es lebendig und konzentriert zugehen. Aber bei dieser Bilanz blieb einiges auf der Strecke oder wurde beschwiegen. Da ist zuallererst die Situation der Studierenden. Denn gerade wer den Winter über die Zoom-Gesichter betrachtete, sah, wie sie sich von Woche zu Woche bei aller Tapferkeit der Resignation und Depression annäherten. Inzwischen hat man drei Semester, das ist die Hälfte eines Bachelorstudiums, in kleinen Zimmern vor dem Bildschirm verbracht. Oder ist ins Elternhaus zurückgekehrt, im Bildhintergrund stehen die alten Stofftiere. (…)
Aber es geht nicht nur um Stimmungslagen in einer Lebensphase, in der man eigentlich reichhaltige soziale und emotionale Erfahrungen macht, sondern auch um Verluste für die Gesellschaft. An einem Beispiel: Studierende lernen Differenz kennen. Von der Differenz des Wissens über die Lebensformen, der Überzeugungen und Redeweise bis hin zu Unterschieden bei Klei- dung und Essverhalten. Die Universitäten sind der Ort, an dem diese ebenso bereichernde wie verunsichernde Differenzerfahrung in Dialog und zivilisiertes Nebeneinander überführt wird. Genau das lernt man aber nicht in Onlineseminaren, sondern bei direkten und ungeplanten Begegnungen auf Partys, beim Uni-Sport, beim Gang zwischen den Gebäuden oder in der Cafe- teria, wo man vielleicht neben der chinesischen Kommilitonin zu sitzen und mit ihr ins Gespräch kommt. (…)
Und da wir jetzt alle geimpft werden: Der Hochschulkörper könnte eine Zusatzinjektion von fröhlicher Wissenschaft, von Mut und Zukunftsfreude vertragen.“

Prof. Dirk von Petersdorff (Literaturwissenschaft / Uni Jena), „Schweigen an den Unis / Warum so passiv bei Rückkehr zur Präsenz?“,
„Frankfurter Allgemeine Zeitung“ („FAZ“), 4.6.2021.

1) Ein Verhältnis

Nicht Passivität
verursacht Mutlosigkeit:
Courage läßt nicht ruh´n.

2) Bildung

Begegnungen sind
stets die soziale Essenz:
Lernen ist menschlich.

3) Grundrechtlich

Beste Garantie
der positiven Freiheit:
Ambition der Tat.

4) Modus operandi

Ernstes heiter und
Heiteres ernst zu nehmen:
große Reichweite.


Zum Geleit CLIII

Zur AS-Sitzung am 06. Mai 2021

In Erwägung eines Besseren

„Wir müssen lernen, auf neue Art zu denken. Wir sollten nicht mehr danach fragen, welche Mittel und Wege dem militärischen Siege der von uns bevorzugten Partei offen stehen. Solche Möglichkeiten gibt es nämlich gar nicht mehr. Vielmehr stehen wir vor der Frage, auf welche Weise eine militärische Auseinandersetzung, deren Folgen für alle Beteiligten unheilvoll sind, verhindert werden kann.“
„Einstein-Russell-Manifest“, 1955.

1) Ursprung

Der Abwurf von Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 erfordert(e) ein neues Denken hinsichtlich der Abrüstung bzw. Gewaltfreiheit der internationalen Beziehungen menschlicher Weltgemeinschaft.

2) Uneingelöst

Die fortgesetzte Aufrüstung und machtpolitische Kriege bleiben zerstörerisch und gefährlich. Humane Zwecke kommen nicht zum Zuge. Rüstung tötet auch ohne ihren direkten Einsatz. Die Wahrheit leidet nicht zuletzt.

3) Auf der anderen Seite

Gesundheit, Bildung, Kultur, soziale Gerechtigkeit, Optimismus und angenehme Persönlichkeiten wachsen mit der Beendigung von Kriegen, nützlicher Produktion, ziviler Entwicklung sowie der Minimierung militärischen Denkens.

4) Mentaler Einsatz

Die Wissenschaften erfüllen ihre soziale Verantwortung der Aufklärung in der Ermittlung von Friedensursachen. Die Kultivierung von Konflikten ist die Alternative zur Zerstörung.


Zum Geleit CLII

Zur AS-Sitzung am 15. April 2021

Fallige Entscheidung

In Möglichkeiten


Die Welt – zur Zeit im Argen,
Gerechtigkeit im kargen
Raum verklemmten Handelns eng.
Mißmut bestimmt Gedanken,
Weltbilder heftig wanken,
Regierungen handeln streng.

Was besser einst gewesen
ist Hilfe zum Genesen.
Neuer Anlauf ist nötig:
Hinaus aus der Erstarrung,
gelingt gute Besserung,
wenn wir nicht ehrerbötig,

Die Einigung fällt leichter,
sodann wir wen´ger seichter
durch schweren Alltag gehen.
Die Sinne schärfer richten,
auf tieferliegend Schichten,
läßt uns genauer sehen.

Die Burschen können fechten
und sollten Körbe flechten,
derweil die meisten lachen,
kämpf´rische Freude machen,
den Laden übernehmen,
den Armen Brote geben,
dazu Musik und Tanz:
das volle Leben ganz!


Zum Geleit CLI

Zur AS-Sitzung am 11. Februar 2021

Mit Dimension

„Viele, vielleicht die meisten Leser dieser Blätter sind sich darüber nicht klar, wie sie einen Widerstand ausüben sollen. Sie sehen keine Möglichkeiten. Wir wollen versuchen, ihnen zu zeigen, daß ein jeder in der Lage ist, etwas beizutragen zum Sturz dieses Systems. Nicht durch individualistische Gegnerschaft, in der Art verbitterter Einsiedler, wird es möglich werden, den Boden für einen Sturz dieser "Regierung" reif zu machen oder gar den Umsturz möglichst bald herbeizuführen, sondern nur durch die Zusammenarbeit vieler überzeugter, tatkräftiger Menschen, Menschen, die sich einig sind, mit welchen Mitteln sie ihr Ziel erreichen können. Wir haben keine reiche Auswahl an solchen Mitteln, nur ein einziges steht uns zur Verfügung - der passive Widerstand.“
Aus dem Dritten Flugblatt der Weißen Rose, Sommer 1942.

1) Rückschau

Die Geschichte lehrt,
streitend Bonus und Malus,
wahre Konsequenz.

2) Gegenwart

Wer unzufrieden,
schaue aufmerksam um sich,
sehe Verwandte.

3) Hoffnung

Mehr Möglichkeiten
sind tatsächlich vorhanden,
so sie erstritten.

4) Mensch-Sein

Jäh Wohlbefinden
trage jede Entscheidung:
gemeinsam bedacht.


Zum Geleit CL

Zur AS-Sitzung am 14. Januar 2021

Gesundheit

1) Der Rahmen

„Die Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen. Der Besitz des bestmögllichen Gesundheitszustandes bildet eines der Grundrechte jedes menschlichen Wesens, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der politischen Anschauung und der wirtschaftlichen oder sozialen Stellung. Die Gesundheit aller Völker ist eine Grundbedingung für den Weltfrieden und die Sicherheit; sie hängt von der engsten Zusammenarbeit der Einzelnen und der Staaten ab. Die von jedem einzelnen Staate in der Verbesserung und dem Schutz der Gesundheit erzielten Ergebnisse sind wertvoll für alle.
Ungleichheit zwischen den verschiedenen Ländern in der Verbesserung der Gesundheit und der Bekämpfung der Krankheiten, insbesondere der übertragbaren Krankheiten, bildet eine gemeinsame Gefahr für alle.“

Verfassung der Weltgesundheitsorganisation, unterzeichnet in New York am 22. Juli 1946.

Das physische und psychische, also kulturelle, Wohlergehen ist eine stets zu schaffende Tatsache.
Strukturen sind nicht abstrakt. Arbeit, Bildung, Gesundheit, Kultur – gut in lebendiger Einheit nur.

2) Quälend unzureichend

„Die Angst vor Covid-19 hat beides zuwege gebracht: eine Verfassungskrise, wie sie die Bundesrepublik noch nicht erlebt hat und wie sie erst noch in voller Schärfe zutage treten wird; und eine Vertiefung der Ungleichheit zwischen Wohlhabenden und Armen, die beschämend ist für ein Land, das sich Wohlfahrtsstaat nennt.“
Franziska Augstein, „Fortgeworfen vom Staat“, „SPIEGELONLINE“, 9.1.´21.

Eine engagierte Renaissance der tatsächlichen Grundrechte bzw. die Rekonstruktion des Sozialen wird zunehmend zur gemeinsamen Aufgabe.

3) Mehr Gleichheit wagen

„Wenn die Gleichheit der Stände, über die man jetzt so viel schreibt und spricht, etwas Wünschenswertes ist, so muß sie notwendig etwas jener Gleichheit Analoges [Entsprechendes] haben, die man nach Aufhebung des Rechts des Stärkeren durch weise Gesetze eingeführt hat.“ (296)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft K, 1793-1796.

Über die Unterschiede von Ausbildungen, Berufen, Weltanschauungen und Altersstufen hinweg läßt sich die Welt verbessern – gegen alle möglichen Verunglimpfungen.

4) Die Einsicht des Humors

„II
Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rühre sie so sehre
Der Sonnenuntergang
Mein Fräulein! Sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.“

Heinrich Heine, „Hortense“, Gedichte 1832-1836.

Wer lacht oder Gelächter hervorruft, muß nicht falsch liegen oder unsachlich sein. Heiter und ernst in einem.


Zum Geleit CXLIX

Zur AS-Sitzung am 17. Dezember 2020

Freiwillige Verbindlichkeit

„Die Menschheit steht vor einer großen Entscheidung. Sie kann, durch den Triumph betrügerischer Gewalt, um Jahrhunderte, ja um Jahrtausende in ihrer Entwicklung zurückgeworfen werden und der moralischen Verzweiflung an sich selbst verfallen. Oder sie kann, durch schwere Heimsuchung belehrt, einen großen Schritt vorwärts tun in ihrer sozialen Bildung und Vervollkommnung.“
Thomas Mann, „Das Problem der Freiheit“, Rede, gehalten auf der
Sitzung des 17. Internationalen PEN-Kongresses in Stockholm,
September 1939.

Besonders alltäglich

Mit beiden Beinen
auf dem Boden der Tatsachen,
aufrecht die Haltung, klar der Blick,
gegenwärtig-perspektivisch,
selbstbewußt mit Seinesgleichen,
unterwegs aus der Geschichte,
die Seiten im Augenwinkel,
die Taten dem Geiste stimmig,
das Empfinden recht kultiviert,
das Denken stets heiter drängend:
Bildung des Menschen.


Zum Geleit CXLVIII

Zur AS-Sitzung am 26. November 2020

Zu höher’n Zwecken

„Ein Käfig ging einen Vogel suchen“
Franz Kafka, Aphorismen, 6.11.1917.

1) Obacht!

Die Entfaltung soll
stets eingefangen werden,
gegen das Mensch-Sein.

2) So oder so

Die Gitterstäbe,
seien sie auch vergoldet:
besser gemieden.

3) Besser

Außerhalb des Zwangs,
aktiv mit Seinesgleichens,
weitet sich der Blick.

4) Für etwas

Die Freiweilligkeit
realisiert das Schwinden
der Mühsal Aller.


Zum Geleit CXLVII

Zur AS-Sitzung am 22. Oktober 2020

Ein gewichtiger Unterschied

„Ähnliches [für Vertrauensbildung, Diplomatie, Abrüstung und Gewaltverzicht] lässt sich im Fall der bundesdeutschen Ostpolitik feststellen. Washingtons Unterstützung – widerwillig vollzogen, um auf der Lok eines fahrenden Zuges noch einen Sitzplatz zu ergattern – erweiterte nicht nur den Spielraum Willy Brandts; sie bestätigte auch dessen Anliegen, die transatlantischen Beziehungen als Partnerschaft statt als Vormundschaft zu sehen. Für Brandts Konzept einer vertrauensbasierten Ost-West-Diplomatie hatte Kissinger dieselbe Verachtung übrig, die er dem Staatsmann Brandt entgegenbrachte. Dass Westeuropa vor seinen Augen ein Laboratorium außenpolitischer Innovationen wurde, konnte er indes nicht verhindern.“
Bernd Greiner, „Henry Kissinger / Wächter des Imperiums“, München 2020, S. 385.

Idealfall

Der Mensch lebt für sich nicht allein
und will auch von Bedeutung sein,
braucht Arbeit, Kleidung, Wohnung, Brot,
lebt glücklich bestens ohne Not,
mag Wissen, Tänze und Musik,
gestaltet wach die Republik,
verachtet Lüge und Gestank,
schuldet dem Herrscher keinen Dank,
sagt zu Entwicklung niemals nie
und beugt dem Unsinn nicht das Knie.


Zum Geleit CXLVI

Zur AS-Sitzung am 24. September 2020

Schauen, Erkennen, Kritisieren, Traktieren: Perlendes Leben

„FRANZ MOOR: (…) Nein! Nein! Ich tu ihr [der „Natur“] Unrecht. Sie gab uns doch Erfindungsgeist mit, setzte uns nackt und armselig ans Ufer dieses großen Ozeans Welt. - Schwimme, wer schwimmen kann, und wer zu plump ist, geht unter. Sie gab mir nichts mit; wozu ich mich machen will, das ist meine Sache. Jeder hat gleiches Recht zum Größten und Kleinsten, Anspruch wird an Anspruch, Trieb an Trieb, und Kraft an Kraft zernichtet. Das Recht wohnet beim Überwältiger, und die Schranken unserer Kraft sind unsere Gesetze.“
Friedrich Schiller, „Die Räuber“ (Erster Akt, erste Szene), 1781.

„Mit diesen Leidenschaften, mit diesen Toren müssen wir leben. Wir müssen ihnen ausweichen oder begegnen; wir müssen sie untergraben oder ihnen unterliegen. Jetzt aber überraschen sie uns nicht mehr. Wir sind auf ihre Anschläge vorbereitet. Die Schaubühne hat uns das Geheimnis verraten, sie ausfündig und unschädlich zu machen.“
Friedrich Schiller, „Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“, 1784.

Ausweichen oder begegnen?

Wir leben, nicht allein, in einer Welt,
Die kaum, sehr oft, zum Besten ist bestellt.
Wer sodann, mit klarem Blick versehen,
Die Nöte zeigt mit hellem Ausgang,
Läßt uns jäh ihr Gegenteil verstehen -
Befreien wir uns, nicht länger bang.
Ein solch Erfahrung zeigt im besten Fall,
Daß die Begegnung, einzeln, überall,
Scharfe Erkenntnis ist dann gelungen,
So wir die Tat nicht scheu´n im Verein,
Mit andern schön und deutlich gesungen,
Dabei besonders und nie allein.


Zum Geleit CXLV

Zur AS-Sitzung am 9. Juli 2020

Freiheit als soziale Verantwortung

„Wir stehen heute [1972] am Anfang einer zweiten Phase einer von der bürgerlichen Revolution ausgehenden Reformbewegung auch in der Gesellschaft, wie sie nicht zuletzt in den tiefgreifenden und nachhaltigen Bewußtseinsveränderungen der weltweiten Jugendrevolte sich ankündigt. Sie zielt auf eine in der Sache nicht weniger als 1775 [(US-)amerikanischer Unabhängigkeitskrieg] und 1789 [Revolution in Frankreich] revolutionäre, im wörtlichen Sinne umwälzende, in den westlichen Industriestaaten durchsetzbare Demokratisierung der Gesellschaft, aus demselben Gedanken der ›Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!‹, aus dem auch die Demokratisierung des Staates ihren Ursprung nahm. Diese neue Phase der Demokratisierung und Liberalisierung, im ursprünglichen und nicht dem heute oft mißbrauchten Sinne dieser Worte, entspringt aus einem gewandelten Verständnis der Freiheit, das dem modernen Liberalismus die neue politische Dimension eines nicht nur Demokratischen, sondern zugleich auch Sozialen Liberalismus erschließt.“
„Die Freiburger Thesen der Liberalen“, „Einleitung: Liberale Gesellschaftspolitik“, Reinbek bei Hamburg („rororo aktuell“) 1972, S. 58.

1) Ansprüche

Die Geschichte birgt
bestimmte Möglichkeiten,
die aktuell sind.

2) Licht

Graue Wirklichkeit
erhält Farbe und Kontur
mittels Erkenntnis.

3) In der Tat

Jede Bedeutung
ist die Realisierung
des Allgemeinwohls.


Zum Geleit CXLIV

Zur AS-Sitzung am 18. Juni 2020

Zur Befreiung

„Was aber ist diese große Aufgabe unserer Zeit?
Es ist die Emanzipation. Nicht bloß der Irländer, Griechen, Frankfurter Juden, westindischen Schwarzen und dergleichen gedrückten Volkes, sondern es ist die Emanzipation der ganzen Welt, absonderlich Europas, das mündig geworden ist und sich jetzt losreißt vom Gängelbande der Bevorrechteten, der Aristokratie. Mögen immerhin einige philosophische Renegaten der Freiheit die feinsten Kettenschlüsse schmieden, um uns zu beweisen, daß Millionen Menschen geschaffen sind, als Lasttiere einiger tausend privilegierter Ritter; sie werden uns dennoch nicht davon überzeugen können, solange sie uns, wie Voltaire sagt, nicht nachweisen, daß jene mit Sätteln auf dem Rücken und diese mit Sporen an den Füßen zur Welt gekommen sind.“

Heinrich Heine, „Reise von München nach Genua“, 1828.

Reflexion
Wer sich vor das Heine-Denkmal
sinnierend auf den Rathausplatz stellt,
spiegelt in der Figur zu sich
die Freiheit kritischer Erkenntnis:
Mensch-Sein als Aufgabe.


Zum Geleit CXLIII

Zur AS-Sitzung am 07. Mai 2020

Mal sehen

Die Mehrheitsmeinung sagt uns dies:
Der Mensch ist klein, der Aufruhr mies.
Vertrauen gilt als erste Pflicht,
Wer gar nicht nörgelt, leide nicht.

Die Welt ist eine kleine Bude,
Zuhause sei das Ideal;
Es meide Jede(r) Tante Trude,
Wenn sie zu alt, beim nächsten Mahl.

Jedoch der Anspruch hat mehr Raum,
Verlangt nach Frieden und Sozial;
Bunt ist des Lebens goldn´er Baum,
Das seh´n wir ein ums and´re Mal.

Wer in der Krise sich erinnert,
Was vorher unzureichend war,
Sich um die Besserung bekümmert,
Mit neuer Aussicht, Leidens bar.


Zum Geleit CXLII

Zur AS-Sitzung am 23. Januar 2020

Peinigende Zanksucht oder produktiver Disput?

„Was gab es denn? Was lag in der Luft? – Zanksucht. Kriselnde Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine Neigung zu giftigem Wortwechsel, zum Wutausbruch, ja zum Handgemenge. Erbitterter Streit, zügelloses Hin- un Hergeschrei entsprang alle Tage zwischen einzelnen und ganzen Gruppen, und das Kennzeichenende war, daß die Nichtbeteiligten, statt von dem Zustande der gerade Ergriffenen abgestoßen zu sein oder sich ins Mittel zu legen, vielmehr sympathetischen Anteil daran nahmen und sich dem Taumel innerlich ebenfalls überließen. Man erblaßte und bebte. Die Augen blitzten auffällig, die Münder verbogen sich leidenschaftlich. Man beneidete die eben Aktiven um das Recht, den Anlaß, zu schreien. Eine zerrende Lust, es ihnen gleichzutun, peinigte Seele und Leib, und wer nicht die Kraft zur Flucht in die Einsamkeit besaß, wurde unrettbar in den Strudel gezogen.“
Thomas Mann, „Der Zauberberg“, „Die große Gereiztheit“, 1924, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1987, S. 904f.

Mit Bedacht

In Aufruhr gerät dieser Tage
auf Seiten, Bildern, im Gespräch,
bei großer und bei kleiner Frage,
wer allertiefstens so bewech.

Nicht immer klar ist, wo das herkommt -
warum?, wieso?, woher?, wohin? –,
Bedeutung hat, was direkt hochfrommt,
weil ich ja so betroffen bin.

Unruhe groß, der Unmut steigt an,
die ganze Welt ist nicht im Lot;
erinnert sei deshalb dann und wann:
Die Besserung ist das Gebot.

Bedacht gemacht, in Wort und Taten,
was Frieden heißt und Aller Wohl,
darauf sollt’ niemand lange warten,
die Nadel zeigt auf diesen Pol.

So geht die Kraft in gute Bahnen,
Vernunft hat große Energie,
der Leser wird es sicher ahnen:
Wer Zukunft hat, entgleiset nie!


Zum Geleit CXLI

Zur AS-Sitzung am 24. Oktober 2019

Grundgedanken zur Tat

„Volkstümlich ist das Konkrete; je sinnlicher eine Rede ist, je weniger sie sich an den Intellekt wendet, um so volkstümlicher ist sie. Von der Volkstümlichkeit zur Demagogie oder Volksverführung überschreitet sie die Grenze, sobald sie von der Entlastung des Intellekts zu seiner gewollten Ausschaltung und Betäubung übergeht.“
Victor Klemperer, „LTI/Lingua Tertii Imperii/Die Sprache des Dritten Reiches“, 1946/1991, S. 55.

1) Erhellend

Gute Erkenntnis
fußt auf dem Engagement
für Erleichterung.

2) Im Konflikt

Weitere Aussicht
erfordert die Aufrichtung
gegen Bedrückung.

3) Niemals allein

Der Sinn des Lebens,
gebildet im Verständnis
für Seinesgleichen.

4) Bewegend

Humor in Aktion
kultiviert die Entfaltung
wider dunkle Macht.


Zum Geleit CXL

Zur AS-Sitzung am 12. September 2019

Bei Lichte betrachtet

„Die Philosophie teilt das Schicksal der Demokratie. Sie ist gezwungen, militant zu sein, aus dem einfachen Motiv der Selbsterhaltung. In der Welt, die das Ergebnis wäre von Hitlers Sieg, in dieser Gestapo-Welt allgemeiner Versklavung gäbe es Philosophie überhaupt nicht mehr, sowenig wie es Demokratie gäbe.“
Thomas Mann, „Denken und Leben“, 1941.

1) Menschliche Einheit

Denken und Leben
bilden aktiv zusammen
das humane Sein.

2) Entschiedenheit

Die Opposition
wider alle Zerstörung:
gemeinsam wirkend.

3) Bezugspunkte

Bewußter Rückgriff
auf tradierte Erfahrung
schafft Perspektive.

4) Lösung

Das Unbehagen
sei ein Maßstab der Wendung
zum lachenden Blick.


Zum Geleit CXXXIX

Zur AS-Sitzung am 20. Juni 2019

Gebildet

„Auch nach meiner Theorie nichtaristotelischer Dramatik muß man den Ausgang einer Angelegenheit erkennen, um alle Dummheiten der Beteiligten, wenn man sie auf der Bühne sieht, gleich als Dummheiten und nicht etwa als Geniestreiche zu erkennen.“
Bertolt Brecht an Wieland Herzfelde, Skovsbostrand, Ende Juli/Anfang August 1935 (!).

Furcht und Fürchterliches in Auflösung

Läßt der Tiger durch Sanftmut sich zähmen?
Sind Dogmen durch Bitten zu erweichen?
Ist zäher Egoismus durch Lächeln gewandelt?
Wird der Bängliche verschont?

Beste Erfahrung der Menschheit zeigt,
wenn sie angeeignet,
daß Mut Mut gebiert.
Mensch ist nicht allein.

Der Einzelne schöpft aus dem Wissen
der anderen, die sich
stets klug vorgewagt:
Sie sind ein Beispiel.

So sagt uns die innere Stimme:
Ängstlicher Schweinehund,
du kannst mehr wagen,
als dir geboten.

Das Tun ist mehr als ein Geschehen,
Entschiedenheit schafft Welt;
Groß und Klein erfaßt
bildet sich Freude.

Der Tiger hat den Dompteur.
Die Dogmen haben Kritik.
Der Egoismus weicht durch Solidarität.
Die Mutigen lachen.
Wir beginnen.


Zum Geleit CXXXVIII

Zur AS-Sitzung am 2. Mai 2019

Gegenwärtige Geschichte

1) Gut verstanden

„Was man von dem Vorteile und Schaden der Aufklärung sagt, ließe sich gewiß gut in einer Fabel vom Feuer darstellen. Es ist die Seele der organischen Natur, sein mäßiger Gebrauch macht uns das Leben angenehm, es erwärmt unsre Winter und erleuchtet unsre Nächte. Aber das müssen Lichter und Fackeln sein, die Straßenerleuchtung durch angezündete Häuser ist eine sehr böse Erleuchtung. Auch muß man Kinder nicht damit spielen lassen.“ (257)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft K, 1793-1796.

Der gezielt nützliche Gebrauch der Vernunft läßt sich erlernen.

2) Seit hundert Jahren

„Der Friede auf Erden und die Gerechtigkeit der Welt sind deutsche Gedanken, so gut es französische oder griechische sind.“
Heinrich Mann, „Kaiserreich und Republik“, 1919.

Die Weltgemeinschaft hat dieselben Aufgaben. Sie sind weiterhin zu verwirklichen.

3) Die Rolle der Persönlichkeit

„Die Verantwortung jedes einzelnen von uns ist ungeheuer; vergebens würde jemand sie fliehen wollen, weil er zu klein sei, oder sie verschmähen, weil er sich zu groß dünkt.“
Heinrich Mann, ebenda.

Größe entsteht gemeinsam – Selbst-Bewußtsein statt Bescheidenheit, Bildung statt Einbildung.

4) Mit Drive

„Die Existenz der leidenden Menschheit, die denkt, und die denkende Menschheit, die unterdrückt wird, muß aber notwendig für die passive und gedankenlos genießende Tierwelt der Philisterei ungenießbar und unverdaulich werden.“
Karl Marx an Arnold Ruge, 1843, Briefe aus den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“, Marx-Engels-Werke (MEW), Band 1, S. 343.

Wer aneckt, zeigt, daß die Verhältnisse nicht rund sind.


Zum Geleit CXXXVII

Zur AS-Sitzung am 4. April 2019

Sozialer Sinn

„Arme Armut! wie peinigend muß dein Hunger sein dort, wo andre im höhnenden Überflusse schwelgen! Und hat man dir auch mit gleichgültiger Hand eine Brotkruste in den Schoß geworfen, wie bitter müssen die Tränen sein, womit du sie erweichst! Du vergiftest dich mit deinen eigenen Tränen. Wohl hast du recht, wenn du dich zu dem Laster und dem Verbrechen gesellst. Ausgestoßene Verbrecher tragen oft mehr Menschlichkeit im Herzen als jene kühlen, untadelhaften Staatsbürger der Tugend, in deren bleichen Herze„n die Kraft des Bösen erloschen ist, aber auch die Kraft des Guten. Und gar das Laster ist nicht immer Laster.“
Heinrich Heine, „Englische Fragmente“, „II London“, 1831

1) Bewegend

Die Kraft des Guten
hat ihren festen Ursprung
im Erkennen selbst.“

2) Möglichkeit als Wirklichkeit

Im Ungenügen
ist Entfaltung enthalten
zum besseren Werk.

3) Zusammenhang

Der Blick in die Welt
erweist viele Beispiele
triftigen Handelns.

4) Vervielfachung

Die Einzelnen sind
von wachsender Bedeutung
im Zusammenspiel.


Zum Geleit CXXXVI

Zur AS-Sitzung am 28. Februar 2019

Impulse (auch anläßlich des Uni-Jubiläums)

1) Probleme erkennen

„Wenn einer eine Lampe erfindet, die jahrzehntelang nicht ausbrennen kann, dann wird die Erfindung von den Lampenmachern gekauft, nicht, damit solche Lampen nun hergestellt werden, sondern damit sie nicht hergestellt werden können.“
Bertolt Brecht, „Über Erfindungen“, „Me-ti/Buch der Wendungen“, wesentlich entstanden während des Exils der 1930er Jahre.

Viel Nützliches ist vorhanden, muß aber engagiert verwirklicht werden. Neues Allgemeinwohl kann daraus entstehen.

2) Hemmnisse überwinden

„Hände küssen, Hüte rücken,
Knie beugen, Häupter bücken,
Kind, das ist nur Gaukelei,
Denn das Herz denkt nichts dabei!“

Heinrich Heine, Gedichte 1844-1851.

Die Inszenierung von Einverständnis mit dem Falschen hat hohe Bedeutung für den schwer erträglichen Stillstand.
Die verborgene Unruhe sollte wachsend, mit Einsicht, Aussicht, Ansprüchen und gemeinsamem Handeln zum Ausdruck kommen.

3) Geschichte befragen

„Manch jüngere Tendenzen deuten indes auf einen Abschied von der erinnerungskulturellen wie historiografischen Revolutionslethargie hin. Das Hundertjahres-Jubiläum trägt dazu ebenso bei wie ein wieder gewachsenes Interesse an Krisen-, Umbruchs- und Revolutionsphasen in einer Zeit neuer Unsicherheiten. (…) Die Revolution im Speziellen und Weimar im Allgemeinen nicht quasi pathologisch zu untersuchen, sondern als offene historische Situation voller Lebendigkeit und Risiken gleichermaßen, die von den Zeitgenossen verlangte, Widersprüche und Widrigkeiten auszuhalten, könnte uns helfen in einer Zeit, die selbst vom Gefühl neuer Krisenhaftigkeit gekennzeichnet ist.“
Prof. Dr. Alexander Gallus, „Wiederentdeckung einer fast vergessenen Revolution/Die Umbrüche von 1918/1919 als politische Transformation und subjektive Erfahrung“, in: „Revolution! Revolution? Hamburg 1918/19“, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte (25.4.’18-25.2.’19), S. 14-31, hier S. 15 und S. 30.

Die Gründung der Universität Hamburg vor hundert Jahren (28. März 1919) bietet Anlaß, Anregung und Gelegenheit, die Realisierung von Weltfrieden, Demokratie, Aufklärung, sozialer Gerechtigkeit und mündigen Persönlichkeiten neu zu reflektieren und zu unternehmen. Positiv gegen regressive Kräfte und Tendenzen. „Der Forschung Der Lehre Der Bildung“.

4) Mit ziviler Haltung

„Sonjuscha, Liebste, seien Sie trotz alledem ruhig und heiter. So ist das Leben, und so muß man es nehmen, tapfer, unverzagt und lächelnd – trotz alledem.“
Rosa Luxemburg, Brief aus dem Gefängnis an Sonia Liebknecht, 1917.

Es lohnt sich – für Alle, immer und überall.


Zum Geleit CXXXV

Zur AS-Sitzung am 13. Dezember 2018

Achtung oder Die Bedeutung der Kultur

„ – Ferner könnte man sagen, wenn die kriegerischen Eigenschaften durch die Gemeinmachung der Wissenschaften verschwinden, so ist es noch die Frage, ob wir es für ein Glück oder ein Unglück zu halten haben. Sind wir deswegen auf der Welt, daß wir uns untereinander umbringen sollen? Und wenn ja den strengen Sitten die Künste und Wissenschaften nachteilig sind, so sind sie es nicht durch sich selbst, sondern durch diejenigen, welche sie mißbrauchen.“
Gotthold Ephraim Lessing, „Kritische Briefe“ (Neunter Brief), 1751.

Produktive Kontroverse
Aufklärung ist eine starke Kraft –
der Unwissenheit zur Gegnerschaft.
Sie twittert nicht und straft auch Lügen
mit Heiterkeit in großen Zügen.
Sie zaudert nicht und ist bereit
für den Disput im Wahrheitsstreit.
Der Mensch, mit allen seinen Dingen,
soll mit Vernunft zum Wohl gelingen.
So hat er stets die Möglichkeit:
Gemeinsam engagiert – gescheit.


Zum Geleit CXXXIV

Zur AS-Sitzung am 8. November 2018

Grundkurs für Fortgeschrittenes

Allgemeinwohl?
Nicht partikular!

Bildung?
Zur Vertiefung gar.

Chancen?
Zumeist riesengroß.

Deutung?
Stets der Lügen bloß.

Erfolge?
Dann gemeinsam nur.

Fortkommen?
So auf breiter Spur.

Gültigkeit?
Mittels Weltbezug.

Humanität?
Sei niemals genug.

Identität?
Ohne Selbstbetrug.

Jedermensch?
Ist aufgerufen.

Kooperation?
Auf allen Stufen.

Langeweile?
Sei abberufen.

Mühe?
Nicht abzuweisen.

Nähe?
Gleichwohl durch Reisen.

Organisation?
Schafft Möglichkeiten.

Praxis?
Bewegt beizeiten.

Qualität?
Aussicht betreiben.

Ruhe?
Nicht stille bleiben.

Stärke?
Den Krieg besiegen.

Taten?
Sich nicht verbiegen.

Unvernunft?
Soll Haue kriegen.

Vernunft?
Hat Nahrung nötig.

Widerstand?
Nicht ehrerbötig.

Xylophon?
Die Luft beschwingen.

Youngster?
Auch später klingen.

Zeitgenuß?
Gemeinsam singen.


Zum Geleit CXXXIII

Zur AS-Sitzung am 18. Oktober 2018

Lesen, Schreiben, Handeln

1) Das Buch

„Wer sich leicht ablenken lässt oder Texte nur noch überfliegt, wird weder beschriebene Figuren in sich zum Leben erwecken noch den Abwägungen einer differenzierten Darstellung nachgehen können.“
Fridtjof Küchemann, „Die verlorene Zeit“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung („FAZ“), 13.10.2018, S.1 (Leitkommentar).

Lebensmittel
Eng’ Befangenheit
verlassen, vertieft im Nu,
erschließt sich die Welt.

2) Volle Fahrt mit Sinn

„Die Verachtung des ›seelenlosen Rationalismus‹ wirkt nur darum negativ, weil sie noch Volldampf voraus gegen den Rationalismus bedeutet, während längst der Augenblick gekommen ist, aus allen Kräften Gegendampf zu geben.“
Thomas Mann, Tagebücher, 16.3.1935.

Die kritische Vernunft, vereint im gemeinsamen Handeln, bildet Menschen, Strukturen und Werke.

3) Gesteigerte Ansprüche

„Es ist wahr, alle Menschen schieben auf, und bereuen den Aufschub. Ich glaube aber, auch der Tätigste findet so viel zu bereuen, als der Faulste; denn wer mehr tut, sieht auch mehr und deutlicher, was hätte getan werden können.“ (78)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft G, 1779-1783.

Das Wachstum der Persönlichkeit besteht nicht nur in den höheren Zwecken, sondern auch in den entsprechenden Aufgaben: die Veränderung bringt Veränderung hervor.

4) Tatsächlich

„Die einzig praktisch mögliche Befreiung Deutschlands ist die Befreiung auf dem Standpunkte der Theorie, welche den Menschen für das höchste Wesen des Menschen erklärt.“
Karl Marx, „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ Einleitung, 1844, Marx-Engels-Werke (MEW), Band 1, S. 391.

Ein würdiges soziales Leben ist schwer möglich, ohne den Krieg zu beenden und alle Abwertungen praktisch aufzulösen.


Zum Geleit CXXXII

Zur AS-Sitzung am 13. September 2018

Souveränität
oder
Der Wille zur Humanität

„Frei sein heißt, gerecht und wahr zu sein; heißt, es bis zu dem Grade zu sein, daß man Ungleichheit nicht mehr erträgt. Ja, Freiheit ist Gleichheit. Ungleichheit macht unfrei auch den, zu dessen Nutzen sie besteht. Wer die Macht übt, ist ihr Knecht nicht weniger, als wer sie duldet.“
Heinrich Mann, „Voltaire – Goethe“, 1910.

1) Sozialer Irrtum

Die Isolation,
gefühlt, gedacht und gemacht,
wiederholt sich stets.

2) Produktive Irritation

Die Erfahrung lehrt
den Sinn für Gemeinsamkeit
im Nonkonformen.

3) Systematik

Profunde Brüche
mit weiter Sicht und Reife
gestalten das Jetzt.

4) Auch heiter

Die Seele wird licht
in der Kooperation
humanen Wirkens.


Zum Geleit CXXXI

Zur AS-Sitzung am 28. Juni 2018

Die Besserung in Aussicht nehmen!

1) Das Ungeheuerliche erkennen

„Dennoch war es, seltsam genug, auch und gerade dies mechanisch und automatisch weiterlaufende tägliche Leben, was verhindern half, daß irgendwo eine kraftvolle, lebendige Reaktion gegen das Ungeheuerliche stattfand.“
Sebastian Haffner, „Geschichte eines Deutschen/Die Erinnerungen 1914-1933“, 1939/2002, S. 135.

Sicheres Gespür
falschester Wiederholung
bricht den Alltag auf.

2) Ablenkung?

„Das Eigentliche wird durch noch einmal entfachten nationalistischen Rausch aus dem Bewußtsein verdrängt: das Problem des Kapitals und der Arbeit, der Güterverteilung, das vom Nationalen her nicht zu lösen ist.“
Thomas Mann, Tagebücher, Basel, 2.5.1933.

Die Konzentration
auf die soziale Frage:
Gebot der Vernunft.

3) Ein verbindliches Beispiel

„der künstler hat nicht nur eine verantwortung vor der gesellschaft, er zieht die gesellschaft zur verantwortung. kurz, die gesellschaft verliert den instanzcharakter, der künstler hat sie voll zu repräsentieren.“
Bertolt Brecht, „Arbeitsjournal“, 16.1.1942.

Die Kunst des Lebens
wird persönlich gebildet
durch Allgemeinwohl.

4) Neue Fundamente

„Ja, wie im Mittelalter alles, die einzelnen Bauwerke ebenso wie das ganze Staats- und Kirchengebäude, auf den Glauben an Blut beruhte, so beruhen alle unsere heutigen Institutionen auf den Glauben an Geld, auf wirkliches Geld. Jenes war Aberglauben, doch dieses ist der wahre Egoismus. Ersteres zerstörte die Vernunft, letzteres wird das Gefühl zerstören. Die Grundlage der menschlichen Gesellschaft wird einst eine bessere sein, und alle Herzen Europas sind schmerzhaft beschäftigt, diese neue bessere Basis zu entdecken.“
Heinrich Heine, „Die romantische Schule“, Drittes Buch, 1835.

Das stets Wirkliche,
Wesen der Menschenwürde:
Solidarität.


Zum Geleit CXXX

Zur AS-Sitzung am 7. Juni 2018

Bestimmung

„Die Menschheit steht vor einer großen Entscheidung. Sie kann, durch den Triumph betrügerischer Gewalt, um Jahrhunderte, ja um Jahrtausende in ihrer Entwicklung zurückgeworfen werden und der moralischen Verzweiflung an sich selbst verfallen. Oder sie kann, durch schwere Heimsuchung belehrt, einen großen Schritt vorwärts tun in ihrer sozialen Bildung und Vervollkommnung.“
Thomas Mann, vor dem „American Rescue Committee“, 1940.

Gesellschaftliches Wesen

Die Einsamkeit kein Ruhekissen,
Isolation ohne Bestand;
Gemeinsamkeit als hö´hres Wissen,
in gutes Handeln Eingang fand.

Sobald der Mensch solche Zwecke trifft,
kann er im Nu sich entdecken;
kann ganz befreit von der Dummheit Gift,
so er denn will, Kräfte wecken.

Die Einzelheit ist aufgebrochen,
die Angst vermindert mit Verstand,
das Wort zur Tat wird frei gesprochen.

Der Jammer weicht Humor und Freude,
die Mittel liegen leicht zur Hand,
sodann er keine Zeit vergeude.


Zum Geleit CXXIX

Zur AS-Sitzung am 26. April 2018

Bewegungslehre

Der Mensch als Individuum
Dreht sich um sich im Kreis herum;
Hat Sorgen, immer, Tag und Nacht,
So er die Zeit mit sich verbracht.

Die Drehung, das ist ja ihr Sinn,
Hat Tempo und geht nirgends hin;
Richtet sich im Kern nach oben,
Soll den kreisend Stillstand loben.

Das Innehalten bringt sodann,
Daß Mensch sich neu erfassen kann;
Nimmt Zweck und Ziel in seinen Blick,
Erkennt die ander’n, ihr Geschick.

Hinausgelangt aus engem Rund,
Macht sich die Weite wohlsam kund;
Die Sorgen in dem engen Kreis
Sind nun verlassen, wie man weiß.

Bedeutendes hat zugenommen,
Freudiger Sinn Kontur gewonnen;
Die Bewegungsrichtung hat nun Rat:

Er begleitet uns bei jeder Tat.


Zum Geleit CXXVIII

Zur AS-Sitzung am 5. April 2018

Vernunft & Heiterkeit

1) Selbstbewußtsein

„Ich distanziere mich vom modischen Irrationalismus“
Thomas Mann, Tagebuch vom 20.2.1934. (Im Exil in der Schweiz.)

Wer an die „unsichtbare Hand des Marktes“ glaubt, hat seinen Verstand in andere (irdische) Hände gelegt.

2) Weltverständnis

„Die Saat, so deine Jagd zertritt,
Was Roß und Hund und du verschlingst,
Das Brot, du Fürst, ist mein“

Gottfried August Bürger, „Der Bauer“, 1773.

Die Wahrnehmung der sozialen Realität fundiert einen Standpunkt zur drängenden Realisierung der Menschenwürde.

3) Tatsächlichkeit

„Es wimmelt von verkappten Königen, die inkognito leben. Vielleicht braucht jeder diesen kleinen Privatstolz, sonst könnte er es ja wohl nicht durchstehen; vielleicht muß diese Bezugnahme auf einen tieferen, oft nur vermeintlichen Wert dasein, man könnte sonst nicht leben. Es gibt so viel Verhinderte...“
Kurt Tucholsky, „›eigentlich‹“, 1928.

Bei der Verinnerlichung hat die Größe wenig Raum. Echte Statur entsteht erst durch die gemeinschaftliche Verwirklichung humaner Realität.

4) Heitere Spannung

„Jede Ungereimtheit, jeder Kontrast von Mangel und Realität ist lächerlich. Aber lachen und verlachen ist sehr weit auseinander. Wir können über einen Menschen lachen, bei Gelegenheit seiner lachen, ohne zu verlachen.“
Gotthold Ephraim Lessing, „Hamburgische Dramaturgie“, achtundzwanzigstes Stück, 4. August 1767.

Ungenügenheiten können nicht nur Ärger, Kritik, Argumente und Änderungswillen hervorrufen, sondern auch Heiterkeit. Eine neue Stufe ist erreicht.


Zum Geleit CXXVII

Zur AS-Sitzung am 22. Febuar 2018

Die Kraft der Erkenntnis

1) Es geht doch immer weiter

„Nur ja keine Materie für erschöpft anzusehn; es gibt überall noch etwas.“ (179)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft H, 1784-1788.

Immer wenn volltönend angemahnt wird, es gebe keine Alternative, wir hätten gemeine Sachzwänge, es sei alles schon gut, dann werden mit großer Not mögliche, erforderliche, hörbar klopfende Veränderungen zum Besseren zu verbergen versucht. Obacht!

2) Geist und Tat

„Der deutsche Gelehrte hält die Bücher zu lange offen, und der Engländer macht sie zu früh zu. Beides hat indessen in der Welt seinen Nutzen.“
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft G, 1779-1783.

Geistige Gründlichkeit ist nicht falsch, sie muß aber zum Handeln orientieren, also selbst zur Handlung kommen.

3) Nie ohne Aufklärung

„Aber wenn sie [die Aufklärung] im Geistigen gelegentlich sündigte – im Menschlichen und Politischen schuf sie die Grundlage aller modernen Entwicklung im Guten und Besten: Humanität, Toleranz, Demokratie, Wissenschaft und Philosophie. Sie gab dem Menschen ein neues Gefühl seiner Würde.“
Arnold Zweig, „Versuch über Lessing“, 1922.

Die gemeinsame Einsicht in strukturelle Bedingungen, Möglichkeiten und Entfaltungsoptionen der gesellschaftlichen Existenz bzw. individueller Bildung ist Voraussetzung für die Wirksamkeit leidenschaftlicher Rationalität.

4) Einlösung

„Es wird sich zeigen, daß es sich nicht um einen großen Gedankenstrich zwischen Vergangenheit und Zukunft handelt, sondern um die Vollziehung der Gedanken der Vergangenheit. Es wird sich endlich zeigen, daß die Menschheit keine neue Arbeit beginnt, sondern mit Bewußtheit ihre alte Arbeit zustande bringt.“
Karl Marx, September 1843, Briefe aus den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“, Marx-Engels-Werke (MEW), Band 1, S. 346.

Frieden, soziale Gerechtigkeit, demokratische Partizipation, kultivierte Verhältnisse, ein rationales Verhältnis zur Natur und eine erfreuliche menschliche Entwicklung bleiben auf der sozialen Agenda.


Zum Geleit CXXVI

Zur AS-Sitzung am 25. Januar 2018

Mit dem vereinbarten Gesetz

„Frei sein heißt, gerecht und wahr zu sein; heißt, es bis zu dem Grade zu sein, daß man Ungleichheit nicht mehr erträgt. Ja, Freiheit ist Gleichheit. Ungleichheit macht unfrei auch den, zu dessen Nutzen sie besteht. Wer die Macht übt, ist ihr Knecht nicht weniger, als wer sie duldet.“
Heinrich Mann, „Voltaire – Goethe“, 1910.

1) Garantie

Positives Recht:
sichere Ermöglichung
gemeinsamen Tuns.

2) Erfahrung

Positives Recht
als bewußte Aufhebung
freundlicher Absicht.

3) Schutz

Positives Recht
enthält so die Aufgabe,
gleich und frei zu sein.

4) Entwicklung

Positives Recht
impliziert Möglichkeiten
der Verbesserung.


Zum Geleit CXXVI

Zur AS-Sitzung am 2. November 2017

Zur Bedeutung der engagierten Vernunft

1) Achtung, Vorurteile!

„Seit dem 19. Jahrhundert wurden zunehmend Eigenschaften auf die ›Zigeuner‹ projiziert, die in der durch Arbeit und Disziplin geprägten bürgerlichen Gesellschaft an den Rand gedrängt wurden. Sinti und Roma wurden auf Klischees wie die sexuell verführerische Zigeunerin, den genialischen Zigeunergeiger, die hexengleiche Wahrsagerin und den räuberisch vagabundierenden Zigeuner reduziert. Einerseits galten sie als ›edle Wilde‹, andererseits als kulturlose Primitive und ›Lumpenproletarier‹. In diesen Stereotypen waren gleichermaßen Ausbruchssehnsucht und Angst vor dem Fremden aufgehoben.“
Michael Zimmermann, „Zigeuner“, in: „Legenden Lügen Vorurteile, Ein Wörterbuch zur Zeitgeschichte“, Herausgegeben von Wolfgang Benz, München 1992, S. 228.

Das Alte erscheint vermeintlich neu, um das Menschenwürdige zu hindern. Das ist zu durchschauen. Auch mit wissenschaftlichen Lampen.

2) Achtung, Aufklärung!

„(…) Die Gesellschaft wird sich nicht beeilen, uns Autorität einzuräumen. Sie muß sich im Widerstande gegen uns befinden, denn wir verhalten uns kritisch gegen sie; wir weisen ihr nach, daß sie an der Verursachung der Neurosen selbst einen großen Anteil hat. Wie wir den einzelnen durch die Aufdeckung des in ihm Verdrängten zu unserem Feinde machen, so kann auch die Gesellschaft die rücksichtslose Bloßlegung ihrer Schäden und Unzulänglichkeiten nicht mit sympathischem Entgegenkommen beantworten; weil wir Illusionen zerstören, wirft man uns vor, daß wir die Ideale in Gefahr bringen. So scheint es also, daß die Bedingung, von der ich eine so große Förderung unserer therapeutischen Chancen erwarte, niemals eintreten wird. Und doch ist die Situation nicht so trostlos, wie man jetzt meinen sollte. So mächtig auch die Affekte und die Interessen der Menschen sein mögen, das Intellektuelle ist doch auch eine Macht.
Nicht gerade diejenige, welche sich zuerst Geltung verschafft, aber um so sicherer am Ende. Die einschneidendsten Wahrheiten werden endlich gehört und anerkannt, nachdem die durch sie verletzten Interessen und die durch sie geweckten Affekte sich ausgetobt haben. Es ist bisher noch immer so gegangen, und die unerwünschten Wahrheiten, die wir Psychoanalytiker der Welt zu sagen haben, werden dasselbe Schicksal finden. Nur wird es nicht sehr rasch geschehen; wir müssen warten können.“

Sigmund Freud, „Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie“, 1910.

Dem ist wenig hinzuzufügen – außer, bei aller tätigen Geduld: Jede direkte Einmischung hat langfristige Bedeutung.

3) Hinweis

„Bemühe dich, nicht unter deiner Zeit zu sein.“ (474)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft D, 1773-1775.

Eine Welt, eine Menschheit; gemeinsame Fragen, Probleme, Herausforderungen und Besserungsmöglichkeiten – also: „Krähwinkel“ ist gestern.

4) Position

„Jeder Pazifismus, der den Krieg für Petroleum, für Industrien, für Schutzzölle nicht rundweg ablehnt, ist weder gesund noch ungesund, sondern überhaupt keiner.“
Kurt Tucholsky, „›Gesunder Pazifismus‹“, 1928.

Vernunft wird würdig wirksam im Konflikt: Gewalt und Leiden, Egoismus und Wegschauen sind nicht menschlich. Rationalität mit’n Avec und mit Konsequenzen.


Zum Geleit CXXIV

Zur AS-Sitzung am 21. September 2017

Ruhe?

Schön, schön strahlt alles uns nun an –
liegt gar nichts mehr im Argen?
Der Lindner grinst so gut er kann –
soll’n Alle sich verzargen?

Schlecht, schlecht brodelt der Heimatsumpf –
weiß sei die deutsche Farbe.
Die Vorderzähne sind nicht stumpf –
der Hals trägt zwiefach Narbe.

Es tanzet in der Republik
gar mancher um die Mitte.
Dazu gehört nicht viel Geschick,
nur ein paar drehend Schritte.

Gleichwohl hat jeder, der Kritik,
ein hohes Maß Bedeutung.
Er oder Sie mit viel Geschick
wirkt für soziale Läut’rung.

Gerechtigkeit und Frieden gar
sind die gemeinsam’ Sache.
Der Krieger wirkt recht sonderbar,
auf daß Mensch drüber lache.

Solch’ Unruh’ hat auch viel Verstand,
sie macht uns öfter heiter.
Der Schiffskoch sieht jetzt wieder Land
und kocht mit Freude weiter.

Die Wissenschaft ist Teil davon,
sie ist lebendig’ Erbe.
Wenn Einer meint: Genug davon!,
haut sie in diese Kerbe.

Das Fazit dieser kleinen Schau
sei alleweil zugegen:
Am meisten scheint doch gut und schlau,
wenn wir uns immer regen.
(Olaf Walther, 19.09.2017)


Zum Geleit CXXIII

Zur AS-Sitzung am 15. Juni 2017

Neuer Standpunkt

„Die Katholiken bedenken nicht, daß der Glauben der Menschen sich auch ändert, wie überhaupt die Zeiten und Kenntnisse der Menschen. Hier zunehmen und dort stille stehn ist den Menschen unmöglich. Selbst die Wahrheit bedarf zu anderen Zeiten wieder einer andern Einkleidung, um gefällig zu sein.“ (223)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft C, 1772-1773.

„Versuchen wir die religiösen Lehrsätze mit demselben Maß [Anschauung und Beweis] zu messen. Wenn wir die Frage aufwerfen, worauf sich ihr Anspruch gründet, geglaubt zu werden, erhalten wir drei Antworten, die merkwürdig schlecht zusammenstimmen.
Erstens, sie verdienen Glauben, weil schon unsere Urväter sie geglaubt haben, zweitens besitzen wir Beweise, die uns aus eben dieser Vorzeit überliefert sind, und drittens ist es überhaupt verboten, die Frage nach dieser Beglaubigung aufzuwerfen. Dies Unterfangen wurde früher mit den allerhärtesten Strafen belegt und noch heute sieht es die Gesellschaft ungern, daß jemand es erneuert.“

Sigmund Freud, „Die Zukunft einer Illusion“, Kapitel V, 1927.

Neugebote?

Die Geschichte ist zu Ende,
Da ist kein besonderer Sinn.
Da gibt es keinerlei Wende,
Wir sind gefangen mittendrin.
Ordnung ist das ganze Leben,
Wo geheime Kräfte weben.
Dumm-Sprüche für Mutter und Kind,
Damit alle hübsch artig sind.
Morgen ist heut´ seit gestern schon,
Vergessen sei die Rebellion.
Bei derart massivem Glauben
Viele Menschen langsam grollen,
Weil sauer sind stets die Trauben,
Die sie nicht mehr essen wollen.
Es naht der Tag der Wende nun,
Am Anfang steht fester Wille,
Wir wollen uns zusammentun:
Ganz fort mit der rosa Brille!
Olaf Walther, 15.06.2017.


Zum Geleit CXXII

Zur AS-Sitzung am 11. Mai 2017

Orientierte Freiheit

Notabene

„Erfolg“ hat vielfach jeder dann,
Wenn er dafür vergessen kann,
Im Eifer also schnell vergißt,
Was wirklich rundum nützlich ist,
Was Sehnsucht ist und Frieden schafft,
Wo täglich eine Wunde klafft,
Was nährt und schafft der Seele Ruh’,
Womit der Mensch gedeit im Nu,
Was Heilung bringt und frohes Licht,
Wo Not auf Wendung ist erpicht,
Was Arbeit schafft mit einem Sinn,
Wo Ärger schwindet eilig hin,
Was Bildung baut in schöner Art,
Womit begonnen jeder Start.
Wer aber recht erinnern kann,
Fängt Gutes immer wieder an.
(Olaf Walther)


Zum Geleit CXXI

Zur AS-Sitzung am 6. April 2017

Immer wieder!
(Die Möglichkeit als Verantwortung)

1) Hinnehmen?

„5
Die Unternehmer dort: nur jeden dritten
Können sie brauchen und verwerten sie.
Ich sagte den Nichtunternommenen: Die müßt ihr bitten
Ich selbst versteh nichts von Ökonomie.“

Bertolt Brecht, „Ballade von der Billigung der Welt“, 1934.

Wenn sich eingeschlichen hat, nach und nach zunehmend, das Gefühl für Ungerechtigkeit und Unerträglichkeit, dann steht der Wandel vor der Tür. Wir sollten ihn einlassen und begrüßen.
Er ist ein freundlicher Zeitgenosse.

2) Grenzüberschreitung

„Tempelherr:
Der Aberglauben schlimmster ist, den seinen
Für den erträglichern zu halten...“

Gotthold Ephraim Lessing, Nathan der Weise“, 1779.

Sich genügsam zu halten, hat viele Gestalten. Keine davon ist aufrecht. Besser sehen, gehen und heiter sein gelingt mit weiter Haltung. Gemeinsam.

3) Wörtlich handeln

„Was man nicht sagen kann, bleibt unerlöst - ›besprechen‹ hat eine tiefe Bedeutung.“
Kurt Tucholsky, „Mir fehlt ein Wort“, 1929.

Wer Analyse, Kritik, Erkenntnisgewinn, die Bildung mündiger Menschen als „dummes Gelaber“ abtut, steht auf seiten der Kulturfeindschaft. Diese Fratze hat Gelächter verdient.

4) Mit Rhythmus

„Trommle die Leute aus dem Schlaf,
Trommle Reveille [Weckruf] mit Jugendkraft,
Marschiere trommelnd immer voran,
Das ist die ganze Wissenschaft.“

Heinrich Heine, „Doktrin“, 1842.

Die Wende braucht Musik – Richtung, Bewegung, Takt, Melodie und Orchester.


Zum Geleit CXX

Zur AS-Sitzung am 2. März 2017

Erkenntnis und Handeln

1) Physiognomie

„Es gibt Gesichter in der Welt, wider die man schlechterdings nicht Du sagen kann.“ (30)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft G, 1779-1783.

Es gibt offenkundige Anzeichen von Brutalität und Gefahren, zu denen sich lediglich Abstand und Widerstand entwickeln läßt.

2) Politik!

„Hat das musikalische Genie nichts mit Humanität und ›verbesserter Gesellschaft‹ zu tun? Arbeitet sie ihr vielleicht entgegen? Aber Beethoven war ein Mann des Glaubens an revolutionäre Menschenliebe, und französische Literaten haben ihm mit Verachtung vorgeworfen, er führe als Musiker die Sprache eines radikalen Ministers...“
Thomas Mann, „Die Entstehung des Doktor Faustus“, 1947.

Was für die Musik gilt, mag ebenso für die Wissenschaften gelten; was für die Wissenschaften gilt, mag ihre Subjekte motivieren.

3) Bestimmung

„Jede Entwicklung, welches ihr Inhalt sei, läßt sich darstellen als eine Reihe von verschiedenen Entwicklungsstufen, die so zusammenhängen, daß die eine die Verneinung der andern bildet.“
Karl Marx, „Die moralisierende Kritik und die Kritik der Moral“, 1847, Marx-Engels-Werke (MEW), Band 4, S. 336.

Wenn Frieden, Aufklärung, Demokratie und die sozialen und kulturellen Menschenrechte negiert werden, ist es höchste Zeit, sie zu verwirklichen.

4) Plaisir

„Warum?
Warum schneidet man sich meist die Nägel, wenn man es sehr eilig hat?
Warum ärgert einen das Schnarchen eines andern, wenn man allein ist – und warum muß man lachen, wenn man es mit mehreren hört?“

Kurt Tucholsky, „Warum eigentlich?...“, 1928.

Neben vielen Ärgernissen, Aufgaben, Zweifeln, Möglichkeiten und Fragen sind die Gelegenheiten des Lachens nicht verschwunden.


Zum Geleit CXIX

Zur AS-Sitzung am 12. Januar 2017

Die Gleichheit in der Vernunft

1) Tatendrang

„Nathan:
Gewiß, nicht tot! Denn Gott lohnt Gutes, hier
Getan, auch hier noch. – Geh! – Begreifst du aber,
Wieviel andächtig schwärmen leichter als
Gut handeln ist? wie gern der schlaffe Mensch
Andächtig schwärmt, um nur – ist er zuzeiten
Sich schon der Absicht deutlich nicht bewußt –,
Um nur gut handeln nicht zu dürfen?“

Gotthold Ephraim Lessing, „Nathan der Weise“, 1779.

Souverän
Der Wille zur Tat
ist dann real geworden,
so er selbst erkannt.

2) Mentale Grenzen

„Tempelherr:
Der Aberglaub, in dem wir aufgewachsen,
Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum
Doch seine Macht nicht über uns. – Es sind
Nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.“

A.a.O.

Im Werden
Jedes Vorurteil
hat seinerseits Geschichte,
ist ermittelbar.

3) Grenzüberschreitung

„Tempelherr:
(...) Der Blick des Forschers fand
Nicht selten mehr, als er zu finden wünschte.“

A.a.O.

Assoziiert
Vertraue Deinem
Impetus, welcher vereint
mit anderen wirkt.

4) Sturmfest

„In dieser Reihenfolge liegt eben das
Versöhnende; das Barbarische empört uns nicht
mehr, und das Abgeschmackte verletzt uns nicht
mehr, wenn wir es als Anfänge und notwendige
Übergänge betrachten.“

Heinrich Heine, „Reise von München nach Genua“, 1828.

Geprüft
Die wahre Freude
war und ist und bleibt das Maß
guten Gelingens.


Zum Geleit CXVIII

Zur AS-Sitzung am 17. November 2016

Engagierte Rationalität

„Wir wollen kämpfen mit Haß aus Liebe. Mit Haß gegen jeden Burschen, der sich erkühnt hat, das Blut eigener Landsleute zu trinken, wie man Wein trinkt, um damit auf seine Gesundheit und die seiner Freunde anzustoßen. Mit Haß gegen einen Klüngel, dem übermäßig erraffter Besitz und das Elend der Heimarbeiter gottgewollt erscheint, der von erkauften Professoren beweisen läßt, daß dem so sein muß, und der auf gebeugten Rücken vegetierender Menschen freundliche Idyllen feiert. Wir kämpfen allerdings aus Liebe für die Unterdrückten, die nicht notwendigerweise Proletarier sein müssen, und wir lieben in den Menschen den Gedanken an die Menschheit.“
Kurt Tucholsky, „Wir Negativen“, 1919. (Für die damalige „Weltbühne“.)

1) Ausgangspunkt

Frieden

Ganz frei von Waffen,
das ist der zivile Weg,
der zu gehen ist.

2) Kontrapunkt

Wider die Brutalität

Wer sich jäh auflehnt
wider die Einschränkungen,
hat den Kurs bestimmt.

3) Haltungspunkt

Sicher

Stete Geneigtheit
zur Kooperation ist
keinesfalls schwankend.

4) Höchster Punkt

Lebensfreude

Lachen
verbreitet die Erkenntnis,
daß Entfaltung naht


Zum Geleit CXVII

Zur AS-Sitzung am 13. Oktober 2016

Vitale Gedanken

1) Alternative

„Ängstlich zu sinnen und zu denken, was
man hätte tun können, ist das Übelste, was
man tun kann.“
(253)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft K, 1793-1796.

Beherzt zu sinnen und zu denken, wie sich aus Fehlern lernen läßt (Geschichte), gehört zu dem Produktivsten, was sich tun läßt.

2) Motivierte Expansion

„Wir müssen uns bemühen, klarer zu sehen. Wir müssen unsere Grenzen kennenlernen. Grenzen sind nicht immer bloß ein negatives Element, sie können auch eine Kraft bedeuten.“
Frederico Fellini, „Ein Gleichgewicht zwischen Fühlen und Denken“, 1978.

Man muß Enge nicht mögen. Wer sie abschüttelt, entdeckt neue Wege und erkennt die Nachbarn.

3) Bewegung

„Theater
Ins Licht treten
Die Treffbaren, die Erfreubaren
Die Änderbaren.“

Bertolt Brecht, Gedichte 1953-1956.

Auf der Bühne geht die Handlung voran. Die Figuren haben Entwicklung. Der Applaus gilt – mit Übereinstimmung – dem Verlassen des Elends.

4) Reflektierte Aktion

„Du bekommst einen Brief, der dich maßlos
erbittert? Beantworte ihn sofort. In der
ersten Wut. Und das laß drei Tage liegen.
Und dann schreib deine Antwort noch mal.“

Kurt Tucholsky, "Schnipsel", 1932.

Die Bedrängnis ist alltäglich. Der Ärger verständlich. Er läßt sich orientieren. Der Disput wird produktiv. Veränderungen bekommen Sinn und Gestalt.


Zum Geleit CXVI

Zur AS-Sitzung am 15. September 2016

Zugewandt

„Zuckerbrot und Peitsche
Nun senkt sich auf die Fluren nieder
der süße Kitsch mit Zucker-Ei.
Nun kommen alle, alle wieder:
das Schubert-Lied, die Holz-Schalmei ...
Das Bürgertum erliegt der Wucht:
Flucht, Flucht, Flucht.

Sie wollen sich mit Kunst betäuben,
sie wollen nur noch Märchen sehn;
sie wollen ihre Welt zerstäuben
und neben der Epoche gehn.
Aus Not und militärscher Zucht:
Flucht, Flucht, Flucht.

So dichtet. Dichter: vom Atlantik,
von Rittern und von Liebesnacht!
Her, blaue Blume der Romantik!
»Er löste ihr die Brünne sacht ... «
Das ist Neudeutschlands grüne Frucht:
Flucht, Flucht, Flucht.

Wie ihr euch durch Musik entblößtet!
In eurer Kunst ist keine Faust.
So habt ihr euch noch stets getröstet,
wenn über euch die Peitsche saust.
Ihr wollt zu höhern Harmonien
fliehn, fliehn, fliehn.

Es hilft euch nichts. Geht ihr zu Grunde:
man braucht euch nicht. Kein Platz bleibt leer.
Ihr winselt wie die feigen Hunde –
schiebt ab! Euch gibt es gar nicht mehr!
Wir andern aber wirken weit
in die Zeit!
In die Zeit!
In die Zeit!“

Kurt Tucholsky (‚Theobald Tiger‘), 09.12.1930.
Nota bene, 2016

Die Krise hat ein Freizeitgesicht,
Das zeigt Tucho gereimt und dicht.
Wer aus der Geschichte lernen will,
Hält nicht länger die Füße still –
Soll heißen: Wir gewinnen Haltung
Durch Sinn, Zweck und heit’re Gestaltung.
Die blaue Blume mag stille blüh’n,
Derweil sich Alle um Licht bemüh’n –
Gemeinsam zu neuer Tat bereit:
In der Zeit, in der Zeit, in der Zeit!


Zum Geleit CXV

Zur AS-Sitzung am 7. Juli 2016

Konsequent – Schritt für Schritt

1) Wiederholt

„Wer, ehe er zu handeln, besonders zu schreiben beginnt, vorher untersuchen zu müssen glaubt, ob er nicht vielleicht durch seine Handlungen und Schriften hier einen Schwachgläubigen ärgern, da einen Ungläubigen verhärten, dort einem Bösewichte, der Feigenblätter sucht, dergleichen in die Hände spielen werde, der entsage doch nur gleich dem Handeln, allem Schreiben.“
Gotthold Ephraim Lessing, „Anti-Goeze“, Vierter, 1778.

Wer niemals beginnt, kommt immer zu spät.

2) Frage

„Die Bank ist der allgemeine Käufer, der Käufer nicht nur dieser oder jener Ware, sondern aller Ware.“
Karl Marx, „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie/Das Kapitel vom Geld“, 1858, Marx-Engels-Werke (MEW), Band 42, S. 88.

Ist das Geistige eine Ware?

3) Ein Literat antwortet

„Wer also in Deutschland der ›Demokratie‹ das Wort redet, meint nicht eigentlich Pöbelei, Korruption und Parteienwirtschaft, wie es populärerweise verstanden wird, sondern er empfiehlt damit der Kulturidee weitgehende zeitgemäße Zugeständnisse an die sozialistische Gesellschaftsidee, welche nämlich längst viel zu siegreich ist, als daß es nicht um den deutschen Kulturgedanken überhaupt geschehen sein müßte, falls er sich konservativ gegen sie verstockte.“
Thomas Mann, „Kultur und Sozialismus“, 1928.

Der Veganismus hat nicht diese Reichweite.

4) Ursprung des Lichts

„Ich kenne keinen blendenden Stil, der seinen Glanz nicht von der Wahrheit mehr oder weniger entlehnet. Wahrheit allein gibt echten Glanz und muß auch bei Spötterei und Posse, wenigstens als Folie, unterliegen.“
Gotthold Ephraim Lessing, „Anti-Goeze“, Zweiter, 1778.

Das orientierend Überzeugende ist mehr als die bloße Präsentation.


Zum Geleit CXIV

Zur AS-Sitzung am 16. Juni 2016

Sinngebung

1) So oder so

„Seit wann ist dann schlecht und recht und recht schlecht einerlei?“ (25)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft E, 1775-1776.

Entscheidungen gewinnen an Bedeutung – von Allen und überall.

2) Wende

„Der zerkleinerte und künstlich kurzweilig gemachte Tag war ihm buchstäblich unter den Händen zerbröckelt und zunichte geworden, wie er mit heiterer Verwunderung oder allenfalls nachdenklich bemerkte; denn Grauen hiervor war seinen Jahren noch fremd. Ihm war nur, als blicke er ›immer noch‹.“
Thomas Mann, „Der Zauberberg“, 1924, Aufbau Verlag 1987, S. 255.

Man plane, irdisch, über den Tag hinaus und lande nicht im Kriege. Der Frieden muß Alltag werden.

3) Einheit

„Freilich, die geistigen Interessen müssen mit den materiellen Interessen eine Allianz schließen, um zu siegen.“
Heinrich Heine, „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“, Erstes Buch, 1834.

Die Wissenschaften haben eine Aufgabe: Die Schaffung einer menschenwürdigen Existenz.

4) Im Disput

„Und erfahrungsgemäß kreischt ja niemand so wie der, dem recht geschieht.“
Kurt Tucholsky, „Standesdünkel und Zeitung“, 1926.

Das Neu-Aufkommen des Rückwärtsgewandten bedarf der Gegnerschaft.
Dafür gibt es eine Mehrheit. Sie sollte sich kennen und wirken lernen.


Zum Geleit CXIII

Zur AS-Sitzung am 26. Mai 2016

Nur Mut!

1) Vermeidung meiden

„Ängstlich zu sinnen und zu denken, was man hätte tun können, ist das Übelste, was man tun kann.“ (253)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft K, 1793-1796.

Zweifel über das Wohlbestellt-Sein der Gegenwart, die ja stets ihre Geschichte hat – auch des eigenen Handelns –, sind nicht falsch, sollten aber zu Richtigem führen.

2) Verneinung des Falschen

„Aus Heinrich Mann spricht aber nicht nur die Weimarer Republik. Kultur entsteht, wird produziert in seinen Aufsätzen, indem er den Faschismus angreift.“
Bertolt Brecht, Notizen zu Heinrich Manns ›Mut‹, 1939.

Erst aus der Entscheidung zur Gegnerschaft wider das Menschenunwürdige entsteht die wirksame Einheit von Geist und Tat, d.h. die Aktivierung der so Verbündeten.

3) Kategoriale Einheit

„Frei sein heißt, gerecht und wahr zu sein; heißt es bis zu dem Grade sein, daß man Ungleichheit nicht mehr erträgt. Ja, Freiheit ist Gleichheit.“
Heinrich Mann, „Voltaire – Goethe“, 1910.

Wie? Wer wagt es hier, Freiheit und Gleichheit, einander bedingend, in eins zu setzen?
Heinrich Mann.

4) Gegen alle Usancen?

„Nun sind aber die Lebensgewohnheiten im bürgerlichen Haushalt keinem Wechsel der Geschichte unterworfen; ›der bürgerliche Haushalt wird nur deshalb betrieben, damit der archäologische Forscher dort noch heute die Arbeitsmethoden der Steinzeit studieren kann‹ (Sir Galahad). Hier eingreifen stößt auf Mord. Keine Zeitung, die es wagen könnte, in diesen Muff eine wettersichere Grubenlampe hinunterzulassen – das Geschrei von Hausfrauen, klavierübenden und gesangsheulenden Damen beiderlei Geschlechts, von organisierten Tierfreunden und reinemachewahnsinnigen Besessenen dampfte ihnen entgegen. In meiner Wohnung kann ich machen, was ich will – das wäre ja gelacht.“
Kurt Tucholsky, „Traktat über den Hund sowie über Lerm und Geräusch“, 1927.

Lachen? Gegen alle Usancen? Gegen schlechte – ja!


Zum Geleit CXII

Zur AS-Sitzung am 21. Januar 2016

Mitteilungen
oder
Wie Entwicklung Freude machen kann

1) Auf Kassandra hören

„Die Situation scheint sich dem Kriege zu nähern, wird sich voraussichtlich wieder von ihm entfernen, um am Ende doch in ihm unterzugehen. Die kapitalistische Welt wird durch ihr Hätschelkind, den Fascismus, zum Kriege gezwungen werden.“
Thomas Mann, Tagebuch, 29.3.1939.

Schlechte Voraussagen werden nicht gemacht, damit sie eintreffen. Das Negative kann bekämpft werden. Einsichtiges Handeln ist wirksamer Teil der Realität.

2) Sprache, Erkenntnis und Konsequenz

„Man muß die Kategorien ändern, und das wird die Änderung der wirklichen Gesellschaft zur Folge haben.“
Karl Marx, Brief an P.W. Annenkow vom 28. Dezember 1846.

Krieg ist nicht Frieden, soziale Ungleichheit nicht demokratisch, rein betriebswirtschaftliches Denken nicht vernünftig, und die Konkurrenz ist keine Natureigenschaft des Menschen.

3) Der richtige Impuls: Zusammen.

„Der einzelne erwartet, daß der Organismus handelt, auch wenn er nicht tätig wird, und er überlegt nicht, daß gerade deshalb, weil seine Einstellung weit verbreitet ist, der Organismus notwendig untätig ist.“
Antonio Gramsci, „Gefängnishefte“, Heft 15 (1933), § 13 „Kulturprobleme Fetischismus.“

Wenn Alle sich besonders richtig begreifen, dann wird der Jammer verschwindend klein. Die offene Aussprache bringt gemeinsame Aufgaben hervor. Der aufgeklärte Sozialbezug erzeugt gesellschaftliche Bewegung, wo bisher im Zweifel verharrt wurde. Die Richtung läßt sich bestimmen.

4) Mit’n Avec

„Wenn die Unternehmer alles Geld im Ausland untergebracht haben, nennt man dieses den Ernst der Lage.“
Kurt Tucholsky, „Kurzer Abriss der Nationalökonomie“, 1931.

Steuervermeidung und -hinterziehung sind an sich nicht lustig. Das Durchschauen straft Lügen als solche und kann auch Tatsachen korrigieren. Lachen ist nicht verboten.


Zum Geleit CXI

Zur AS-Sitzung am 21. Januar 2016

Zuversicht?

1) Position

„Ein andres
Geh! gehorche meinem Winken,
Nutze deine jungen Tage,
Lerne zeitig klüger sein:
Auf des Glückes großer Waage
Steht die Zunge selten ein;
Du mußt steigen oder sinken,
Du mußt herrschen und gewinnen,
Oder dienen und verlieren,
Leiden oder triumphieren,
Amboß oder Hammer sein:“

Johann Wolfgang v. Goethe, Gedichte 1786-1788.

Hier drängt sich die Frage auf: Warum nicht „Schmied“ – allezeit?

2) Wandlung

„Die große Welt
Die Waage gleicht der großen Welt:
Das Leichte steigt, das Schwere fällt.“

Gotthold Ephraim Lessing, „Sinngedichte“, 1753-1771.

Was ist, ist geworden; was nicht bleiben soll, kann auch gehen. Ohnmacht übersieht so manches.

3) Aufklärung mit Konsequenz

„Im Jahre der Gnade 1789 begann in Frankreich derselbe Kampf um Gleichheit und Brüderschaft [wie in der deutschen Reformation], aus denselben Gründen, gegen dieselben Gewalthaber, nur daß diese durch die Zeit ihre Kraft verloren und das Volk an Kraft gewonnen und nicht mehr aus dem Evangelium, sondern aus der Philosophie seine Rechtsansprüche geschöpft hatte.“
Heinrich Heine, „Französische Zustände“ (1832), Beilage zu Artikel VI.

Die Philosophie kann eine Bewegerin sein. Aus der Geschichte läßt sich lernen. Bildung für Alle erhält so ihren Sinn.

4) Dialogisch

„Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, daß die meisten Menschen nicht zuhören können? Daß sie nur warten, bis sie dran sind – und daß sie dann, ohne Sinn und Zusammenhang, »ihrs« aufsagen, ganz gleich, was der Vorredner gesagt hat? Selten kommt das zustande, was Bahr* einmal so glücklich »das Kind des Gesprächs« genannt hat, fast nie.“
Kurt Tucholsky, „Die Inseln“, 1929.

Wer das liest, unterscheidet sich selbstverständlich davon. Hand aufs Herz.

* Hermann A. Bahr (1863 – 1934) war ein österreichischer Schriftsteller und Kunstkritiker.


Zum Geleit CX

Zur AS-Sitzung am 17. Dezember 2015

Aufgeschoben?
Eine Widerrede

1) Der Ausgang aus der...

„Eine Epoche nur nach denjenigen ihrer Erscheinungen zu werten, die in Presse, Buch oder Kunstwerk einen Niederschlag gefunden haben, ist töricht; so haben zum Beispiel die wirtschaftlich Unterdrückten fast niemals den Apparat zur Verfügung, der ihrer Bedeutung entspricht.“
Kurt Tucholsky, „Die Zeit“, 1930.

Es gibt sie ja doch – immer mehr –, die Alternative: in manchem, an vielen Orten; sie beginnt im eigenen Unbehagen, hat historische Beispiele, einen Sinn für Seinesgleichen sowie die menschliche Tatsache des aktiven Lernens.

2) Aufschub?

„Der Zeit aber wollen wir nicht nachlaufen, wir wollen in ihr leben.“
Kurt Tucholsky, „Die Zeit“, 1930.

Wir kennen das: Bei bedrängter Getriebenheit läuft das Glück stets hinterher. So war das nicht gemeint. Wenn wir die Richtung ändern, ist das anders. Die Erkenntnisse sind gewachsen. Es fehlt: Das Sprengen von engen Gewohnheiten.

3) Realiter

„– Romantiker glauben immer, wenn sie bewegt seien, bewegten sie auch schon dadurch die Welt. Selbst echte seelische Erschütterung ist noch kein Beweis für die Nützlichkeit und den Wert einer Idee.“
Kurt Tucholsky, „Die deutsche Pest“, 1930.

Der Mensch als Subjekt sei rational, leidenschaftlich, eigenwillig, aufmerksam, sozial interessiert, schimpfend und lachend sowie gesellschaftlich wirksam – ohn’ Unterlaß. So ist die schwärmerische Schwermut ausgetanzt.

4) Nicht ohne Zwerchfell

„ Jeder Mann seine eigene Partei. Übrigens kommt sowas nur bei Dackelvereinen vor. Politische Parteien tun dergleichen fast nie. Womit ich nichts gesagt haben möchte.“
Kurt Tucholsky, „Die Opposition“, 1930.

Sich zu assoziieren ist am besten ungleich der Vereinsmeierei.


Zum Geleit CIX

Zur AS-Sitzung am 15. November 2015

Aufklärung
Eine alte Sache neu

1) Der Skandal

„Der [VW-] Skandal wird immer größer und unübersichtlicher, die Fragen immer zahlreicher. Wie konnte es sein, dass niemand die Tricksereien bei den Tests bemerkte? Nicht das Kraftfahrtbundesamt? Nicht die vom Amt beauftragten Prüfer, hier insbesondere der Tüv Nord? (…) Es geht darum, herauszufinden, ob VW ein Einzelfall ist.“
Lisa Nienhaus, „Das System Volkswagen“, „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ („FAS“), 8.11.´15, S. 23.

„An einen Lügner
Du magst so oft, so fein, als dir nur möglich, lügen, Mich sollst du dennoch nicht betriegen. Ein einzigmal nur hast du mich betrogen, Das kam daher, du hattest nicht gelogen.“

Gotthold Ephraim Lessing, Sinngedichte, 1753-1771.

2) Mit Verstand

„Trux an den Sabin
Ich hasse dich, Sabin; doch weiß ich nicht weswegen:
Genug, ich hasse dich. Am Grund ist nichts gelegen.
Antwort des Sabin
Haß mich, soviel du willst! doch wüßt ich gern, weswegen;
Denn nicht an deinem Haß, am Grund ist mir gelegen.“

Lessing, ebenda.

Nicht nur alle Beteiligten wissen, daß die Steigerung des ökonomischen Gewinns vor Mensch und Umwelt steht. Das ist zu ändern.

3) Änderung

„In ein Stammbuch
Wer Freunde sucht, ist sie zu finden wert;
Wer keinen hat, hat keinen noch begehrt.“

Lessing, ebenda.

Erkenntnisse fordern Konsequenzen, Wirkungen verlangen Handlungen – Taten folgen Worten: Solidarität.

4) Haltung

„Ein Besonderes, insofern wir das Allgemeine in ihm anschauend erkennen, heißt Exempel.“
Lessing, „Abhandlungen über die Fabel“, 1759.

Ein Beispiel zeigt uns, daß wir überall erkennen, handeln und verändern können.


Zum Geleit CVIII

Zur AS-Sitzung am 22. Oktober 2015

Aufgeben?

„Ein Kommentar

Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, daß es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich mußte mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: »Von mir willst du den Weg erfahren?» »Ja«, sagte ich, »da ich ihn selbst nicht finden kann.« «Gibs auf, gibs auf«, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.“
Franz Kafka, 1922.

Erkennen
Wer sich so sieht, in fremder Stadt, getrieben –
Im Schritt geeilt, der Weg ist ungewiß –,
Der möchte nicht, die Kirchturmuhr schlägt sieben,
Daß dann die Obrigkeit mit Lachgebiß
Den Suchenden durch Häme pur degradiert,
Skurril den hilfreich Hinweis verweigert,
Sich in der Verachtung am wenigsten ziert,
Sie sogar am Ende weidlich steigert.
So sehen wir, geh´n streng damit zu Gericht,
Sagen klar mit Bestimmtheit nun: So nicht!


Zum Geleit CVII

Zur AS-Sitzung am 3. September 2015

Der Sachzwang, ein schlechter Begleiter

1) Den Widerspruch wissen

„Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht.“
Franz Kafka, „Der Prozeß“, vollendet 1914/15, erschienen 1925.

Wir halten inne: Die unbeugsame Vitalität bezwingt das scheinbar Unausweichliche?
Man kennt das: Es war nicht immer so. Das läßt hoffen.

2) Die Ablehnung des Gegenteils

„Maske des Bösen
An meiner Wand hängt ein japanisches Holzwerk
Maske eines bösen Dämons, bemalt mit Goldlack.
Mitfühlend sehe ich
Die geschwollenen Stirnadern, andeutend
Wie anstrengend es ist, böse zu sein.“

Bertolt Brecht, Gedichte 1939-1949.

Ein Bildnis an der Wand: Neid, Mißgunst, Rachelust, Unterwerfungsenergie,
Un-Souveränität – kurz vor dem Ausbruch – erheischen – nicht ohne eine Spur von Ironie – Mitleid wegen der negativen und nutzlosen Anstrengung. Anders-Sein liegt nahe.

3) Das Ringen

„War ich ein Kämpfer? Ich gestaltete, was ich sah, und suchte mein Wissen überzeugend, wenn es hoch kam, auch anwendbar zu machen.“
Heinrich Mann, „Ein Zeitalter wird besichtigt“ (Autobiographie), 1944.

Freiheit, Gleichheit und Solidarität: Erbe, Tatsache, Prozeß und Ergebnis. Nachlesbar und aktuell.

4) Das vermaledeite Subjekt

„Man soll nichts tun, was einem nicht gemäß ist.“
Kurt Tucholsky, „Schnipsel“, 1932.

Schon wieder Tucholsky? Er hat recht.


Zum Geleit CVI

Zur AS-Sitzung am 9. Juli 2015

Fortsetzung
(Wider den Stillstand)

1) Weltspiegel

„Niemand wird leugnen, daß in einer Welt, in welcher sich alles durch Ursache und Wirkung verwandt ist, und wo nichts durch Wunderwerke geschieht, jeder ein Spiegel des Ganzen ist.“
Georg Christoph Lichtenberg, „Über Physiognomik“, 1778.

Wer sich nicht im Labyrinth des Selbst verliert, sich hingegen im Wechsel zur Welt begreift, kann Einsichten, Aussichten sowie Gestaltungspotentiale entdecken.

2) Kooperation

„Kein gerechterer Beurteiler fremden Verdienstes als der philosophische Kopf. (…) – zwischen denkenden Köpfen gilt eine innige Gemeinschaft aller Güter des Geistes; was einer im Reiche der Wahrheit erwirbt, hat er allen erworben.“
Friedrich Schiller, „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“, 1789.

Spezielle Erkenntnis muß allgemein werden. Anregungen gehen hinaus und erweitern die Ansprüche. Geheimnisse verbittern. Geschichte ist lehrreich.

3) Engagement

„Nein, nein, nein. Es setzt sich nur so viel Wahrheit durch als wir durchsetzten; der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein.“
Bertolt Brecht, „Leben des Galilei“, 1939.

Was ist – auch und nicht zuletzt für die Wissenschaft – ein optimales Gemeinwesen?
Frieden und Brot, Vernunft und Musik.

4) Haltung
„Der Republikanismus eines Volkes besteht dem Wesen nach darin: daß der Republikaner an keine Autorität glaubt, daß er nur die Gesetzte hochachtet, daß er von den Vertretern derselben beständig Rechenschaft verlangt, sie mit Mißtrauen beobachtet, sie kontrolliert, daß er also nie den Personen anhängt und diese vielmehr, je höher sie aus dem Volke hervorragen, desto emsiger mit Widerspruch, Argwohn, Spott und Verfolgung niederzuhalten sucht.“
Heinrich Heine, „Französische Zustände“, Artikel IX, 1832.

Zudem: Es gibt außer Parlament und Regierung viele gesellschaftliche Betätigungsfelder, die in Richtung 3) weisen.


Zum Geleit CV

Zur AS-Sitzung am 18. Juni 2015

Zur Möglichkeit drängen

„Ein deutsches Volkslied

»Das Volk ist doof, aber gerissen.«
In deutschen Landen ist augenblicklich ein Lied im Schwange, das den vollendetsten Ausdruck der Volksseele enthält, den man sich denken kann – ja, mehr: das so recht zeigt, in welcher Zeit wir leben, wie diese Zeit beschaffen ist, und wie wir uns zu ihr zu stellen haben. Während der leichtfertige Welsche sein Liedchen vor sich hinträllert, steht es uns an, mit sorgsamer, deutscher Gründlichkeit dieses neue Volkslied zu untersuchen und ihm textkritisch beizukommen. Die Worte, die wir philologisch zu durchleuchten haben, lauten:

Wir versaufen unser Oma sein klein Häuschen –
sein klein Häuschen – sein klein Häuschen –
und die erste und die zweite Hypothek!

Bevor wir uns an die Untersuchung machen, sei zunächst gesagt, dass das kindliche Wort ›Oma‹ so viel bedeutet wie ›Omama‹, und dieses wieder heißt ›Großmutter‹. Das Lied will also besagen: »Wir, die Sänger, sind fest entschlossen, das Hab und Gut unsrer verehrten Großmutter, insbesondere ihre Immobilien, zu Gelde zu machen und die so gewonnene Summe in spirituösen Getränken anzulegen.« Wie dies –? Das kleine Lied enthält klipp und klar die augenblickliche volkswirtschaftliche Lage: Wir leben von der Substanz. So, wie der Rentner nicht mehr von seinen Zinsen existieren kann, sondern gezwungen ist, sein Kapital anzugreifen – so auch hier. Man beachte, mit welcher Feinheit die beiden Generationen einander gegenübergestellt sind: die alte Generation der Großmutter, die noch ein Häuschen hat, erworben von den emsig verdienten Spargroschen – und die zweite und dritte Generation, die das Familienvermögen keck angreifen und den sauern Schweiß der Voreltern durch die Gurgel jagen! Mit welch minutiöser Sorgfalt ist die kleine Idylle ausgetuscht; diese eine Andeutung genügt – und wir sehen das behaglich klein-bürgerliche Leben der Großmama vor uns: freundlich sitzt die gute alte Frau im Abendsonnenschein auf ihrem Bänkchen vor ihrem Häuschen und gedenkt all ihrer jungen Enkelkinder, die froh ihre Knie umspielen ...
Das ist lange her, Großmutter sank ins Grab, und die grölende Korona der Enkel lohnt es ihr mit diesem Gesang: »Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen ... « Ist dies ein Volkslied –? Es ist seine reinste Form. Man darf freilich nicht an früher denken. Früher sang wohl der Wanderbursch sein fröhlich Liedchen von den grünen Linden und den blauäugigen Mägdelein – weil das sein Herz bewegte. Nun, auch dieses Lied singt von dem, was unser Herz bewegt: von den Hypotheken. Hatte früher Walther von der Vogelweide sein »Tandaradei« durch die Lüfte tönen lassen und den Handel den Pfeffersäcken überlassen, so ist es heute an den Kaufleuten, »Tandaradei!« zu blasen, und die Liederdichter befassen sich mit den Hypotheken. Wenn auch freilich in naiver Weise.
Denn es ist dem Liedersänger entgangen, dass die Hypothek selbst ja eine Schuld ist, die man unmöglich vertrinken kann – meint er doch wahrscheinlich die für die eingetragene Hypothek als Darlehn gegebene Summe, die der Schuldner in leichtfertiger Weise verbraucht. So singt das Volk. Hier spricht die Seele deines Volkes. Hier ist es ganz. Es soll uns nicht wunder nehmen, wenn nächstens in einem schlichten Volkslied das Wort ›Teuerungszulage‹ oder ›Weihnachtsgratifikation‹ vorkommt – denn dies allein ist heute echte, unverlogene Lyrik. Dichter umspannen die Welt in brüderlicher Liebe, Poeten sehen Gott in jedem Grashälmchen – das ehrliche Volk aber gibt seinen Gefühlen unverhohlen Ausdruck. Noch lebt es von den Gütern der Alten. Langsam trägt es Sommerüberzieher, Sofas, Überzeugungen und Religionen auf – neue schafft es zur Zeit nicht an. Was dann geschieht, wenn die alle dahin sind, darüber sagt das Lied nichts.
Vorläufig sind sie noch da – und so lange sie noch da sind, lebt das Volk von der Substanz.

Und versauft der Oma sein klein Häuschen.“

Peter Panter
Die Weltbühne, 14.12.1922, Nr. 50, S. 623.

Neue Substanz

Wenn Tucholsky in den Gassen
Lieder hört und kann nicht lassen,
Seinen Ohren wohl zu trauen,
Auch genauer hinzuschauen,
Kann entdecken er im Sange,
Was sozial bereits im Schwange,
Heißt, was bisher war erworben,
Trinkt hinunter, wenn verstorben
Oma, die verbliebene Schar,
Ohne Skrupel scheint es gar.

Wenn aber Zweifel sich nun mehrt,
Daß diese Lage ist verkehrt,
Jetzt Gründe man erkennen kann,
Gut weiß und handelt, immer dann,
Läßt sich drehen an den Dingen,
Für Verbesserungen ringen,
Feiern die Gemeinsamkeiten,
Für Entfaltung munter streiten,
Für eine bess´re Sozietät -
Zu diesem Zweck ist´s nie zu spät.

So weiß Tucholsky uns zu sagen,
Was wir auch heute sollten wagen.


Zum Geleit CIV

Zur AS-Sitzung am 21. Mai 2015

Eine Welt, eine Aufgabe

Ein Hinweis

1) Aussicht durch Geduld

1) Der Mensch ist global

„Die alten Germanen waren vermutlich nicht besser und nicht schlechter als andere Menschen auch. Leider wissen wir herzlich wenig von ihnen. Weniger als von Griechen, Ägyptern und Chinesen. (…) Jede Kultur birgt expansive Kraft in sich, dringt über die Grenzen des Stammes hinaus und vermischt sich mit anderen an und für sich fremden Elementen zu einer neuen Einheit.“
Carl von Ossietzky, „Die Teutomanie“, 1922.

Das Bewußtsein früher Hochkulturen lenke den Respekt auf die Gegenwart. Wer erfand die Nudel?

2) Frieden durch Kritik

„Von der Dankbarkeit, die wir unseren lieben, hochverehrten, heldenhaften, gesegneten und zum Glück stummen Gefallenen schulden, von diesem Hokuspokus bis zum nächsten Krieg ist nur ein Schritt. Was hier gemacht wird, ist Reklame.“
Kurt Tucholsky, „Über wirkungsvollen Pazifismus“, 1927.

Die Bundeswehr in den Schulen schafft Unsicherheit. Es gibt keinen Frieden mit Waffen, Waffengeschäften und dem Glauben an Gewalt.

3) Hilfreiche Dialektik

„Ohne Völkerfrieden ist, ebensowenig als ohne den Willen der Mehrheit, soziale Gerechtigkeit denkbar.“
Heinrich Mann, „Kaiserreich und Republik“, 1919.

Wer Innen und Außen als Einheit begreift, sich als Mehrheit erkennt und Geist und Tat in Einklang bringt, kann sehr wirksam sein.

4) Die sogenannte Zufriedenheit

„Vertrauet eurem Magistrat,
Der fromm und liebend schützt den Staat
Durch huldreich hochwohlweises Walten;
Euch ziemt es, stets das Maul zu halten.“

Heinrich Heine, „Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen“, 1853.

Widerspruch?


Zum Geleit CIII

Zur AS-Sitzung am 16. April 2015

Wesentlich

Ein philosophischer Hinweis

1) Aussicht durch Geduld

„In dieser Reihenfolge liegt eben das Versöhnende; das Barbarische empört uns nicht mehr, und das Abgeschmackte verletzt uns nicht mehr, wenn wir es als Anfänge und notwendige Übergänge betrachten.“
Heinrich Heine, „Reise von München nach Genua“, 1828.

Vieles lächelt und ist dabei häßlich. Wenn wir uns nicht beirren lassen, lächeln wir.

2) Rational in die Hand nehmen

„Deren Stellung gering erscheint
Wenn man sie ansieht
Das sind
Die Mächtigen von morgen
Die deiner bedürfen, die
_Sollen die Macht haben.“

Bertolt Brecht, „Über die Bauart langdauernder Werke“, 1929.

Solide ist, was im Konkreten einen allgemeinen Sinn erfüllt. Auf diesen Sinn ist zu pochen. Wachsamkeit ist angemessen. Die einige Menge ist des Tigers Flucht.

3) Genauigkeit

„Ein Werk der Kunst trägt man immer als Ganzes, und möge die ästhetische Philosophie auch wollen, daß das Werk des Wortes und der Musik, zum Unterschied von dem der bildenden Kunst, auf die Zeit und ihr Nacheinander angewiesen ist, so strebt auch jenes danach, in jedem Augenblick ganz da zu sein. Im Anfang leben Mitte und Ende, das Vergangene durchtränkt das Gegenwärtige, und auch in die äußerste Konzentration auf dieses spielt die Vorsorge fürs Zukünftige hinein.“
Thomas Mann, „Die Entstehung des Doktor Faustus“, 1949.

So genommen, kommt es auf jeden Ton und jedes Wort an. Der Zusammenhang und die Perspektive sind entscheidend. In jedem Werk – im Solo und im Ensemble.

4) Wenn...

„›Wenn ich so viel Geld hätte‹, sagte Joachim Ringelnatz, › und so viel Macht, daß ich alles auf der Welt ändern könnte, dann ließe ich alles so, wie es ist.‹“
Kurt Tucholsky, „Schnipsel“, 1931.

Wenn wir die Einsichten von Tucholsky und Ringelnatz aufnehmen, können wir die Welt ändern.


Zum Geleit CII

Zur AS-Sitzung am 15. Januar 2015

Gespräch mit Kafka

„FRANZ KAFKA: AUF DER GALERIE (Nov. 16/Febr. 1917; ersch. 1920)

Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind - vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, riefe das - Halt! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.
Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben; schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausrufen zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Salto mortale das Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen küßt und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will - da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.“

In der Manege

Hast, guter Freund, sehr klar erkannt,
Daß der Betrachter nicht gerannt,
Um all dem scheinbar bunten Treiben -
Einhalt gebietend, kann nicht bleiben -,
Ein Ende zu bereiten jäh,
Auf daß das Leben nicht mehr zäh.

Sitzt er da und muß still leiden,
Will befreiend Tat vermeiden,
Kann man erkennen auf der Stelle,
Worin des Rätsels Lösung schnelle:
Wenn wir uns stark zusammentun,
Dann mag derweil das Elend ruh´n.

Auch uns’re Träume werden heiter,
Wenn wir den Laden bringen weiter.


Zum Geleit CI

Zur AS-Sitzung am 18. Dezember 2014

Fabelhaft

1) Hase und Igel

Es wird erzählt, daß zwei, die nicht sehr schnell,
Den einen, der schnell hoppelnd ronnte,
So lang’ und oftmals foppten auf der Stell’,
Bis er am End’ nur japsen konnte.

2) Fuchs und Löwe

Der eine ist schlau, der and’re mächtig,
Der Fuchs gilt klug, der Löwe hat Kraft:
Was nützt denn des Raubtiers Mähne mächtig,
Wenn Gewitztheit die Pointe schafft?

3) Esel und Mensch

Laut bockt das Tier mit entsetzt grellem Schrei,
Wenn es soll seine Schritte wagen.
Gleichwohl, es hilft nichts, bleibt doch einerlei -
Es muß den Reiter trotzdem tragen.

4) Fabelhaft

Ein jedes Gleichnis macht im Leben Sinn,
Wenn wir es sinnvoll wirkend schaffen,
Auf die Entfaltung immer wieder hin,
Daß wir nicht auseinanderklaffen.


Zum Geleit C

Zur AS-Sitzung am 20. November 2014

Verschieden und gleich

1) Versuch macht klug

Niemand glaube, daß
in bedrängendem Umstand
kein Aufbruch möglich.

2) Klug ist gemeinsam

Der Ärger über
die verordnete Enge
ist weit verbreitet.

3) Gemeinsam besonders

Im gleichen Handeln
erweisen sich in der Tat
Individuen.

4) Besonders lacht souverän

In Erwartung der
anderen Möglichkeiten
ist die Freude groß.


Zum Geleit XCIX

Zur AS-Sitzung am 23. Oktober 2014

Frieden, Demokratie, soziale Gerechtigkeit

1) Der tiefere Sinn

„Unter einem vollkommenen Menschen verstehe ich einen, der sich unter vollkommenen Zuständen ausleben kann, einen, der nicht verwundet oder zerbissen oder verkrüppelt oder in ewiger Gefahr ist.“
Oscar Wilde, „Der Sozialismus und die Seele des Menschen“, 1891.

Die Wissenschaften bedürfen der Neujustierung ihres gemeinsamen Mittelpunkts: Der Mensch als aufgeklärtes, kooperatives und gestaltendes Wesen. Das ist der tiefere Sinn (allgemeiner) besonderer Begabung.

2) Soziales

„Kein Staatsbürger darf so reich sein, um sich einen anderen kaufen zu können, und keiner so arm, um sich verkaufen zu müssen.“
Jean-Jacques Rousseau, „Der Gesellschaftsvertrag“, 1762.

Wenn die öffentlichen Einrichtungen tatsächlich dem Allgemeinwohl zwecklich sein sollen, dann bekommt das Wort Steuern eine neue Bedeutung.

3) Bildung

„Im Volke muß daher öffentlicher Geist, großer Gemeinsinn erst gebildet werden, und zwar dadurch, daß man ihn befriedigt; und wie man alles Höchste erst durch das Besitzen erkennt und Gutes tun muß, um es recht zu lieben: so muß das Volk höhere Güter freier Regierung umsonst bekommen, um ihrer nachher würdig zu werden.“
Jean Paul, „Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche“, 1816.

Die praktische Einheit von Geist, Tat und gesellschaftlicher Verwirklichung bedarf materieller Voraussetzungen, offener Beteiligungsstrukturen, verantwortlicher Tendenz und Respekt vor großen Ambitionen.

4) Frieden

„Wir Sozialdemokraten erlauben uns allerdings, der Meinung zu sein, daß es weder der Menschennatur noch dem Kulturfortschritt entspricht, daß die Völker zueinander wie reißende Bestien stehen und von Zeit zu Zeit ihre Konflikte auf dem Wege des blutigen Massenmordes lösen. Wir sonderbaren Schwärmer erlauben uns, der Meinung zu sein, daß es der menschlichen Natur und dem Kulturfortschritt des 20. Jahrhunderts viel mehr entspricht, daß alle Völker und Rassen der Erde mit brüderlich friedlicher Solidarität gemeinsam die menschliche Kultur vorwärtstreiben.“
Rosa Luxemburg, Rede am 7. März 1914 in Freiburg.

Frieden: Freiheit von Gewalt; Freiheit für zivile Entwicklung in internationaler Gemeinschaft und nützlicher Aufmerksamkeit.


Zum Geleit XCVIII

Zur AS-Sitzung am 4. September 2014

Haltung, Welt und Mitmenschen

„Es kann nicht alles richtig sein in der Welt, weil die Menschen noch mit Betrügereien regiert werden müssen.“ (387)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft B, 1768-1771.

1) So nun aber wirklich nicht

Idyll

Der Michel sitzt in seinem Garten,
Tut sittsam auf den Frühling warten.
Kommt Sonnenhell dann leider nicht,
Ist Michel jäh voll Grimm erpicht,
Den Nachbarn zornig zu verfluchen,
Statt vor dem Regen Schutz zu suchen.

2) So schon eher

Schwindende Eintracht

Restriktion und Devotion
Kennen sich seit länger´m schon;
Gehen einig Hand in Hand
Seit´ an Seit´ durch jedes Land.
Lacht jedoch der große Lümmel,
Schlicht Volk genannt, die beiden aus,
Schluckt sie banales Getümmel,
Sind nunmehr klein wie eine Maus.

3) Neu sehen und beginnen

Menschliche Alternative

Die Welt ist anders als geboten
Sie Alltagspredigt sehen läßt,
Weil der Verstand die reifen Schoten
Nicht an dem Strauch zu lang´ vergeßt.
Der Mensch hat Möglichkeiten zweie -
Gerader Gang oder gebückt:
Kriegt er´s gemeinsam auf die Reihe,
Ist er nicht mehr so ganz verrückt.

4) Die Bedeutung des Zwerchfells

Philosophie

Wer lacht, der atmet meistens freier,
Die Heiterkeit ist sehr gesund.
Wer lacht, erreicht auch Doktor Meier,
Der sonst verkniffen hat den Mund.
Der Teufel hat so keine Chance,
Tobt in der Hölle, weil er muß,
Denn Mensch mit sicherer Balance
Hält Teufelszeug für großen Stuß.


Zum Geleit XCVII

Zur AS-Sitzung am 10. Juli 2014

Ungebrochen bedeutsam:
Studium und Lehre

„Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen. Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen, wenn wir zu wissen wünschen, was jener will.“
Heinrich Heine, „Französische Zustände“, Artikel VI, 1832.

Wenn eine schwierige Zeit lang vorrangig von Exzellenz und Forschung, von Exzellenzen in der Forschung gar, die Rede war, die Jagd nach Titeln und besonderen Mitteln ging, die Arbeit von wenigen einsam in der Kammer und bisweilen auf der Bühne stattfand, dann drängt die gegenwärtige Erinnerung auf den
kooperativen Zusammenhang zurück, der durch die tatsächliche Einheit von Forschung, Lehre und Studium erst gebildet wird und seinen Sinn erhält: lernende Wissenschaft; dann geraten auch diejenigen wieder in die Aufmerksamkeit – respect yourself heißt immer auch: achte Deinesgleichen –, die ohne viel
Aufhebens sich intensiv der Aufgabe von Studium und Lehre
gewidmet haben – nicht zuletzt um einer aufgeklärten Welt willen. Wir wollen daraus lernen.


Zum Geleit XCVI

Zur AS-Sitzung am 19. Juni 2014

Philosophie ist doch praktisch

1) Korrekturen sind immer möglich

„Wir mögen eine Raserei gern mit ein wenig Philosophie bemänteln und finden es unserer Ehre nicht eben nachteilig, wenn man uns von einem dummen Streiche zurückhält und das Geständnis, falsch philosophiert zu haben, abgewinnet.“
Gotthold Ephraim Lessing, „Hamburgische Dramaturgie“, siebzehntes Stück, 26.6.1767.

Die Menschheit hat mittlerweile so viele Irrtümer angehäuft, daß es sich lohnt, sie zum Einsturz zu bringen.

2) Kritik

„Der internationale Sport ist ein Schweinesystem.“
Jakob Augstein, „Schluss mit der WM!“, SPIEGELONLINE“, 12.6.´14.

Und: Niemand braucht mehr Militäreinsätze, Alle brauchen weniger davon.

3) Der Lümmel

„Das Volk (pfui!), das Publikum (pfui!). Die Abenteuer-Politiker fragen mit dem Stirnrunzeln dessen, der es faustdick hinter den Ohren hat: ›Das Volk! Was ist denn dieses Volk? Wer kennt es denn? Wer hat es denn je definiert?‹, und unterdessen machen sie nichts anderes, als Tricks um Tricks auszudenken, um die Mehrheit zu erlangen (...).“
Antonio Gramsci, „Gefängnishefte“, Heft 3 (1930), §7, zitiert nach: Kritische Gesamtausgabe, Argument-Verlag, 1991, Band 2, S. 337.

Der Mißbrauch des Vertrauens ist kein zwingender Grund zu resignieren, sondern die Möglichkeit, die Verwirklichung berechtigter Ansprüche bei sich selbst und Seinesgleichen zu entdecken.

4) Wetterlaunen?

Sonne, Regen, Wind und Stille,
Helligkeit wechselt mit Grau -
Geologisch launisch Wille,
Was gleich kommt, dem man nicht trau.

Einzig eine Linie finden
Kann der Mensch, wenn er bedenkt:
Handeln nach den eig´nen Gründen
Ist, was die Geschicke lenkt.



Zum Geleit XCV

Zur AS-Sitzung am 15. Mai 2014

Wenn, dann

Wenn Angst zumeist bestimmt das Denken,
Wenn Neid und Mißgunst die Gedanken lenken,
Wenn die Freude weicht oft dem Verdruß,
Wenn immer wieder ein Strenger mahnt, man muß,
Weil alle schließlich müssen müssen,
Dann ist es Zeit zu klügeren Beschlüssen,
Dann wird der Rücken grade gemacht,
Dann wird zuerst nach-, dann weiter vorgedacht,
Dann wird gehandelt nach dem Wissen,
Weil Angst niemals ein gutes Ruhekissen.

Olaf Walther, 14.05.2014.


Zum Geleit XCIV

Zur AS-Sitzung am 10. April 2014

Der Frieden vor der Nasenspitze
Eine Betrachtung

1) Das Prinzip Roheit

„Der Bürger gilt nichts mehr, der Krieger alles,
Straflose Frechheit spricht der Sitten Hohn,
Und rohe Horden lagern sich verwildert
Im langen Krieg, auf dem verheerten Boden.“

Friedrich Schiller, Prolog bei der Wiedereröffnung der Schaubühne in Weimar, Oktober 1798.

Schon wenn von „Wettbewerb“ und „Weltspitze“ die Rede ist, wenn die Schönheit der Orchideen durch Dürre zu vergehen droht, die lernenden Subjekte nicht mehr zählen sollen, dann nehme sich auch die Wissenschaft in acht.

2) Die Macht des Exempels

„Ein großes Muster weckt Nacheiferung
Und gibt dem Urteil höhere Gesetze.“

Derselbe, ebenda.

Fast allen steht meistens eine Alternative zur Verfügung: Man schätze die Kriegstrommeln nicht, marschiere nicht nach ihrem Takt, achte die Erkenntnis, lasse sich leiten von der Freude, wirke mit Seinesgleichen zusammen und vervielfache so das Sinnvolle. Nicht nur die Geschichte, auch der Alltag hält Beispiele bereit.

3) Realismus

„Der einzelne erwartet, daß der Organismus handelt, auch wenn er nicht tätig wird, und er überlegt nicht, daß gerade deshalb, weil seine Einstellung sehr verbreitet ist, der Organismus notwendig untätig ist.“
Antonio Gramsci, „Gefängnishefte“, Heft 15 (1933), § 13 „Kulturprobleme Fetischismus.“

Dagegen: Beginnen oder sich anschließen. Das verbreitet eine geänderte Einstellung.

4) Stimmige Rationalität

„Es gibt Leute, die glauben, alles wäre vernünftig, was man mit einem ernsthaften Gesicht tut.“ (286)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft E, 1775-1776.

Die Mimik ändert sich jäh, wenn wir erkennen, daß nicht nur das Rad, sondern auch der Käfig verlassen werden kann. Heiterkeit bestimmt den ersten Schritt. Er hat die richtige Richtung.


Zum Geleit XCIII

Zur AS-Sitzung am 13. März 2014

Kultur der Zurückhaltung

Der einstige Basta-Kanzler
Im Theater auf der Bühne
Gab sich offen und nachdenklich
Und wog ein neues Urteil ab

Nannte das Vorgehen Rußlands
Völkerrechtswidrig, sparte nicht
Vor Publikum mit Kritik am
Mangelnden Geschick der EU
Daß man mit einem Land so nicht
Umgehen kann, gestand noch ein

Er selbst als Kanzler habe beim
Jugoslawienkonflikt einst
Auch so gegen das Völkerrecht
Verstoßen und sei insofern
Vorsichtig mit erhobenem
Zeigefinger wider Rußland.

Kann es sein, daß das Theater
Vor Publikum zur Wahrheit drängt
Daß späte Einsicht Zukunft hat
Das Völkerrecht zu neuer Ehr´
Gelangt und daß Diplomatie
Kalten und heißen Krieg ersetzt?

Die hohen Fragen des Friedens
Haben irdische Bedeutung.

Olaf Walther, 10.03.2014.


Zum Geleit XCII

Zur AS-Sitzung am 16. Januar 2014

Ausgefallen?

Das Gros der Menschen hat wohl sehr
Viel größ´re Chancen als bisher
Sie meistens für sich wahrgenommen:
Die Möglichkeiten gehen, kommen

Stets wieder, wenn man sie erkennt,
Man bleibet und nicht seitwärts rennt
In Büsche, dort recht ängstlich schauet,
Ob jemand was Vernünft´ges bauet,

Das Allen zur Entwicklung reicht,
Auch wenn man selber abseits weicht
Und somit für die meisten mindert,
Was nützt und gut tut und nicht hindert.

Von daher läßt sich trefflich sagen,
Daß heute, auch in Zukunftsfragen,
Der Einzelne sich besser stellt,
Wenn ihm das Risiko gefällt.

Olaf Walther, 13.01.2014.


Zum Geleit XCI

Zur AS-Sitzung am 12. Dezember 2013

Auf die nächste Stufe

oder

Lernen heißt Widersprechen

1) Den Trott verlassen

„Der oft unüberlegten Hochachtung gegen alte Gesetze, alte Gebräuche und alte Religion hat man alles Übel in der Welt zu danken.“
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“,
Heft D (369), 1773-1775.

Der Glaube, der Markt mit seiner „unsichtbaren Hand“ werde es schon richten, hat vieles gerichtet: soziale und kulturelle Errungenschaften, historisches Bewußtsein, Solidarität, kooperative Entwicklung, Fairneß, Freude, Fähigkeiten – was noch?

2) Allein?

„Ein Egoist könnte in allerlei lächerliche Situationen gebracht werden.“
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“,
Heft D (311), 1773-1775.

Die angewandte Unmittelbarkeit, mit allem klar kommen zu können, ist die selbst verschuldete Isolation – das Laufen auf der Stelle. Wenn alle sich isolieren, steigen allein die Börsenkurse. Wer gewinnt dabei?

3) Öffnung

„Erst wenn die Produktivität entfesselt ist, kann Lernen in Vergnügen und Vergnügen in Lernen verwandelt werden.“
Bertolt Brecht, „Nachträge zum ›Kleinen Organon‹“, 1954.

Die Gebote der Verwertung sind vergnügungsfeindlich. Gemeinsame Erkenntnis besteht in der Erkenntnis des Gemeinsamen. Der Widerspruch zum Hamsterrad läßt auch den Käfig verlassen. Außerhalb des Käfigs kommt man voran.

4) Nicht nur sonntags

„Und dann konnten wir endlich lachen. Bis uns die Tränen in den sauberen Sonntagskragen liefen.“
Wolfgang Borchert, „Der Stiftzahn oder Warum mein Vetter keine Rahmbonbon mehr ißt“, aus dem Nachlaß 1961.

Die Erleichterung über verlassene Irrtümer kennt keine Grenzen. Die einsetzende Heiterkeit ist die Grundlage neuer Aussichten. Aktivität gedeiht durch Lachen.


Zum Geleit XC

Zur AS-Sitzung am 14. November 2013

Innerer Disput

Die schlecht’ Gewohnheit wie ein Tier,
Hockt seit drei Jahren oder vier
November lang am Seelengrund
Als ein verfluchter Schweinehund.

Die Angst jagt Dich stets zur Seite,
Im Fall, Du eng bangst die Weite,
Die Dir erweiset sich zu viel,
Um zu gelangen zu dem Ziel,
Daß eher zu erreichen ist,
Alsbald Du nicht mehr bänglich bist.

So halte ein und kehr’ zurück
Zur Mutigkeit, erst Stück für Stück;
In Folge mit Gewißheit dann
Dich wenig nur noch halten kann.

Olaf Walther, 11.11.2013.


Zum Geleit LXXXIX

Zur AS-Sitzung am 17. Oktober 2013

Lob des Zweifels

von Bertolt Brecht

Gelobt sei der Zweifel! Ich rate Euch, begrüsst mir
Heiter und mit Achtung den
Der Euer Wort wie einen schlechten Pfennig prüft!
Ich wollte, Ihr wäret weise und gäbt
Euer Wort nicht allzu zuversichtlich.

Lest die Geschichte und seht
In wilder Flucht die unbesieglichen Heere.
Allenthalben
Stürzen unzerstörbare Festungen ein und
Wenn die auslaufende Armada unzählbar war
Die zurückkehrenden Schiffe
Waren zählbar.

So stand eines Tages ein Mann auf dem unbesteigbaren Berg
Und ein Schiff erreichte das Ende des
Unendlichen Meeres.

Oh schönes Kopfschütteln
Über der unbestreitbaren Wahrheit!
Oh tapfere Kur des Arztes
An dem rettungslos verlorenen Kranken!

Schönster aller Zweifel aber
Wenn die verzagten Geschwächten den Kopf heben und
An die Stärke ihrer Unterdrücker
Nicht mehr glauben!

Oh, wie war doch der Lehrsatz mühsam erkämpft!
Was hat er an Opfern gekostet!
Daß dies so ist und nicht etwa so
Wie schwer war’s zu sehen doch!
Aufatmend schrieb ihn ein Mensch eines Tages
in das Merkbuch des Wissens ein.
Lange steht er vielleicht nun da drin und viele Geschlechter
Leben mit ihm und sehen ihn als ewige Weisheit
Und es verachten die Kundigen alle, die ihn nicht wissen.
Und dann mag es geschehen, daß ein Argwohn entsteht, denn neue Erfahrung
Bringt den Satz in Verdacht. Der Zweifel erhebt sich.
Und eines anderen Tags streicht ein Mensch im Merkbuch des Wissens
Bedächtig den Satz durch.

Von Kommandos umbrüllt, gemustert
Ob seiner Tauglichkeit, von bärtigen Ärzten, inspiziert
Von strahlenden Wesen mit goldenen Abzeichen, ermahnt
Von feierlichen Pfaffen, die ihm ein von Gott selber verfasstes Buch um die Ohren schlagen
Belehrt
Vor ungeduldigen Schulmeistern, steht der Arme und hört
Daß die Welt die beste der Welten ist und daß das Loch
Im Dach seiner Kammer von Gott selber geplant ist.
Wirklich, er hat es schwer
An dieser Welt zu zweifeln.
Schweißtriefend bückt sich der Mann, der das Haus baut, in dem er nicht wohnen soll
Aber es schuftet schweisstriefend auch der Mann der sein eigenes Haus baut.
Da sind die Unbedenklichen, die niemals zweifeln.
Ihre Verdauung ist glänzend, ihr Urteil ist unfehlbar.
Sie glauben nicht den Fakten, sie glauben nur sich, Im Notfall
Müssen die Fakten dran glauben.
Ihre Geduld mit sich selber
Ist unbegrenzt. Auf Argumente
Hören sie mit dem Ohr des Spitzels.

Den Unbedenklichen, die niemals zweifeln
Begegnen die Bedenklichen, die niemals handeln.
Sie zweifeln nicht, um zur Entscheidung zu kommen, sondern
Um der Entscheidung auszuweichen. Ihre Köpfe
Benützen sie nur zum Schütteln. Mit besorgter Miene
Warnen sie die Insassen sinkender Schiffe
vor dem Wasser.
Unter der Axt des Mörders
Fragen sie sich, ob er nicht auch ein Mensch ist.
Mit der gemurmelten Bemerkung
Daß die Sache noch nicht durchforscht ist, steigen sie ins Bett.
Ihre Tätigkeit besteht im Schwanken.
Ihr Lieblingswort ist: nicht spruchreif.

Freilich, wenn ihr den Zweifel lobt
so lobt nicht
Das Zweifeln, das ein Verzweifeln ist!

Was hilft Zweifeln können dem
Der sich nicht entschließen kann!
Falsch mag handeln
Wer sich mit zu wenigen Gründen begnügt
Aber untätig bleibt in der Gefahr
Der zu viele braucht.

Du, der du ein Führer bist, vergiß nicht
Dass du es bist, weil Du an Führern gezweifelt hast!
So gestatte den Geführten
Zu zweifeln!


Zum Geleit LXXXVIII

Zur AS-Sitzung am 5. September 2013

Radikal zivil

oder

Der Mut zum Frieden

1) Fortwährende Alternative

„Wenn es zum Marschieren kommt, wissen viele nicht
Daß ihr Feind an ihrer Spitze marschiert.
Die Stimme, die sie kommandiert
Ist die Stimme ihres Feindes.
Der da vom Feind spricht
Ist selber der Feind.“

Bertolt Brecht, Svendborger Gedichte, 1939.

Abgesehen vom Marschieren, sind der Verlust von Wahrheit, die Gewalt, die Zerstörung, die Eroberung auch sowie die Behinderung von Entwicklung – auf allen Seiten – nicht menschengemäß.

2) Angewandte Güte

„Anstatt nur vernünftig zu sein, bemüht euch
Einen Zustand zu schaffen, der die Unvernunft der einzelnen
Zu einem schlechten Geschäft macht!“

Bertolt Brecht, „Was nützt die Güte“, Gedichte 1934-1939.

Wer erkannt hat, daß Konkurrenz viele Gesichter hat, kann ihr kritisch begegnen und, davon überzeugt, überzeugen, daß Kooperation, Erkenntnisse und koordiniertes Handeln, gerichtet auf strukturelle Verbesserungen, ihre Wirksamkeit nicht verfehlen.

3) Courage nützt allen

„Zwar wird das gegenwärtige deutsche Regime von der Bildfläche verschwinden, was gewiß nicht wenig ist; aber eine Menge Fascismus wird man zu erhalten sich genötigt sehen, um der ›Revolution‹, das heißt der ökonomischen Vollendung der Demokratie vorzubeugen, die allein einen relativ sicheren Schutz gegen weitere Katastrophen zu bieten vermöchte.“
Thomas Mann, 1944, Beitrag zu einem Symposion der Zeitschrift ›Argosy‹ über die Frage ›Is World Security possible?‹.

Frieden bedeutet nicht nur, daß die Waffen ruhen und aus Helmen Nudelsiebe werden, sondern auch, daß soziale Gerechtigkeit, erweiterte gesellschaftliche Beteiligung, ein gebildeter Alltag und der Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, Allgemeingut werden. Darin besteht eine individuelle Herausforderung zur Entfaltung der Persönlichkeit.

4) Mutes Lohn: Heiterkeit

„Und dann konnten wir endlich lachen. Bis uns die Tränen in den sauberen Sonntagskragen liefen.“
Wolfgang Borchert, „Der Stiftzahn oder Warum mein Vetter keine Rahmbonbon mehr ißt“, 1946/47.

Wer die verordnete Enge verläßt, kann sich auf andere verlassen – und: Lachen.
Die Luft schwingt mit.


Zum Geleit LXXXVII

Zur AS-Sitzung am 4. Juli 2013

Bewegung

oder

Möglichkeiten der Einigung

1) Auch das ist „Amerika“

„Fair Deal [’fea ’di:l; engl. ›gerechter Anteil‹], wirtschafts- und sozialpolit. Programm, vorgelegt 1949 von Präs. H.S. Truman, nach dem in Anknüpfung an F.D. Roosevelts New Deal der Einzelne einen gerechten Anteil am volkswirtsch. Gesamtertrag erhalten sollte. Es forderte u.a. ein Beschäftigungs- und Wohnungsbauprogramm, Erziehungshilfen und Abbau der Rassenschranken. Aufgrund der Widerstände im Kongress konnte Truman nur einen kleinen Teil des F.D. verwirklichen.“
Brockhaus, Bd. 6, S. 2002, Gütersloh/München 2010.

Die Vergangenheit weist in die Gegenwart. Die Zukunft besteht darin, das Uneingelöste zu verwirklichen. Überall. Beginn: Im Nu.

2) Entfernung der Hauptlast

„Man hat ja noch niemals versucht, den Krieg ernsthaft zu bekämpfen. Man hat ja noch niemals alle Schulen und alle Kirchen, alle Kinos und alle Zeitungen für die Propaganda des Krieges gesperrt. Man weiß also gar nicht, wie eine Generation aussähe, die in der Luft eines gesunden und kampfesfreudigen, aber kriegsablehnenden Pazifismus aufgewachsen ist.“
Kurt Tucholsky, „Die brennende Lampe“, 1931.

Wenn das Leben an erster Stelle steht, hat der Krieg abzutreten. Wenn die scheppernde Energie umgewandelt würde in reine Zivilität, könnte man das Leben menschlich nennen.

3) Nur mit Verstand

„Wer sich heute noch in ›Seele‹ sielt, ist rückständig, geistig und moralisch. Der Zeitpunkt, wo man wahrhaft recht hatte, wenn man gegen die Vernunft und den Geist recht hatte, ist vorüber. –“
Thomas Mann, Tagebuch, 16.3.1935.

Die Zerstörung der Vernunft wird immer weniger akzeptiert. Auf den Straßen und in den Häusern wird neu nachgedacht. Die Erde ist keine Scheibe. Hier gibt es Bewegung. Rund um den Erdball.

4) Was ist, muß nicht bleiben

„Gehorsam ist ein großes Wort.
Meistens heißt es noch: Sofort.
Gern haben´s die Herrn.
Der Knecht hat´s nicht so gern.“

Bertolt Brecht, „Alfabet“, 1934.

Die Verwirklichung der Vernunft bedeutet auch immer Ungehorsam gegen die Unvernunft. Das strukturelle Oben und Unten ist den meisten wenig bekömmlich. Die Mehrzahl hat also ein rational begründetes Interesse an der Gleichwertigkeit der Mehrzahl. Das kann sehr praktisch sein.


Zum Geleit LXXXVI

Zur AS-Sitzung am 6. Juni 2013

Im Zweifel: Aufklärung!

1) Es gibt keine Wiederholungen

„Es ist sehr gut, die von andern hundertmal gelesenen Bücher immer noch einmal zu lesen, denn obgleich das Objekt einerlei bleibt, so ist doch das Subjekt verschieden.“ (54)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft H, 1784-1788.

Wenn man sich vor neuen Herausforderungen befindet, ist es hilfreich, dort nachzuschlagen, wo ähnliche Herausforderungen an die Menschen herangetreten sind. Lernen.

2) Haltung und Richtung

„Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muß anders werden, wenn es gut werden soll.“ (239)
Derselbe, Heft K, 1793-1796.

Ohne Garantie, aber mit Erhöhung der Wahrscheinlichkeit des Gelingens, besteht die Verantwortung für alle Einzelnen, zu Verbesserungen aller Art beizutragen. Beginnen.

3) Ethos

„Eine Gleichheit und Freiheit festsetzen, so wie sie sich jetzt viele Menschen gedenken, das hieße ein elftes Gebot geben, wodurch die übrigen zehn aufgehoben würden.“ (153)
Derselbe, ebenda.

Gleichheit und Freiheit sowie das kooperative Zusammenwirken zu den Zwecken dieser nicht zu trennenden Einheit bilden das Movens jeglicher aufgeklärten Tat. Wissen.

4) So oder so

„Man kann auf vielerlei Weise Gutes tun, als man sündigen kann, nämlich mit Gedanken, Worten und Werken.“ (22)
Derselbe, Heft H, 1784-1788.

Krieg in diversen Formen ist das Gegenteil der Kunst als Schaffung menschenwürdiger Bedingungen, Möglichkeiten und Entwicklungen. Entscheiden.


Zum Geleit LXXXV

Zur AS-Sitzung am 2. Mai 2013

Optionen

„Der Krieg wird nur beendet, wenn die Feldherren die Hügel verlassen haben“, sagte der Historiker und legte den Zeigefinger der rechten Hand nachdenklich an die Stirn.

„Uns interessiert vorrangig die Materie“, sprach der Physiker, kaum vernehmbar für die staunend Umstehenden.

„Auch wir“, bestätigte eilfertig der Betriebswirtschaftler, „bewegen uns meist im Reich der Zahlen und statistischen Kurven.“

Ernst und Erna hingegen sind der Auffassung, daß der Krieg beendet sei, wenn niemand hinginge.

So unterschiedlich sind die Haltungen zum gesellschaftlichen Leben.

Olaf Walther, 01.05.2013.


Zum Geleit LXXXIV

Zur AS-Sitzung am 4. April 2013

Abstand zu den Diktaten

(Wir lösen uns aus der Entfremdung, wenn wir sie fremd finden.)

1) Böses Erwachen

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.“
Franz Kafka, „Die Verwandlung“, 1912/1915.

Wer mag sich schon für einen Käfer halten? „Die Verwandlung“ macht jedoch literarisch deutlich, daß wir uns gelegentlich heftig abzustrampeln haben, ohne von diesen Mühen recht überzeugt zu sein. Die Geschichte macht deutlich: So nicht! Wir wollen nicht verdorren.

2) Rückzug, der falsche Ort

„Das Schönste an meinem Bau ist aber seine Stille, freilich ist sie trügerisch, plötzlich einmal kann sie unterbrochen werden und alles ist zu Ende, vorläufig ist sie aber noch da, stundenlang kann ich durch meine Gänge schleichen und höre nichts als manchmal ein Rascheln irgendeines Kleintiers, das ich dann gleich zwischen meinen Zähnen auch zur Ruhe bringe, oder das Rieseln der Erde, das mir die Notwendigkeit irgendeiner Ausbesserung anzeigt, sonst ist es still.“
Franz Kafka, „Der Bau“, 1923/24.

Eine (falsche) Tendenz ist das Verkrümeln an einen scheinbar sicheren Ort. Was bedrohlich ist, aber auch, was dagegen anders, besser und – gemeinsam – möglich ist, kann erkannt und realisiert werden. Souveränität braucht Luft zum Atmen. Aufrecht hat die Lunge mehr Raum.

3) Bewegung – in die angemessene Richtung

„›Ach‹, sagte die Maus, ›die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.‹ ›Du mußt nur die Laufrichtung ändern‹, sagte die Katze und fraß sie.“
Franz Kafka, „Kleine Fabel“, 1920.

Es entsteht leicht die Illusion, wenn man das Falsche nur recht ordentlich und schnell erledige, dann höre es irgendwann auf. Irgendwann jedoch kippt der Haufen über einem einfach um.
Das Richtige bemißt sich an der Vermenschlichung der Gesellschaft. So werden Haufen beseitigt.

4) Hoffnung – altersfrei

„Es gibt allerdings, so weit meine Beobachtungen reichen, eine gewisse Altersklasse, die nicht zufrieden ist, es sind etwa die jungen Leute zwischen siebzehn und zwanzig. Also ganz junge Burschen, die die Tragweite des unbedeutendsten, wie erst gar eines revolutionären Gedankens nicht von der Ferne ahnen können. Und gerade unter ihnen schleicht sich die Unzufriedenheit ein.“
Franz Kafka, „Unser Städtchen liegt ...“, 1920.

Das Einschleichen von Unzufriedenheit ist nicht altersgebunden. Sowohl die Nähe zu den Übeln, als auch das Wissen von Besserem sowie das gemeinsame Lernen aus der Geschichte machen die Entbindung vom Unmittelbaren möglich. Erkenntnis kennt keine Grenzen. Kritik ist jung und erfahren. Alle sind Gesellschaft. Hoffnung entsteht durch Handeln. Frei, gleich und kooperativ.


Zum Geleit LXXXIII

Zur AS-Sitzung am 7. März 2013

Angebrachte Kurskorrektur

Wenn
die Freiheit
von Vereinbarungen
darin besteht,
zu tun, was
von einem verlangt
wird und nicht
allen gleich nützlich ist,
dann sind alle einzeln
gefordert, sich zu erkühnen,
den gemeinsamen Nutzen zu erkennen,
ihn offen mitzuteilen und sich
um seine Verwirklichung zu kümmern.

Olaf Walther, 06.03.2013.


Zum Geleit LXXXII

Zur AS-Sitzung am 17. Januar 2013

Oh, Mensch

Da der Mensch
ohne Brot nicht leben
kann, aber von Brot allein
nicht existiert, ist zudem zu sorgen
für Arbeit, Wissen, Wohlklang, Waffenfreiheit, Freude auch
und ein Zusammenwirken zur Verwirklichung dieser menschlichen Zwecke.

Olaf Walther, 16.01.2013.


Zum Geleit LXXXI

Zur AS-Sitzung am 13. Dezember 2012

Es ist nie zu spät

Wer durch sein ganzes Leben stets
An Schicksal glaubt und höh’re Mächte,
Der meint, mit Ordnung täglich geht’s,
Die ihm den eig’nen Vorteil brächte.
Niemals Zweifel?
Dann kommt der Tag, wo man sich dann,
Mit klarem Blick und ohne Strenge,
Ganz deutlich sieht und sagen kann:
Fort und hinaus aus dieser Enge!

Der Zweifel eigentlich ruht nie,
Auch wenn wir daran sollen glauben,
Daß Leben in Demokratie
Sei nur Verzicht und ohne Trauben.
Neue Gewißheit?
Wachsam sein, heißt wohl zu wissen,
Daß Egoismus ist kein Genuß,
Genügsamkeit ein hartes Kissen –
Und daß der Mensch sich regen muß.
Immer.

Olaf Walther


Zum Geleit LXXX

Zur AS-Sitzung am 18. Oktober 2012

Kleine Fabelkunde

(Alphabetisches Ensemble)

„Denn die anschauende Erkenntnis erfordert unumgänglich, daß wir den einzeln[en] Fall auf einmal übersehen können; können wir es nicht, weil er entweder allzuviel Teile hat oder seine Teile allzuweit auseinanderliegen, so kann auch die Intuition des Allgemeinen nicht erfolgen.“
Gotthold Ephraim Lessing, „Abhandlungen über die Fabel“, 1759.

Adler:
Jäh schwingt sich die strenge Majestät hoch in die Lüfte, um dann doch immer wieder auf festem Grund zu landen.

Biene:
Sie gilt berechtigtermaßen als fleißig, lebt aber nur kurz und in einem strengen Staat.

Chamäleon:
Hier ist der Meister der Anpassung; er kann seine Farbe dem Untergrund angleichen und mit den Augen um die Ecken schauen, ist aber wenig wohl gelitten.

Dinosaurier:
Er hatte ungeheure Größe - und ein zu kleines Hirn.

Elefant:
Das - allegorische - Lieblingstier von Bertolt Brecht: Stark, klug, sensibel; groß, schnell - und er versteht Spaß.

Fliege:
Sie ist klein und lästig, liebt den Mist und ist sehr schwer zu fassen.

Gänse:
Wenn sie umständlich am Boden watscheln, erzeugen sie Lächeln. Fliegen sie in der Formation gen Süden, machen sie eine gute Figur.

Hund:
Da seine historischen Vorfahren in Freiheit leben, hat er stets ein schlechtes Gewissen.

Igel:
Die figürliche Defensivität ist seine runde Sache. Im Duett besiegt er auch den rennenden Hasen.

Jaguar:
Er ist schnell und aggressiv, muß sich aber dem Tiger unterordnen.

Kamel:
Wenn auch nicht sehr klug, so doch sehr ausdauernd.

Lama:
Spucken gilt - zu recht - als primitiver Ausdruck der Verachtung.

Maus:
Wer schnell rennen kann, sollte die richtige Richtung wählen.

Nachtigall:
Die Unsinnigkeit schönen Gesanges konnte bislang noch nicht bewiesen werden. Erhebend.

Otter:
Er verzehrt seine Nahrung (auf dem Rücken schwimmend) in bequemer Haltung.

Papagei:
Die Sprache ist des Vogels Element - allerdings in steten Wiederholungen.

Quappe:
Der Larve ist noch nicht anzusehen, was einmal aus ihr wird. Dafür muß man das Ergebnis kennen.

Ratte:
Da sie als unangenehm gilt, wird ihre Klugheit meist nicht (an-)erkannt.

Schlange:
Ihr wird Falschheit unterstellt, dabei ist sie nur ängstlich. Dennoch: Obacht.

Tausendfüßler:
Es ist erstaunlich, wie gut die Vielzahl aufeinander abgestimmt ist.

Uhu:
Da dem Vogel Weisheit zugemessen wird, ist es gut, sie auch in Athen zu vermuten.

Vielfraß (Bergkatze):
Wenn Mißgunst dominiert, haben alle nicht genug.

Wal:
Es gibt Tiere, die kommunizieren und kooperieren. Welch eine Herausforderung!

X:
Unbekannte (zu bestimmende) Größe.

Yak:
Das Tier lebt im asiatischen Hochgebirge und verteidigt sich gut gemeinsam gegen Fressfeinde.

Ziege:
Wer nur meckert, erreicht wenig. Wer gar nicht meckert, bekommt Magenschmerzen.

Der Mensch ist also bei der Verwirklichung des Menschlichen
auf sich selbst (und seinesgleichen) angewiesen. Q.e.d. (Quod erat demonstrandum/Was zu beweisen war.)


Zum Geleit LXXIX

Zur AS-Sitzung am 30. August 2012

Flucht oder sinnvolle Beteiligung?

1) Goldland

„Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.

Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener bessern Welt,
Wo alle Leiden schwinden.“

Heinrich Heine, „Deutschland – Ein Wintermärchen“, 1844, Caput I.

El Dorado („Der Goldene“) galt lange Zeit als ein sagenhaftes Goldland im Inneren des nördlichen Südamerika. Der Aufklärer Alexander v. Humboldt widerlegte ca. 1800 diese sehnsüchtige Illusion.

Heutzutage haben Ikea und Fantasy-Games dieselbe Funktion. Auch die Bundeskanzlerin ist um glaubhafte Märchen bemüht. „Sachzwang“ als Sage.

2) Ganz gleich: Himmel oder Gestrüpp

„Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den alten Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.“

Heinrich Heine, a.a.O.

Die „Schuldenbremse“ ist schlicht ein Verzichtsprogramm. Die öffentlichen
Einrichtungen für Bildung, Soziales, Gesundheit und Kultur sollen abmagern. Der Zinsenfetisch soll Mainstream der Politik sein. Mentale Fluchtpunkte für die Mehrheit haben ihre Funktion.

3) Bodenhaftung

„Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.“

Heinrich Heine, a.a.O.

Rein irdisch betrachtet, sind die Ansprüche schon vorhanden, die verwirklicht werden müssen. „Der Kampf um die Zukunft“ kann fortgesetzt werden. „Hunger ist ein schlechter Koch.“ (Bertolt Brecht) Wir haben Erfahrungen.

4) Fortschritt durch Wohlklang

„Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Totenglocken schweigen.“

Heinrich Heine, a.a.O.

Heine hat ganz einfach recht.


Zum Geleit LXXVIII

Zur AS-Sitzung am 5. Juli 2012

Vermeidbare Mühsal

Die Grube ist noch gar sehr klein,
Man will sie größer haben.
Dem schaden soll, wer fällt hinein,
Mußt also tiefer graben.

Doch man vergaß die Leiter lang,
Die auf den Weg ihn brächte.
Nun ist ihm ganz entsetzlich bang;
Sein böser Drang sich rächte.

Da hockt er tief, das Leid ist groß,
Es stellt sich hier die Frage:
Wenn er gelassen hätt’ dies bloß,
Hätt’ er dann diese Plage?

Im Grunde weiß ein jedermann:
Auf Wegen ohne Löcher
Ein jeder besser gehen kann –
Man schreitet noch und nöcher.

Am besten ist’s, man denkt, bevor
Ein eifrig Werk begonnen.
Wer stets bedenkt, was nachher kommt,
Ist meist nicht so beklommen.

Olaf Walther


Zum Geleit LXXVII

Zur AS-Sitzung am 7. Juni 2012

Großes ABC

„Wer hört Entschuldigungen, wenn er Handlungen hören kann?“ (139)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft C, 1772-1773.

Aller Anfang atmet außerordentlich angstamtlich Argwohn, als ahnten alle Anfangenden allen Anfangs Angst aus alten Ahnen aufbewahrter Achtung auf ambitionierte Arbeit als anstößig.

Bei behender besonderer Betrachtung beliebter Beispiele bedürftigen Blickens bleibt bereits beileibe braves Bedauern bald bleiern – bedeutet: bedeutungslos – beim Boden.

Circensischer Coup crasser Couleur charakterisiert classisches chorisches Contra: Change!


Zum Geleit LXXVI

Zur AS-Sitzung am 10. Mai 2012

Welt und Wahrheit
Eine Verbindung

1) Hoch und niedrig

„selbst die routiniertesten hollywoodschreiber, die seit 10 Jahren ein script nach dem anderen produzieren, verspüren in einer gewissen phase eines jeden scripts immer wieder die hoffnung, diesmal könnten sie etwas besseres, nicht ganz so niedriges durchbringen, durch diese oder jene list, dank dieses oder jenes glücksumstands. diese hoffnung wird immer enttäuscht, aber ohne sie können sie ihre arbeit nicht machen - und die niedrigen und schmutzigen filme entstünden nicht.“
Bertolt Brecht, „Arbeitsjournal“, 25.10.1942.

Geht der Preis nach oben, so sinken die Gedanken. Die Börse ist ein schlechter Ratgeber. Analytische Gewinne sind hier nicht zu machen.

2) Zu den Quellen

„Wenn Sie wirklich die Wahrheit kennen lernen wollen, halten Sie sich an die unmittelbaren Quellen, lesen Sie die Schriften derer, die ausfressen mußten, was andere ihnen eingebrockt haben. Da werden Sie sehen, wie es wirklich gewesen ist.“
Kurt Tucholsky, „Wie war es-? So war es-!“ („Sehr geehrter Herr Professor!“), 1928.

Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte des Ringens um Verbesserungen. Die Verneinung des Elends schafft auch geistige Gewißheit. Der Veränderungswille schafft neue Erkenntnisse.

3) Irdisch

„Schon hier auf Erden möchte ich durch die Segnungen freier politischer und industrieller Institutionen jene Seligkeit etablieren, die nach der Meinung der Frommen erst am jüngsten Tage, im Himmel, stattfinden soll.“
Heinrich Heine, „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“, Erstes Buch, 1832.

Die Möhre vor der Nase des Esels soll ihn bewegen, ohne daß er je etwas bekäme. Sind wir Esel?

4) Welt und Wahrheit

„Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil. Für Hegel ist der Denkprozeß, den er sogar unter dem Namen der Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg [Weltschöpfer] des Wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts anderes als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle.“
Karl Marx, Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals, 1873.

Sind die Gedanken so wieder auf die Füße gestellt, läßt sich die erkannte Welt auch zum Besseren verändern. Die Tat hat eine feste geistige Grundlage.


Zum Geleit LXXV

Zur AS-Sitzung am 19. April 2012

Bekömmlichere Laufrichtung

Man schadet sich und seinesgleichen,
Derweil man boxt und rennt und giftet –
Denkt, so ließe sich mehr erreichen,
Obgleich der Markt stets alle richtet.
Zufrieden?

Wer weiter rennt und hält nicht inne
In diesem roh-wunderlichen Spiel,
Dem schwinden nach und nach die Sinne:
Wer grausam bleibt, isoliert sich viel.
Genug?

Der Markt ist Platz der Eitelkeiten,
Allgemeinwohl stellt hier niemand her.
Wer nicht mehr kann, der geht beizeiten –
Ein grinsend Spott fragt nicht wie noch wer.
Wandel?

Jedoch der Abstand wächst im Zweifeln;
Wenn durch Vernunft und Tat wir einig,
Wenn jeder tut die Sach’ begreifeln,
Dann hat Bedeutung im Nu das Ich.
Bon.

Die Richtung also ist entscheidend –
Woher, wohin, mit wem, frag: Wozu? –,
Das Dasein ist nicht länger leidend,
Über den Gipfeln gibt’s keine Ruh’.
Bonbon.

Olaf Walther


Zum Geleit LXXIV

Zur AS-Sitzung am 8. März 2012

Vom Grunde her
oder
Der Mut zur Philosophie

1) Gott ist nicht notwendig

„Schöpferisch muß man folglich in ‚relativem‘ Sinn verstehen, als Denken, welches die Empfindungsweise der größten Zahl und folglich der Wirklichkeit selbst verändert, die ohne diese größte Zahl nicht gedacht werden kann. Schöpferisch auch in dem Sinne, daß es lehrt, wie es keine für sich stehende ‘Realität’ gibt, an und für sich, sondern in geschichtlichem Bezug auf die Menschen, die sie ändern usw.“
Antonio Gramsci, „Gefängnishefte“, Heft 11 (1932-1933), § 59 „Was ist Philosophie?“.

Der triftige Gedanke wird für die Mehrheit zur freudigen Tat als menschliche Gestaltung einer grundlegend verbesserungsbedürftigen Welt. So werden die 99 Prozent Wirklichkeit.

2) Die (Kenntnis der) "Seele" als Faktor

„Die analytische Einsicht ist weltverändernd; ein heiterer Argwohn ist mit ihr in die Welt gesetzt, ein entlarvender Verdacht, die Verstecktheiten und Machenschaften der Seele betreffend, welcher, einmal geweckt, nie wieder daraus verschwinden kann.“
Thomas Mann, „Freud und die Zukunft“, 1936.

Es gibt ein Unbehagen, das, wenn man den Ursprung ermittelt, sehr produktiv sein kann, um sich aufzurichten und sich diese Haltung dauerhaft zu eigen zu machen.

3) Der eigentliche Sinn

„Wenn man nicht nach Genuß strebt, nicht das Beste aus dem Bestehenden herausholen will und nicht die beste Lage einnehmen will, warum sollte man da kämpfen?“
Bertolt Brecht, „Me-ti * Buch der Wendungen“, „TU will kämpfen lernen und lernt sitzen“, entstanden in den 1930er Jahren des Exils.

Woran ist die Schlüssigkeit einer persönlich-gemeinschaftlichen Lebenskonzeption zu erkennen? An der Stellung der Mundwinkel. (Anti-Merkel)

4) Fülle des Wohllauts

„Wegen ungünstiger Witterung fand die deutsche Revolution in der Musik statt.“
Kurt Tucholsky, „Schnipsel“, 1930.

Man warte nicht auf bessere Witterung – die passende Musik ist schon vorhanden.


Zum Geleit LXXIII

Zur AS-Sitzung am 19. Januar 2012

Kooperation
oder
Die Stärke des Verstandes

„Der Dornstrauch
»Aber sage mir doch«, fragte die Weide den Dornstrauch, »warum du nach den Kleidern des vorbeigehenden Menschen so begierig bist? Was willst Du damit? Was können sie dir helfen?«
»Nichts!« sagte der Dornstrauch. »Ich will sie ihm auch nicht nehmen; ich will sie ihm nur zerreißen.«“

Gotthold Ephraim Lessing, „Fabeln * Drei Bücher“ (Zweites Buch), 1759.

„Ein Besonderes, insofern wir das Allgemeine anschauend in ihm erkennen, heißt ein Exempel.“
Ders., „Abhandlungen * I Von dem Wesen der Fabel“, 1759.

Bedenkenlose Ruppigkeit gilt gemeinhin als Stärke, bedachte Freundlichkeit als Schwäche; Oberflächlichkeit hat den Vorteil, nicht allzuviel wissen und verantworten zu müssen; schnelles Handeln statt Rücksichtnahme sichert die ersten der (raren) guten Plätze; spontane Emotionalität schützt vor einem gefährlichen Maß an kritischer Rationalität; Lügen haben zwar laut Überlieferung kurze Beine – aber wer vertraut schon Überlieferungen?

Laut Kurt Tucholsky stünden manche Leute lieber in der Ersten Klasse, als daß sie in der Dritten Klasse säßen.

Des Alltags Zustände halten viele Exempel (s.o.) dafür bereit, wie die Allgemeinheit, das Wesen unserer Gesellschaft, verfaßt ist.

Das ist, wie alles im menschlichen Leben, erkennbar, kritisierbar und veränderbar, ergo: Eine Angelegenheit des Verstandes und der Entscheidung, ihn zielgerichtet einzusetzen.

Solidarität ist gemäß Erkenntnis und Erfahrung eine kooperative Handlungsweise, die darauf gerichtet ist, gemeinschaftlich dafür zu wirken, menschenwürdige Lebensverhältnisse zu schaffen. Von der Mehrzahl für die Mehrzahl.

Kollegialität ist, gemessen an der Freude des Handelns und dem Sinn des Ergebnisses, eine Arbeitsweise, die von der Einsicht in die Nützlichkeit des gemeinsamen Wirkens geleitet ist.

Da die Welt, wie sie ist, nicht so bleiben kann, sollte anders als egoistisch gedacht werden.

Freundlichkeit könnte also heißen, nachdrücklich für freundliche Zustände zu sorgen.

„Das Ross und der Knabe
Auf einem feurigen Ross floh stolz ein dreuster Knabe daher. Da rief ein wilder Stier dem Rosse zu:
»Schande! Von einem Knaben ließ ich mich nicht regieren!«
»Aber ich«, versetzte das Roß. »Denn was für Ehre könnte es bringen, einen Knaben abzuwerfen?«“

Gotthold Ephraim Lessing, „Fabeln“, a.a.O.


Zum Geleit LXXII

Zur AS-Sitzung am 15. Dezember 2011

Fürs Vaterland zu sterben

1.
Fürs Vaterland zu sterben, gilt als ein’ heilig’ Pflicht.
Als Deutschlands deutsche Erben daran wir zweifeln nicht.
Und fehlt der Sinn dabei?
Gibt man uns Geld und Segen und sagt uns, wie es sei.

2.
Nach soundsoviel Jahren ist schmutzig dieser Krieg.
Wir haben pur erfahren, wem nützet wohl ein Sieg.
Und was folgt jetzt daraus?
Was sie uns auch erzählen, begeistert keine Laus.

3.
Dennoch wird neu beschworen, daß man noch braucht’ drei Jahr.
Krieg wird stets neu geboren, für Geld, ganz blank und bar.
Macht da noch jemand mit?
Wenn uns verläßt der Glauben, steigt Hoffnung Schritt für Schritt.

4.
Fürs Vaterland zu sterben, gilt schlicht als Unsinn nun.
Auch wenn sie uns umwerben, soll’n alle Waffen ruh’n.
Und was ist Eure Wahl?
Der Mensch will besser leben, jetzt, hier und allemal.


Zum Geleit LXXI

Zur AS-Sitzung am 17. November 2011

Wie bitte?

oder:

Den Ohren trauen

1) Regiert-Werden

„Es ist wichtig, dass wir von diesem Parteitag das gemeinsame Signal senden: Wir verzagen nicht, wir jammern nicht, wir nörgeln nicht.“
Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel auf dem CDU-Parteitag in Leipzig, 2011.

Nun ist es amtlich: Das Pfeifen im Walde ist zentraler Bestandteil des konservativen Regierungsprogrammes. Auch eine Art von Glauben. Wie bitte?

2) Des Dichters Dringlichkeit

„Das aber fürchten die Aristokraten am meisten; mit der Zerstörung der nationalen Vorurteile, mit dem Vernichten der patriotischen Engsinnigkeit schwindet ihr bestes Hülfsmittel der Unterdrückung. Ich bin daher der inkarnierte Kosmopolitismus, ich weiß, daß dieses am Ende die allgemeine Gesinnung in Europa, und ich bin daher überzeugt, daß ich mehr Zukunft habe als unsre deutschen Volkstümler, diese sterblichen Menschen, die nur der Vergangenheit angehören.“
Heinrich Heine an Friedrich Merckel, Frühjahr 1833.

Es bleibet dabei: Wir sind nach wie vor, von Alpha bis Omega – in ganzer menschlicher Bandbreite –, alle Griechen. Demokratie!

3) Wohl wahre Worte

„beim menschlichen handeln ist es so: wenn sich eine bestimmte quantität von gründen aufgehäuft hat, entsteht eine neue qualität, und ein entschluß erfolgt oder eine handlung.“
Bertolt Brecht, „Arbeitsjournal“, 23.3.1942.

Es ist uns nicht nur kumuliertes Wissen gegeben, sondern auch der Unmut über änderbar Unzulängliches kann sich häufen. Wir können dann die Richtung und Wirkungsweise unseres Handelns neu begründet ändern. Mündigkeit!

4) Zwerchfellatmung

„Und gehts gut, so ist der Kapitalist ein tüchtiger Kerl, auch zeigt dies, daß die Wirtschaft nicht auf private Initiative verzichten kann. Gehts aber schief, so ist das ein elementares Ereignis, für das natürlich nicht der Nutznießer der guten Zeiten, sondern die Allgemeinheit zu haften hat.
Wirf den Bankier, wie du willst: er fällt immer auf dein Geld.“

Kurt Tucholsky, „Schnipsel“, 1932.

Kleiner Rat: Nimm’s vorher drunter raus.


Zum Geleit LXX

Zur AS-Sitzung am 27. Oktober 2011

Ansprüche fortsetzen

Einst hieß es wohl, die Wissenschaft
Sei uns’re allerhöchste Kraft.
Nun heißt es rechnen, sparen, kürzen,
Statt gute Speise gut zu würzen.

Schmaler Hans in seiner Küche
Rührt den Brei und erntet Flüche,
Ob jetzt er nicht besser kochen kann,
Damit es uns schmecke dann und wann.

Hans dagegen bleibt dogmatisch,
Erwidert kurz, halb apathisch,
Daß Banken leider sehr verfressen –
Die Bildung sei sehr klein vermessen.

Das hört der Mensch gar nicht gerne,
Wenn man ihm zeigt in die Sterne
Für all das Gute hier auf Erden –
Wer mag ein bleicher Engel werden?

Damit nun Farbe kommt ins Leben,
Woll’n wir dem Schmalhans Kontra geben:
Für Frieden, Wohlfahrt, Heiterkeit
Ist Mensch zu mancher Tat bereit.


Zum Geleit LXIX

Zur AS-Sitzung am 8. September 2011

Handelndes Denken
Eine Neubewertung

1) Grundlegend

„In der ›Natur der Dinge‹ oder in der biologischen ›Natur des Menschen‹ liegt der Humanismus nicht. Er wird uns nicht angeboren. Jedes Individuum muß neu erlernen, was die Gesellschaft in Jahrtausenden als höchste, mühsamste, am meisten gefährdete Leistung hervorgebracht hat, kein Instinkt verbietet ihm wie den meisten Tierarten die Tötung der Artgenossen.”
Christa Wolf, „Lesen und Schreiben“, „Erinnerte Zukunft“, 1968.

Lernen baut auf Erfahrung auf, ist selbst Erfahrung, stellt Zusammenhänge her, schafft Aussicht und verpflichtet zur Einsicht. Schönheit entsteht durch Entwicklung.

2) Die Möglichkeit als Verantwortung

„Totalität;- es gibt nur eine: die menschliche, die Totalität des Humanen, wovon das Politisch-Soziale ein Segment und Teilgebiet ist.“
Thomas Mann, „Maß und Wert“, Vorwort zum ersten Jahrgang, 1937.

Unverbindlich ist nichts zu erreichen. Gedanken beweisen ihre Triftigkeit in der Tat.
Politik ist allen möglich. Sozial ist die Befreiung von Elend.

3) Richtlinien der Geschichte

„Und wenn noch einmal ein größenwahnsinnig gewordenes Beamtentum und eine Clique geldgieriger Kanonenfabrikanten, Brotwucherer, reklamierter Redakteure, abgedankter Fürstlichkeiten mit ihren eitlen ruhmsüchtigen Frauen zum Kriege hetzen, dann möge der anständigere Teil der deutschen Nation, dann möge die gesamte Arbeiterschaft wie ein Mann aufstehen, ihnen Helm und Fahne aus der Hand schlagen und, belehrt durch Blut, gehärtet durch Leid in den Ruf ausbrechen: Nie wieder Krieg!“
Kurt Tucholsky, „Vor acht Jahren“, 1922.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

4) Heitere Verbindung

„Der Spanier lebt in fernen Zonen
Für die, die weitab davon wohnen.“

Joachim Ringelnatz (1883-1934).

Gemäß der Banken-Philosophie sind wir heutzutage eher alle Griechen: Wir können nicht haushalten, arbeiten zu wenig, machen zu viel Urlaub und gehören an die Kandare genommen.
Da hilft nur eins: Lachen


Zum Geleit LXVIII

Zur AS-Sitzung am 7. Juli 2011

Die Zahl 68

Nicht nur unter den Talaren –
Müffelei von tausend Jahren.
Erstarrung, hart, kam an ihr Ende –
Im Winde, frisch, lag echte Wende.

Krieg, Faschismus? Nie wieder, nie!
Legt alle Braunen über’s Knie!
Und dem Militär allerorten?
Klaut die Gewehre, schließt die Pforten!

Bildung sollte nun offen sein –
Arbeiterkinder just hinein.
Kritik ward eine Kategorie
Für Position und Empirie.

Büstenhalter wurden verbrannt –
Gelächter ging durchs ganze Land.
Aufklärung war groß von Bedeutung,
Auch für körperliche Läuterung.

Ordnungshüter sagt: Vergessen!
Wir hingegen neu vermessen –
Für alle, für heute, für morgen –
Die reiche Welt, sehr arm an Sorgen.
Und der Sinn vom ganzen Streben?
Leben.


Zum Geleit LXVII

Zur AS-Sitzung am 9. Juni 2011

Heitere Seriosität

(Eine neue Einheit)

1) Radix statt Radieschen

„Katechisation
Lehrer
Bedenk, o Kind! woher sind diese Gaben?
Du kannst nichts von dir selber haben.
Kind
Ei! Alles hab ich vom Papa.
Lehrer
Und der, woher hats der?
Kind
Vom Großpapa.
Lehrer
Nicht doch! Woher hats denn der Großpapa bekommen?
Kind
Der hats genommen.“

Johann Wolfgang v. Goethe, Lyrische Dichtungen, 1772-1774 (Frankfurt).

Gedanken bilden stets die Haltung: Wer die Ursachen kennt, kann freier denken und atmen.
Das hat Konsequenzen. Klugheit sei an Entfaltung gemessen.

2) Anderer Alltag

„Der zweite Bürgermeister tut sich etwas darauf zugute, nur Beamter im Dienst zu sein und nichts als das – das ›Menschliche‹ holt er in Mußestunden hervor und zu ganz besonders schönen Anlässen – dann heißt dergleichen ›human‹. Es ist die ehemals preußische Furcht darin, alles Menschliche sei von vornherein verdächtig, unangemessen, ungehörig – und es wird darum verjagt wie Singvögel von einem Kasernenhof.“
Kurt Tucholsky, „Das ›Menschliche‹“, 1927.

Wer Furcht hat, wird amtlich. Wovor Furcht? Vor dem Unwillen der Aktionäre. Sie stellen aber nicht die Mehrheit. Das Menschliche werde amtlich.

3) Ersichtliches

„Und es ist kein besonders gutes Zeichen für eine Gesellschaftsordnung, wo nur die Unmündigen und Betrunkenen die Wahrheit sagen oder wenigstens zu sagen bereit sind.“
Bertolt Brecht, „Notizen über realistische Schreibweise“, 1940.

Die Wissenschaft sei ambitioniert, die Wahrheit zu ergründen, sie zu verbreiten und das Leben zu verbessern.

4) Bestimmtheit

„Ist denn kein Unterschied zwischen
Gerechtigkeit und Schinderei?“

Georg Christoph Lichtenerg, „Einfälle und Bemerkungen“, Heft C, 1772-1773.

Doch!


Zum Geleit LXVI

Zur AS-Sitzung am 12. Mai 2011

Umbruch im Spiegel des Morgens

Der Weckruf tönt recht früh am Morgen,
Die Nacht ist fort, ganz einerlei;
Wer jetzt nicht aufsteht, will sich borgen
Von den Minuten zwei bis drei.

Der Tag ist da, er zeigt die Zähne –
Es ist nicht klar, ob gut das ist.
Die Seele fragt, ob ich erwähne:
Ist Welt wohl gülden oder Mist?

Es liegt sich schön in diesem Bette,
Das ist der Ort für Träumerei,
An dem, so gilt die stumme Wette,
So manches Unglück zieht vorbei.

Jedoch, die Welt, sie braucht die Taten,
Stets klug bedacht, des Sinnes voll.
Der Tag, er soll nicht auf uns warten –
Drum: Aufstehn! Mit und ohne Groll!


Zum Geleit LXV

Zur AS-Sitzung am 14. April 2011

Tendenz

oder:

Der richtige Einsatz des Verstandes

1) Irrtum

„Das kunstvolle Gleichgewicht, in dem ein Mensch lebt, ist manchmal nichts anderes als der angehaltene Moment vor seinem unvermeidlichen Sturz.“
Dieter Wellershoff, „Die Schönheit des Schimpansen“, Roman 1977.

Neu ist zu fragen: Was ist ein „Restrisiko“?
Gemeint war damit wohl nicht, daß uns das Risiko, geschäftlich nicht berechnet, den Rest gibt. Auf jeden Fall ist der Kaiser aus seinem Palast herabgestiegen.

2) Kumpanei

„Alle Leute haben eine Nähmaschine, ein Radio, einen Eisschrank und ein Telefon.
Was machen wir nun? fragte der Fabrikbesitzer.
Bomben, sagte der Erfinder.
Krieg, sagte der General.
Wenn es denn gar nicht anders geht, sagte der Fabrikbesitzer.“

Wolfgang Borchert (1921-1947), „Lesebuchgeschichten“.

In welchem Dienst steht die Vernunft? Es gibt Verbindungen, die sind tödlich. Man sollte sie nicht eingehen.

3) Richtungsänderung

„Ich halte dafür, daß das einzige Ziel der Wissenschaft darin besteht, die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern.“
Bertolt Brecht, „Leben des Galilei“, 1938/39.

Es gibt sie, die Last im Genick, dem Joch des Ochsen gleich, – mit Namen: Armut im Reichtum, Beharren trotz Einsicht, Catch-as-catch-can statt Kooperation. Das ABC der uneingelösten Möglichkeiten. Die Aufhebung besteht im Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und dies als gemeinsame Angelegenheit zu unternehmen.

4) Zu Methode

„Sittenspruch
Man würze, wie man will, mit Widerspruch die Rede,
Wird Würze nur nicht Kost und Widerspruch nicht Fehde.“

Gotthold Ephraim Lessing, Sinngedichte und Lieder, 1753-1771.

Wer vorankommen will, der muß verneinen.
Wer wirklich handeln will, darf nicht nur meinen.
Wer meint, er schafft das nicht, der prüfe ehrlich sich.
Denn bei Verstandeslicht ist’s wen’ger knickerig.


Zum Geleit LXIV.II

Zur AS-Sitzung am 3. März 2011

Schwamm drüber?

Eine Einwendung

Jeder, seit er denken kann
Und just sich aktuell besinnt,
Weiß, daß man gut schummelt dann,
Wenn Lehrer nicht sehr wachsam sind.

In der Schule die Lappalie nur
Wächst sich später größer aus,
Wenn der böse Bube stolz und stur
Ganz verläßt das Elternhaus.

Firmen gründen, Steuern sparen,
Stetig steigt das Kapital;
Reich geworden, jung an Jahren,
Glänzt der Bub’ von Mal zu Mal.

Fehlt dem Jungen zum Geschick
Vermehrter Glanz auf seinem Ich,
Geht er in die Politik –
Minister wird er sicherlich.

Wirtschaft bleibt nur Episode,
Stark geworden wie ein Bär,
Spricht der Bub’ nun seine Ode:
Expansion mit Militär.

Doktor nannt’ sich der Minister –
Hat geschummelt auch dabei –,
Überführt nun leider ist er,
Die Karriere ist vorbei.

Der Gedanken Diebstahl kam ans Licht,
Viel Schimpf und Schande hat er nun:
Traue dem Krieg und der Lüge nicht,
Und auch der Adel könnte ruh’n.


Zum Geleit LXIV.I

Zur AS-Sitzung am 20. Januar 2011

Geld als solches

oder

Der Mut zu etwas anderem

1) Vulgär, aber wahr

„›Wir haben eine außergewöhnliche Situation‹, sagt Breman. ›Noch nie war so viel Geld verfügbar.‹ Daran hat auch die jüngste Weltwirtschaftskrise nichts geändert. Sie hat der Branche einen kleinen Dämpfer versetzt, mehr nicht. Ab 50 Millionen Euro aufwärts muss man investieren, wenn man eine Lürssen-Yacht haben möchte.“
Janko Tietz, „Im Yacht-Fieber“, „SPIEGEL“ 3/2011, S. 75.

Michael Breman ist Chefverkäufer beim Yacht-Hersteller Lürssen in Bremen-Vegesack. Als am 16.12.2010 in der hamburgischen Bürgerschaft die sofortige Abschaffung der Studiengebühren zur Abstimmung stand, stimmten GAL und SPD aus akuten haushaltspolitischen Gründen dagegen. (Die CDU hat noch mehr „Gründe“.)
„So verschieden ist es im menschlichen Leben!“ (Kurt Tucholsky)

2) Weglaufen?

„Hasennasen
Meilenweit wittern sie jedes Ereignis, das mit dem Wind kommt. Naht es gegen den Wind, hat es sie prompt am Genick.“

Peter Hacks, in: „Diesem Vaterland nicht meine Knochen“, Gedichtesammlung, Eulenspiegel Verlag 2008.

Die Welt ist voller Gerüche. Man muß ihnen nachgehen, um verschiedene Möglichkeiten voneinander zu unterscheiden. Wer auf Erkundung geht, blickt weiter und entdeckt auch Naheliegendes.
Unrat ist allerdings zu meiden. So entwickelt sich Genuß.

3) Habe Mut...

„Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen. Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen, wenn wir zu wissen wünschen, was jener will.“
Heinrich Heine, „Französische Zustände“, 1832.

Auch die Ergründung von Fehlern ist Aufklärung: Mitgemacht? Nicht verlacht? Meist geschwiegen? Auch bei Lügen? Sitzen geblieben? Zustimmung geschrieben? Sollte es so gewesen sein: Sag Nein!
Das neue Ja wird sich finden.

4) Produktives Werkzeug

„Demokratie ist Denken; aber es ist ein dem Leben und der Tat verbundenes Denken, sonst wäre es nicht demokratisch, und eben hierin ist die Demokratie neu und modern.“
Thomas Mann, „Vom kommenden Sieg der Demokratie“, 1938.

Zeitgemäß ist wahrlich die Überwindung der massenhaften Vereinzelung.
Der Mensch ist weder Apparat noch dumpfer Organismus.
Die Vernunft setzt da an, wo die Handelnden ihre Lage gemeinsam würdig gestalten.
Krieg ist nicht, wenn keiner hingeht.


Zum Geleit LXIII

Zur AS-Sitzung am 16. Dezember 2010

Und den Menschen ein Wohlgefallen

Klein Erna sprach zu Fritze klein -
Der tat sogleich erröten-:
Die Kriege sollen nicht mehr sein,
Genug mit all´dem Töten!

Der Fritz, einst groß, nun klein geworden,
Gab Antwort gern bereit:
Auch er, der Jung´, halt´ nichts von Orden,
Das wäre nicht gescheit.

Das Öl, der Krieg, die Mafia -
Im Ganzen wohl gewogen -
Sind nicht für die Entwicklung da,
Zuhause wird gelogen.

Wenn traut ein Paar ins Kriegsland reist
Und Kerner tut sie loben,
Die Frau im Camp die Suppe speist,
So wär´da was verschoben.

Der Krieg ist schlecht, es bleibt dabei,
Es fehlen Buch und Mütze.
Ich freue mich, wenn er vorbei
Und niemand mehr ein Schütze.

So hörte Erna, freute sich,
Daß kleiner Fritz sich traute,
Zu sagen, Krieg sei fürchterlich -
Und auf den Frieden baute.

Hamburg, den 15. Dezember 2010


Zum Geleit LXII

Zur AS-Sitzung am 18. November

Was ist Politik?

1) Verlassen der Isolation

„Denn der einzelne kann sich mit all denen zusammenschließen, die dieselbe Veränderung wollen, und wenn diese Veränderung vernünftig ist, kann der einzelne sich in einem imponierenden Ausmaß vervielfachen und eine Veränderung erzielen, die viel radikaler ist, als es auf den ersten Blick möglich erscheint.“
Antonio Gramsci, „Gefängnishefte“, Heft 10 (1932-1935), § 54 „Einführung ins Studium der Philosophie. Was ist der Mensch?“.

Das Kämmerchen, als Ort in dieser Welt,
Ist still und klein – was Erna nicht gefällt.

2) Die Verneinung des Gegenteils

„Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!“

Wolfgang Borchert, „Dann gibt es nur eins!“ 1947.

Der Krieg hat viele Facetten. Er beginnt damit, daß ein Menschenleben weniger wert ist als ein anderes. Wer sich daran nicht beteiligt, nimmt eher bessere Aufgaben wahr.

3) Rechte und Pflichten

„Die einen haben das ›Recht‹, für das Vaterland sterben zu dürfen, andre ›dürfen‹ zu Hungerlöhnen arbeiten – wobei denn wieder andre die saure Pflicht haben, vierundzwanzig Aufsichtsratsposten bekleiden zu müssen.“
Kurt Tucholsky, „...zu dürfen“, 1930.

Trotz aller laut und leiser inszenierten Leugnungen läßt sich ein gewisses Oben und Unten nicht verhehlen. Da die Kluft zwischen beiden tiefer geworden ist, kann von einer Besserung der Welt nicht die Rede sein.
Das ist bei allen Überlegungen und Handlungen zunehmend zu berücksichtigen.

4) Entscheidung

„Erst wenn die Produktivität entfesselt ist, kann Lernen in Vergnügen und Vergnügen in Lernen verwandelt werden.“
Bertolt Brecht, „Nachträge zum ›Kleinen Organon‹“, 1954.

Aufstehen, Lüften, Durchatmen: Solidarität.
Wer wach aus dem Fenster blickt, kann sich anschließen.


Zum Geleit LXI

Zur AS-Sitzung am 21. Oktober 2010

Leitkultur?

Eine Erinnerung

1) Der Beginn

„Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt.“
Heinrich Mann, „Der Untertan“; vollendet 1914, erschienen 1918.

Verschüchtert durch böse Fabeltiere in den Erzählungen der Mutter, gezüchtigt durch den Stock des Vaters, umarmt von strenger Erziehung in der Schule, durch die Neuteutonen während des Studiums der „Kultur“ des Schlagens und Saufens nahegebracht: Herr Heßling war ein strammer Untertan geworden. So waren zwei Weltkriege möglich. Nötig?

2) Der Körper

„Braust drei Hepp-hepps und drei Hurras
Um die deutschen Eichenbäume!
Trinkt auf das Wohl der deutschen Frauen ein Glas,
Daß es das ganze Vaterland durchschäume.
Heil! Umschlingt euch mit Herz und Hand,
Ihr Brüder aus Nord-, Süd- und Mitteldeutschland!
Daß einst um eure Urne
Eine gleiche Generation turne.“

Joachim Ringelnatz, „Turnermarsch“, 1920.

Wer das Wort „Ertüchtigung“ hört, nehme doch bitte Haltung an, d.h. eine feindselige. Danach ist Gelächter möglich. Ihm folgt eine entspannte Haltung mit erfreuten Gliedmaßen. So läßt sich besser regen.

3) Sehen, was ist

„Wenn der Mensch ›Loch‹ hört, bekommt er Assoziationen: manche denken an Zündloch, manche an Knopfloch, manche an Goebbels.“
Kurt Tucholsky, „Zur soziologischen Psychologie der Löcher“, 1931.

Es gibt viel Gerede zwischen Himmel und Erde. Von bösen Muselmanen (die bekanntlich auch zu viel Kaffee trinken), von ordentlichen und fleißigen Deutschen sowie vom Segen der Bravheit.
Das meiste davon ist hohl und riecht auch streng.
Man sollte das sagen und weitergehen.

4) Ansprüche

„Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.“

Heinrich Heine, „Deutschland – Ein Wintermärchen“, Caput I, 1844.

Geiz ist geil – mitnichten. Niemand lasse sich vertrösten. Daran ist stets etwas faul. Leben ist wichtig.
Jetzt. Später. Immer.


Zum Geleit LX

Zur AS-Sitzung am 9. September 2010

Die Richtung des Verstandes:
Freiheit, Gleichheit, Solidarität.

1) Menschenmöglich

„Die Möglichkeit ist nicht die Wirklichkeit, doch auch sie ist eine Wirklichkeit: daß der Mensch eine Sache tun oder lassen kann, hat seine Bedeutung, um zu bewerten, was wirklich getan wird. Möglichkeit bedeutet ›Freiheit‹. Das Maß der Freiheit geht in den Begriff des Menschen ein. Daß es objektive Möglichkeiten gibt, nicht Hungers zu sterben, und daß dabei Hungers gestorben wird, hat anscheinend seine Bedeutung.“
Antonio Gramsci, „Gefängnishefte“, Heft 10 (1932-1935), § 48 „Einführung ins Studium der Philosophie“.

Jean Ziegler, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung von 2000 bis 2008, hat auf Grundlage von empirischen Daten der Vereinten Nationen hervorgehoben, daß weltweit eine Milliarde Menschen Hungers leiden und daß die menschliche Nahrungsmittelproduktion dafür reicht, die Weltbevölkerung zweieinhalbfach zu ernähren.

2) Menschengleich

„Und wenn jeder im Volke in den Stand gesetzt ist, sich alle beliebigen Kenntnisse zu erwerben, werdet ihr bald auch ein intelligentes Volk sehen.“
Heinrich Heine, „Geständnisse“, 1854.

Die Menschen sind gleich, indem sie bedürfen: Nahrung, Kleidung, Haus, Bildung, Musik (und dergleichen mehr) sowie die gemeinsame Bestimmung über die gemeinsamen Angelegenheiten.
Für diese Bedingungen ist zu arbeiten.

3) Menscheneinig

„General, der Mensch ist sehr brauchbar.
Er kann fliegen und er kann töten.
Aber er hat einen Fehler:
Er kann denken.“

Bertolt Brecht, „General, dein Tank ist ein starker Wagen“, „Svendborger Gedichte“, 1939.

Wenn die Denkenden sich mitteilen und sich neu handelnd orientieren, ist der Krieg an sein Ende gekommen.
Die Zivilisation kann wirklich beginnen.

4) Menschenfroh

„In der Gestalt des Politischen ist uns heute die Frage des Menschen selbst mit einem letzten und lebensgefährlichen Ernste gestellt, die frühere Zeiten nicht kannten,- und gerade dem Dichter, welcher doch von Natur und Schicksals wegen jederzeit den exponiertesten Posten der Menschheit innehat, sollte es erlaubt sein, sich vor der Entscheidung zu drücken?“
Thomas Mann, „Spanien“, 1937.

Sich zu drücken – vor Erkenntnissen, Konsequenzen, Handlungen und Konflikten, auch vor entscheidend neuen Möglichkeiten und Wirkungen – ist eine selbstverschuldete Beschränkung.
Freude entsteht, wenn es gelingt, sich von Verklemmungen zu verabschieden.
Freiheit, Gleichheit, Solidarität.


Zum Geleit LIX

Zur AS-Sitzung am 8. Juli 2010

Wissen, oder nicht?

1) Erkennbare Tatsachen

„Sagt man Wahrheit, so sagt man auch Freiheit und Gerechtigkeit; spricht man von diesen, so meint man die Wahrheit.“
Thomas Mann, „Vom kommenden Sieg der Demokratie“, 1938.

Demokratie ohne Wahrheit ist wie Salz ohne Suppe.
In Wahrheit ist die Welt nicht in einem guten Zustand.
Die Spekulation auf Getreide ist schlecht für die Ernährung.

2) Gedankenfinish

„Der Aberglaub, in dem wir aufgewachsen,
Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum
Doch seine Macht nicht über uns. – Es sind
Nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.“

Gotthold Ephraim Lessing, „Nathan der Weise“, Vierter Aufzug/Vierter Auftritt („Tempelherr“), 1779.

Der Schmerz am Knöchel ist unschwer lokalisierbar. Man sollte sich nicht einreden lassen, das klirrende Etwas sei schmückend.
Auch ist möglich, Hilfe zu mobilisieren, die Fessel zu lösen.
Ketten zu Alteisen.

3) Gemeinsamer Sinn

„Nicht nur der Glaube versetzt Berge: die Kraft des Wissens ist ganz ebenso zuverlässig. Das Wissen ist revolutionär. Wer mehr weiß, hat für die Unwissenden mitgelernt und lebt für ihre Befreiung, und selbst wenn er gerade das nicht wüßte.“
Heinrich Mann, „Geheime Schulen“, 1935.

Auch was das Lernen betrifft, soll (nach alter Dogmatik) an einer streng gegliederten Ordnung festgehalten werden: ganz Doofe, weniger Doofe und gebildete Diener.
Wer vom Menschen weiß, sollte diese Kasten auflösen.
Wir wollen wissen.

4) Was soll das Ganze?

„Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.“

Heinrich Heine, „Deutschland – Ein Wintermärchen“, Caput I, 1844.

Viel Aufwand – auch an Universitäten – wird zu dem Zwecke betrieben, angeblich nachzuweisen, daß Bescheidenheit die erste und die letzte Vernunft sei.
Der entscheidende Schritt der Erkenntnis beginnt mit dem Einsehen, daß man hinter dem Horizont nicht von der Erde fällt.
Der Kern des Wissens besteht darin, sich nicht vertrösten zu lassen.


Zum Geleit LVIII

Zur AS-Sitzung am 10. Juni 2010

Was kommt auf die Bühne?
Eine Allegorie

1) Das schlechte Extrem

„Manches Theater wurde im Dritten Reich und vor allem im Kriege zu einer Oase. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich Hitler und seine Paladine mit der Kunst schmückten. Freizügigkeit wurde nur geduldet, solange sie dem Regime nutzte, besonders gegenüber dem Ausland. Gute Leistungen des Theaters, einzelne hervorragende Aufführungen ließen die brutale Diktatur in freundlicherem Licht erscheinen, trugen zumindest für einige Zeit dazu bei, sie salonfähig zu machen. Nicht ohne Grund saßen Hitler und seine Paladine bei Premieren in der Ehrenloge.“
Inge Stolten, „Das alltägliche Exil/Leben zwischen Hakenkreuz und Währungsreform“, Bonn 1982, S. 41.

Die Theater – und nicht nur sie – waren weitgehend „gesäubert“ eingeordnet und „erzogen“. Auch auf sie fielen letztlich die Bomben. Die Geschichte lehrt, daß die Freiheit der Kunst bedingt ist.

2) Wirksames Spiel

„Der Spieler braucht nicht in die Illusion versetzt zu werden, daß er sich in der richtigen Welt befinde, aber es muß ihm bestätigt werden, daß er sich in einem richtigen Theater befindet. Gute Proportionen, schönes Material, sinnvolle Einrichtungen und gute Arbeit der Requisiten verpflichten den Schauspieler.“
Bertolt Brecht, „Über den Bühnenbau der Nichtaristotelischen Dramatik“, in: „Schriften zum Theater“, 1933-1947.

Auf der Bühne ist’s wie im Leben vor der Tür: Gute Bedingungen schaffen gute Arbeit.
Diese Bedingungen müssen aber wiederum geschaffen werden. Das ist menschlich.

3) Grundsätzlich praktische Vernunft

„Würden sich also die Großmächte mit einer zwei- oder höchstens dreifachen Zerstörung des Erdballs als Abschreckungspotential zufriedengeben, ließen sich Hunger und Krankheiten mit Leichtigkeit besiegen; aber nein, offensichtlich liegt in der Logik keine Sicherheit, sondern nur im Absurden. Deshalb sterben Tausende, nicht durch Kanonenschüsse, sondern weil es Kanonen gibt.“
Sir Peter Ustinov, „Ich und Ich/Erinnerungen“, 2004, S. 205f.

Wer das Spiel ernst nimmt, kümmert sich im Wechselbezug um ein besseres Leben für Alle. Jede Rolle bekommt so ein deutlicheres Gesicht.
„Entwaffnend“ hat eine umfassende Bedeutung.

4) Eingeschüchtert?

„Herr von Gänsewitz zum Kammerdiener
Befehlt doch draußen, still zu bleiben!
Ich muß itzt meinen Namen schreiben.“

Gottfried August Bürger, 1780.

Die Gespreiztheit ist eine Form, die nicht daran hindern sollte, in hellem Gelächter sich zu erfrischen. Verstand braucht Licht.


Zum Geleit LVII

Zur AS-Sitzung am 20. Mai 2010

Courage ist die Mutter der Porzellankiste

Ein philosophischer Vorschlag zum Handeln

1) Was sein kann

„Die Möglichkeit ist nicht die Wirklichkeit, doch auch sie ist eine Wirklichkeit: daß der Mensch eine Sache tun oder lassen kann, hat seine Bedeutung, um zu bewerten, was wirklich getan wird. Möglichkeit bedeutet ›Freiheit‹. Das Maß der Freiheit geht in den Begriff des Menschen ein. Daß es objektive Möglichkeiten gibt, nicht Hungers zu sterben, und daß dabei Hungers gestorben wird, hat anscheinend seine Bedeutung.“
Antonio Gramsci, „Gefängnishefte“, Heft 10 (1932-1935), § 48: „Einführung ins Studium der Philosophie“.

Das Gebiet der „Freiheit“ ist derzeit besetzt von den Börsen der fiebrigen Finanzwelt. Derweil fließt das Öl ins Meer; Brot gelangt bei weitem nicht in alle bedürftigen Hände.
Nur eine Gleichzeitigkeit?

2) Sich lösen

„Wer hat das Fragen aufgebracht?
Unsere Not.
Wer niemals fragte, wäre tot.
Doch kommt’s darauf an, wie jemand lacht.“

Joachim Ringelnatz, „Mißmut“, 1933.

Der Alltag ist in hohem Tempo grimmig.
Halt!
Lachen kann: Erschüttern (was als fest gilt), Festigen (was unsicher ist), Anstecken (was resistent scheint), Aufhellen (was dunkel droht) und der Bewegung neues Maß und neue Richtung geben.

3) Der Lüge widersprechen

„Wenn der Mensch ›Loch‹ hört, bekommt er Assoziationen: manche denken an Zündloch, manche an Knopfloch und manche an Goebbels.“
Kurt Tucholsky, „Zur soziologischen Psychologie der Löcher“, 1931.

Die Tatsache, daß ein X kein U ist, ist weithin anerkannt.
Wer aber sagt nicht nur, daß der Kaiser nackt ist, sondern auch nutzlos, teuer und von gestern?

4) Vertrauen

„Wie lange
Dauern die Werke? So lange
Als bis sie fertig sind.
So lange sie nämlich Mühe machen
Verfallen sie nicht.“

Bertolt Brecht, „Über die Bauart langandauernder Werke“, Gedichte 1930-1934.

Werke – Bauten – sind Gemeinschaftsaufgaben, die, wenn sie vernünftig ersonnen, gemacht und genutzt werden, ihre sorgfältige Verteidigung finden.
Manche denken bei Loch auch an Hafen.


Zum Geleit LVI.II

Zur AS-Sitzung am 15. April 2010

Sackgassen sind nur durch Umkehr zu verlassen

Es hieß einst, Bildung tut dem Standort gut,
Wenn man sie kräftig reformieren tut.
So sprach der König Frosch in seinem Tümpel,
Der Geist von 68 sei Gerümpel.

Die neue Ordnung, eigentlich die alte,
Von Bertelsmann sogleich der Segen walte,
Bestückt mit Dekan/Dekanin in den Fakultäten,
Geleitet nach rein rechnerischen Bonitäten.

Betriebswirtschaftlich sind auch die Gebühren;
Sie sollen Studiker zu Markte führen.
Gleichfalls der Master mit dem Bachelor –
Sie kommen allen doch recht marktisch vor.

Hinzu treibt STINe, dieses strenge Mädchen,
All die Geplagten durch das Hamsterrädchen.
Wer brav nicht seine Runden macht,
Kriegt Ordnungshiebe, bis sie lacht.

Da haben wir nun gänzlich den Salat,
Soll heißen: Katastrophe im Quadrat.
Die Wissenschaft, nach eigenem Prinzip der Menschheit Gute,
Gedeiht recht spärlich unter Wirtschaftsnorm und harter Knute.

Wer wissen will, was wirklich wieder Welten weitet,
Der fair human den aufgeklärten Weg beschreitet.
Der braucht die produktive Muße ohne Not,
Das ABC, das Einmaleins – und etwas Brot.

Daher läßt sich die ganze Chose wohl so fassen:
Sackgassen sind nur durch Umkehr zu verlassen.


Zum Geleit LVI.I

Zur AS-Sitzung am 4. Februar 2010

Wer will es gewesen sein?

oder

Einer verschiebe dem anderen die Last

1) „Bild am Montag“

„Die Materie ist so hochkomplex wie die früher so gern verkauften Finanzprodukte – und zudem juristisch umstritten: Gier ist allein so wenig strafbar wie Dummheit. Und Risiken gehören zur Grundlage des Bankgeschäfts.“
Autorenkollektiv, „Sehnsucht nach Sühne“, „SPIEGEL“ 5/2010, S. 66.

Die kranke bzw. heilenswerte Welt erscheint manchen halbwegs Wohlbezahlten – im Rahmen von Anzeigen für Manager-Magazine und Fluggesellschaft – so unübersichtlich, daß zwischen dem Brotdrang von Hungernden und der Lüsternheit nach Boni und Börsenpunkten nicht notwendig oder gar hinreichend unterschieden werden kann.
Dummheit selbst ist die Strafe. Hochkomplex.

2) Der Mehrheit die Mehrheit

„Die Bestimmung über die ministerielle Verantwortung, weit davon entfernt, eine unbedeutende Phrase zu sein, befähigt die Abgeordneten, über den Staatsgerichtshof sogar jeden Minister abzusetzen, der für schuldig erklärt wird, irgendeinen Beschluß der Legislative falsch ausgelegt zu haben.“
Karl Marx, „Unruhe in Deutschland“ [über die hessische Verfassung von 1831], 1859; Marx/Engels Werke (MEW), Bd. 13, S. 536.

Die größte Übereinstimmung zwischen „Volk“ und Regierung besteht – idealerweise – in der Realisierung des Allgemeinwohls. Frieden, zivile Produktion und Heiterkeit stehen hier an erster Stelle.
Bei möglichen Unstimmigkeiten sind erforderliche Änderungen in Bewußtsein, Handlungsweise und Strukturen zu schaffen. Wohl-Sein selbst ist der Lohn.

3) Die Minderheit gegen die Mehrheit

„Gekrochen einst mit Herz und Hand
Dem Vaterland auf den Leim
Belohnt mit dem Sarge vom Vaterland:
Jedem Krieger sein Heim!“

Bertolt Brecht, „Zu Potsdam unter den Eichen“, Lieder und Chöre 1934.

Wer sich vereinzeln läßt, geht – romantisch gestimmt oder realpolitisch – für das „Große und Ganze“ gemeinsam mit den anderen Einzelnen unter.
Leim bleibe daher für lästige Fliegen und wackelige Stühle.

4) Die bekömmliche Stellung der Mundwinkel

„Vielleicht sollten wir es darum mit Lessing halten, der seiner Minna von Barnhelm einen wunderbaren Satz in den Mund gelegt hat: ›Das Lachen erhält uns vernünftiger als der Verdruss.‹
Damit wurde ein Bild von der Aufklärung in die Welt gesetzt, das ihr alle Zornesröte nimmt; die Vernunft nicht als die Schwester des autoritären Eifers, sondern der antiautoritären Heiterkeit.“

Sir Peter Ustinov, „Achtung! Vorurteile“, 2003, S. 48.

Die Erkenntnis besserer (verdeckter) Möglichkeiten fördert das Verständnis für Seinesgleichen.
Der ambitionierte Hinweis auf die Entfaltung ruft ein Lächeln hervor. Das in der Menge fortgepflanzte Gelächter gibt dem Kaiser wenig zu lachen. Man reiche ihm eine Decke und schicke ihn in Pension.


Zum Geleit LV

Zur AS-Sitzung am 17. Dezember 2009

Es ist ein Jung entsprungen

Es ist ein Jung entsprungen
Von einer Höhe hardt.
Wie uns die Blätter sungen,
Von Hessen kam die Art
Und hat ein Bömblein bracht,
Mitten im deutschen Ausland,
Wohl mit der US-Macht.

Das Tumblein, das ich meine,
Davon die Merkel sagt:
Er steht jetzt ganz alleine,
Wenn ihr mich ehrlich fragt.
Auch’s neue Amt ist fort -
Durch Wahrheit, schnell am Ende,
Kam dann der Schlußakkord.

Nur Frieden, dieser feine,
Sagt allen Kriegen Tschüß!
Bringt er uns auf die Beine,
Macht man das Morden mies.
Und greint die "Bild" dabei -
Mag Springer Lügen schreiben,
Die Menge lacht’s entzwei.

Das Leben dieser Tage
Scheint uns ein Jammertal.
Das hebt hervor die Frage:
Wann wird’s wohl besser mal?
Und steht in Brechts Gedicht:
Die Antwort ist die Deine -
Vernunft hat ein Gesicht.


Zum Geleit LIV

Zur AS-Sitzung am 19. November 2009

Gedanke, Gestaltung!
oder
Das nützliche Ende des großen Muß

1) Menschliche Kategorien

„Die Sache auf die Spitze zu stellen, könnte man sagen, die Wissenschaft habe nie eine Entdeckung gemacht, zu der sie nicht von der Philosophie autorisiert und angewiesen wäre.“
Thomas Mann, „Freud und die Zukunft“, 8. Mai 1936.

Nicht, wo jede Fliege sich hinsetzt, ist es am schönsten. Lack täusche da nicht. Das Dogma, Mehrheit sei immer gleich Wahrheit, trägt manch folgenschweren Irrtum in sich. Zu unterscheiden ist - schlicht -, wann die Mehrheit irrt und wann sie die Wahrheit trifft. Letzteres ist das Günstigste.

2) Das Toyota-Prinzip

„Artikel 24
(1) Die Opposition ist ein wesentlicher Bestandteil der parlamentarischen Demokratie.
(2) Sie hat die Aufgabe, die Kritik am Regierungsprogramm im Grundsatz und im Einzelfall öffentlich zu vertreten.
Sie ist die politische Alternative zur Regierungsmehrheit.“

Verfassung der Freien und Hansestadt Hamburg.

Das eine ist stets ohne das andere nicht;
Das andere ist des einen bess’res Gesicht.
Nichts ist unmöglich.

3) Brauchen wir Generäle?

„Mit der Tugend besonderer Tapferkeit sollen die Soldaten das erreichen, was die Dummheit der Generäle nicht erreichen kann.“
Bertolt Brecht, „Es sollte in einem Lande keine besondere Sittlichkeit brauchen.“, „Me-ti/Buch der Wendungen“, geschrieben im Exil der 1930er Jahre.

Die Konjunktur von „Erlösern“ ist immer dann besonders gegeben, wenn die Ratlosigkeit aller besonders hoch ist und die große Menge sich deshalb für besonders klein hält.
Nichts ist dann schlauer, als sich zusammenzutun, um den Krieg zu beenden.
Die „Erlöser“ reden dann im Park.

4) Kategorische Menschlichkeit

„(39) Die Philosophien
Welche wohl bleibt von allen den Philosophieen? Ich weiß nicht,
Aber die Philosophie, hoff ich, soll immer bestehn.“

Friedrich Schiller, „Tabulae Votivae“, Gedichte 1795-1802.

Dieses „Mach-mit,-mach-mit-im-strengen-Schritt“ wecke böse Erinnerungen.
Wer locker gehen kann, hat ein hilfreiches historisches Bewußtsein. Schmunzeln wirkt bewegend.
Das ist auch eine Philosophie - für die Zukunft.
Sie beginnt jetzt.


Zum Geleit LIII

Zur AS-Sitzung am 22. Oktober 2009

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft
oder
Die aktive Rolle des Lernens

1) Wer hätte das gedacht?

„Opposition ist Mist. Lasst das die anderen machen - wir wollen regieren.“
Franz Müntefering, März 2004 auf dem Sonderparteitag der SPD. Der Autor des Bonmots wurde an diesem Datum zum Parteivorsitzenden gewählt.

Die Fehler von gestern fallen einem heutzutage schmerzhaft auf die Füße und machen morgen blaue Flecke. Spätestens übermorgen läßt sich - bei Abklingen der Schwellung - aus ihnen lernen.

2) Elend ist Mist

„Der Bürger gilt nichts mehr, der Krieger alles
Straflose Frechheit spricht der Sitten Hohn,
Und rohe Horden lagern sich, verwildert
Im langen Krieg, auf dem verheerten Boden.“

Friedrich Schiller, Prolog zum „Wallenstein“, 1798.

Die kaum abklingenden Militäreinsätze der letzten Jahre haben viele äußere und innere Schäden angerichtet. Die Wahrheit hat auch gelitten. Kein Hunger wurde dadurch beseitigt. Wäre es nicht besser gewesen, diese rabiaten Taten wären erst gar nicht unternommen worden?

3) Traumdeutung

„Man schläft sehr gut und träumt auch gut
In unseren Federbetten.
Hier fühlt die deutsche Seele sich frei
Von allen Erdenketten.“

Heinrich Heine, „Deutschland - Ein Wintermärchen“, Caput VII, 1844.

Wer hölzern die reine Erfüllung des Gang und Gäbe für einzig praktisch hält, bitter lächelt über Skepsis und gewollte Alternative, weint - ohne es zu wissen - in Taschentuch und Daunenkissen.

4) Vorankommen durch Bodenhaftung

„In Tagen, wo die politische Frage so sehr zur Frage der Humanität, des Menschentums selbst geworden ist wie heute, wäre es heuchlerisch und feige, sich aufs Unpolitische hinausreden zu wollen.“
Thomas Mann, „Spanien“, 1937.

Die willige und unfreie Selbstbeschränkung auf das Funktionieren und das Verwaltungshandeln - auch in scheinbar menschlichen Begegnungen sowie der Wissenschaft - heißt, sich stets behandeln zu lassen. Politik ist Angelegenheit und Möglichkeit Aller.
Die aufmerksam gelesene Geschichte lehrt die uneingelösten Chancen. Nur Mut.


Zum Geleit LII

Zur AS-Sitzung am 24. September 2009

Laßt uns sehen!

1) Was ist geblieben?

„Das Interesse braucht ideologischen Schmuck, die Machtpolitik kleidet sich in Messianismus, und was man Propaganda nennt, hat nirgends viel mit Wahrheit zu tun.“
Thomas Mann, „Meine Zeit“, 1950.

Der Studiengebührenzahler ist ein König. BachelorMasterSTiNE bedeuten pures Glück. Der Hochschulrat ist ein kompetentes Gremium.
Frau Auweter-Kurtz wirbt für Angela Merkel (CDU).
Welche der Aussagen ist wahr?

2) Neue Aufgaben

„Ich weiß nicht, wer in dem Hause wohnt, vor dem der Mann Posten steht. Ich weiß nicht, ob überhaupt jemand drin wohnt. Aber ich weiß, daß der Soldat nur um der Ehre willen vor dem Tor steht. Um der Ehre dessen willen, der in dem Hause wohnen könnte, wenn er hierzu Lust hätte.“
Alfred Polgar, „Der Posten“, 1918/1927.

Die Ehre der einen speist sich aus der Ehrfurcht der anderen.
Der Soldat kann den Posten verlassen, sein Gewehr abgeben und erquicklicheren Aufgaben nachgehen. Er kann dazu ermuntert werden. Das gilt für die Innen- wie für die Außenpolitik.

3) Erweiterung

„Vertrauet eurem Magistrat,
Der fromm und liebend schützt den Staat
Durch huldreich hochwohlweises Walten;
Euch ziemt es stets, das Maul zu halten.“

Heinrich Heine, „Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen“, 1853.

Krieg ist nicht Krieg, sondern lediglich ein Gebirgsausflug mit schwerem Gerät. Eines Tages kam der große Hugo und beraunte die Welt mit dem Sachzwang zur mutlosen Zerstörung und der Religion des willenlosen Mitmachens.
Es ist Zeit, daß er verschwindet.

4) Ein Schritt in die richtige Richtung

„Eine Katze, die eine Maus tötet, ist grausam. Ein Wilder, der seinen Feind auffrißt, ist grausam. Aber das grausamste von allen Lebewesen ist eine patriotische Frau.“
Kurt Tucholsky, „Schnipsel“, 1932.

Am 27. September ist Wahltag.


Zum Geleit LI

Zur AS-Sitzung am 9. Juli 2009

Der erste Schritt: Aus Fehlern lernen.

1) Ach, Mensch!

„Wenn du die Kunst genießen willst, mußt du ein künstlerisch gebildeter Mensch sein; wenn du Einfluß auf andre Menschen ausüben willst, mußt du ein wirklich anregend und fördernd auf andre Menschen wirkender Mensch sein.“
Karl Marx, „Ökonomisch-philosophische Manuskripte“, 1844, Marx-Engels-Werke (MEW), Erg.-Bd. 1, S. 567.

Zu den leidvollen Erfahrungen gehört, daß Leiden sich nicht lohnt.
Wiederholungen können also vermieden werden.

2) Brotgelehrte

„Wenn einer eine Lampe erfindet, die jahrzehntelang nicht ausbrennen kann, dann wird die Erfindung von Lampenmachern gekauft, nicht damit solche Lampen nun hergestellt werden können, sondern damit sie nicht hergestellt werden können.“
Bertolt Brecht, „Über Erfindungen“, „Me-ti/Buch der Wendungen“, entstanden im Exil der 1930er Jahre.

Wer glaubt, daß nicht gut sei, was sich nicht rechne, hat zu erkennen vergessen, daß der Markt alles frißt, was er verdauen kann. Ist entscheidend, was hinten dabei herauskommt?

3) Pfui: Politik

„Die besseren Geister wissen, daß das wirklich Neue in der Welt, dem zu dienen der lebendige Geist berufen ist, etwas ganz anderes ist, nämlich die soziale Demokratie und ein Humanismus, der, statt in mutlosem Relativismus steckenzubleiben, wieder den Mut hat zur Unterscheidung von Gut und Böse.“
Thomas Mann, „Schicksal und Aufgabe“, 1944.

Krieg ist nicht Krieg, sondern lediglich ein Gebirgsausflug mit schwerem Gerät. Eines Tages kam der große Hugo und beraunte die Welt mit dem Sachzwang zur mutlosen Zerstörung und der Religion des willenlosen Mitmachens.
Es ist Zeit, daß er verschwindet.

4) Mensch, ach!

„Jede Wirtschaft beruht auf dem Kreditsystem, das heißt auf der irrtümlichen Annahme, der andre werde gepumptes Geld zurückzahlen. Tut er das nicht, so erfolgt eine sog. ›Stützungsaktion‹, bei der alle, bis auf den Staat, gut verdienen. Solche Pleite erkennt man daran, daß die Bevölkerung aufgefordert wird, Vertrauen zu haben. Weiter hat sie ja dann auch nichts mehr.“
Kurt Tucholsky, „Kurzer Abriß der Nationalökonomie“, 1931.

Wer nicht mehr lachen kann, kehre bitte zu 1) zurück.


Zum Geleit L

Zur AS-Sitzung am 28. Mai 2009

Im Dunkeln ist gut Munkeln
oder
Die Sinnhaftigkeit des Lichtschalters

1) Unter Tage

„Wir hoffen, dass die Leute mehr Zeit haben, um in den Keller zu gehen und mit ihrer Eisenbahn zu spielen, wenn sie im Beruf nicht mehr so viel zu tun haben.“
Michael Pluta, Märklin-Insolvenzverwalter, Kommentar zu den Auswirkungen der wirtschaftspolitischen Lage auf den Absatz des Spielwarenherstellers.

Der satire-typische Spießer geht einmal pro Monat in den Keller, schließt die Tür hinter sich, macht das Licht aus - und lacht.
Im Kriminalroman werden dort Leichen vergraben, die sprichwörtlich als Vergehen figurieren, welche irgendwann doch an das Tageslicht kommen. Bisweilen werden im Keller auch Kartoffeln gelagert.
Nach Herrn Pluta gehen Einkommensreduzierte oder Erwerbslose dorthin, um mit etwas zu spielen, was sie sich ohnehin nicht leisten können.

2) Erdgeschoß

„Manchmal sieht man Freunde wieder, die es zu etwas gebracht haben. Neid? Nein. Aber wenn man lange nachgedacht hat, warum sie einem so fremd und so unsympathisch geworden sind, so dürfte es wohl dieses sein: ihre süßliche Erfolgsschnauze.“
Kurt Tucholsky, „Schnipsel“, 1932.

Das Erdgeschoß liegt über dem Keller. Der Weg vom einen zum anderen führt über das Treppenhaus. Meist ist der Weg nicht weit.

3) Beletage

„Die Stadt Hamburg ist eine gute Stadt; lauter solide Häuser. Hier herrscht nicht der schändliche Macbeth, sondern hier herrscht Banko. Der Geist Bankos herrscht überall in diesem kleinen Freistaate, dessen sichtbares Oberhaupt ein hoch- und wohlweiser Senat.“
Heinrich Heine, „Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski“/Kapitel III, 1834.

Herr Hilmar Kopper, gut bekannt als „Mr. Peanuts“ („Peanuts“: 50 Millionen DM Verbindlichkeiten gegenüber Handwerksbetrieben durch den unternehmerischen Hasardeur Jürgen Schneider), ehemals Chef der Deutschen Bank, soll nun Oberhaupt der HSH Nordbank werden.
Das ist - nach Gutsherrenart - ungeschönte CDU-Politik (siehe Heinrich Heine).

4) On the road again

„8
Und noch etwas macht ein wenig bedenklich
Über den Zweck der Propaganda: je mehr es in unserem Land Propaganda gibt
Desto weniger gibt es sonst.“

Bertolt Brecht, „Notwendigkeit der Propaganda“, „Svendborger“ Gedichte 1939.

Namenswerte Wissenschaft ist: die Augen öffnen, den Kopf heben, Gründe suchen, die Richtung wählen, Möglichkeiten entdecken, Gleichgesinnte finden und Dunkelheit bekämpfen.
Und: Lachen bei Tage ist keine Schande.


Zum Geleit XLIX

Zur AS-Sitzung am 16. April

Keine schlafenden Hunde wecken
oder
Der Pfad der Tugend

1) Bescheidenheit

„Ich plädiere für Bescheidenheit der Politik. Wir, die wir hier in Berlin sitzen und Politik machen, dürfen unseren Lebensstil nicht mit dem Leben der meisten Bürger verwechseln. Es ist völlig in Ordnung, dass die Mehrheit der Bürger sich nicht nur für Politik interessiert, sondern sich auch um die Arbeit, die Liebe, die Familie, die Kinder, den Sport oder die Freunde kümmert. Ein Land, dessen Bürger von morgens bis abends an Politik denken - das wäre furchtbar. Umgekehrt gilt das übrigens auch. Ein Land, dessen Bürger gar nicht an die Politik denken, ist keine Demokratie.“
Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ („FAS“), 12.4.2009, S. 4.

Das Raumschiff der Regierung schwebt über Berlin.
Der Minister wünscht sich, daß der Bürger arbeitet, sich um seine Familie kümmert, sich für die Arbeit wieder erholt, seine Steuern zahlt und die Partei des Ministers wählt.
Üb’ immer Treu und Redlichkeit.

2) Das protestantische Original

„Johann Buddenbrook führte seine Tochter schweigend hinaus. Er selbst aber kehrte noch einmal zurück, schritt auf Herrn Grünlich zu, der, die Hände auf dem Rücken, am Fenster stand und in den Regen hinausstarrte, berührte sanft seine Schulter und sprach leise und mahnend: ›Fassen Sie sich. Beten Sie.‹“
Thomas Mann, „Buddenbrooks. Verfall einer Familie“, Vierter Teil, Neuntes Kapitel, 1901.

Der Betrüger, Heiratsschwindler und Bankrotteur Bendix Grünlich hat alles verwirkt und ist kläglich gescheitert.
Seine Gläubiger pochen unerbittlich mit hartem Knöchel an die schön verzierte Tür.
Der schöne Schein ist verschwunden. Johann Buddenbrook rät zum Beten.
Es ist wie im richtigen Leben.

3) Zwei Seiten des Sozialen

„Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon -
Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?“

Bertolt Brecht, „Fragen eines lesenden Arbeiters“, „Svendborger Gedichte“, 1939.

Die Welträtsel zu lösen, ist nicht zuletzt die Aufgabe der Wissenschaften. (Schleier zu verhängen, ist dagegen derzeit die hochdotierte Tätigkeit des Herrn Professor Sinn.) Die Dichtkunst liefert zuweilen komprimierte sachdienliche Hinweise.
Die Verallgemeinerung des Wissens ist in der Tat eine praktische Angelegenheit.

4) Umstände des Denkens

„Wenn der Braten schlecht war, disputierten wir über die Existenz Gottes.“
Heinrich Heine, „Aus den Memoiren des Herren Schnabelewopski“, Kapitel IX, 1834.

Also: Der Braten muß gut sein.
Arbeiten wir daran.


Zum Geleit XLVIII

Zur AS-Sitzung am 22. Januar 2009

Genesung
oder
Das richtige Verlassen des Falschen

1) Schlicht Licht

„Eines Tages, es mochten zehn oder zwölf vergangen sein, seit Hans Castorp bettlägrig geworden war, pochte es um diese Stunde, das heißt: bevor Joachim vom Abendessen und von der Geselligkeit zurückgekehrt war, an die Stubentür, und auf Hans Castorps fragendes Herein erschien Lodovico Settembrini auf der Schwelle - wobei es mit einem Schlage blendend hell im Zimmer wurde. Denn des Besuchers erste Bewegung, bei noch offener Tür, war gewesen, daß er das Deckenlicht eingeschaltet hatte, welches, von dem Weiß der Decke, der Möbel zurückgeworfen, den Raum im Nu mit zitternder Klarheit überfüllte.“
Thomas Mann, „Der Zauberberg/Ewigkeitssuppe und plötzliche Klarheit“, 1924.

Auch der Schnupfen als „Schicksal“ kann zum Ausdruck des gelebten Fatalismus werden: Weitgehend Dumpf, dunkel, ganz Körper, Jammer, trompetendes Schneuzen, betreutes Opfer mit Empfindungsfetzen - bei Männern: Wehleid; bei Frauen: Leidweh -, wird sich der Zeit überlassen. Vitamin C ersetzt die Hoffnung. Die Republik greift zum Taschentuch. Wer macht Licht?

2) So oder so

„Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“
Artikel 20 (2) Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, 1949.

Bei Regenwetter und bei aufgespannten Bankenschutzschirmen ist es umgekehrt.

3) Anzeichen

„Wiedersehen
Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ›Sie haben sich gar nicht verändert.‹ ›Oh!‹ sagte Herr K. und erbleichte.“

Bertolt Brecht, „Geschichten vom Herrn Keuner“, Erstveröffentlichungen ab den 1930er Jahren.

Das Entweichen der Gesichtsfarbe zeigt meist Gefährdungen an. Kehrt die Färbung ins Antlitz zurück, ist häufig eine relevante Erkenntnis entstanden. Daraus läßt sich immer etwas machen.

4) Die Besonderheit des Allgemeinen

„Wissenschaft im Dienst der Menschen: Durch ein breites Angebot wissenschaftlicher Dienstleistungen sowie durch Krankenversorgung auf dem neuesten Stand der Forschung dient die Universität dem Wohl der Menschen und der Erfüllung öffentlicher und gesellschaftlicher Aufgaben.“
„Leitbild“ der Universität, 1998.

Gesundheit ist die Möglichkeit der Erkenntnis des sozialen Zusammenhangs, die Entwicklung der kooperativ sinnvollen Handlungsweise respektive der nützlichen gemeinsamen Gestaltung der Bedingungen menschlicher Kultur. Körper und Geist gehören zusammen. Beide vertragen keine Züchtigung, sondern bedürfen vernünftiger Entfaltung.
Zwischen der „Wachsenden Stadt“ und dem „Leitbild“ bestehen gewisse Unterschiede.


Zum Geleit XLVII

Zur AS-Sitzung am 18. Dezember 2008

„Finanzkrise“:

Was fangen wir mit dem „Wort des Jahres“ an?

1) Wort ist ungleich Wort

„Mephistopheles. Ich wünsche nicht, Euch irre zu führen
Was diese Wissenschaft betrifft, [Theologie]
Es ist so schwer, den falschen Weg zu meiden,
Es liegt in ihr so viel verborgnes Gift,
Und von der Arzenei ist’s kaum zu unterscheiden.
Am besten ist’s auch hier, wenn ihr nur E i n e n hört,
Und auf des Meisters Worte schwört.
Im ganzen - haltet Euch an Worte!
Dann geht Ihr durch die sichre Pforte
Zum Tempel der Gewißheit ein.
Schüler. Doch ein Begriff muß bei dem Worte sein.“

Johann Wolfgang v. Goethe, „Faust I“, Schülerszene, 1808.

Wenn es denn statt „Finanzkrise“ genauer Spekulationskrise, Weltwirtschaftskrise, möglicherweise Verteilungskrise oder gar Gerechtigkeitskrise, denkenswerterweise auch Vernunft- oder Menschlichkeitskrise hieße, kämen die bemühten Artikel und erst recht die notwendigen Konjunkturprogramme - besonders die Bildungs-, Sozial- und Kulturförderungen - der Wahrheit respektive dem nützlichen Handeln ein gutes Stück näher.

2) Schäumendes Oben

„Denn das Wort ist der Feind des Geheimnisvollen und ein grausamer Verräter der Gewöhnlichkeit.“
Thomas Mann, „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, 1954.

Der Herr Professor (Un-)Sinn, Religionslehrer für die Ökonomie, weiß viel (Un-)Rat und meinte jüngst zu den Folgen der Weltwirtschaftskrise betreffs Teutoniens: „Wir schwimmen wie die Korken auf den Wogen der Weltkonjunktur.“ Das klang wie eine tiefenpsychologische Selbstaussage, denn einige schwimmen ganz oben und werden heftig hin- und hergetrieben; unter ihnen ist das tiefe, tiefe kalte Meer.

3) Wort und Tat

„Über das Denken
Me-ti lehrte: Das Denken ist ein Verhalten des Menschen zu den Menschen. Es beschäftigt sich viel weniger mit der sonstigen Natur; denn zu ihr geht der Mensch stets den Umweg über den Menschen. Bei allen Gedanken muß man also die Menschen suchen, zu denen hin und von denen her sie gehen, dann erst versteht man ihre Wirksamkeit.“

Bertolt Brecht, „Me-ti/Buch der Wendungen“, entstanden in den 1930er Jahren des Exils.

Gerade in den Wissenschaften, den Künsten, der Politik - also in kooperativer Reflexion und Gestaltung der Gesellschaft, der menschlichen - sollte es bewußt und produktiv und heiter zugehen.

4) Courage und Wahrheit

„Viel Klagen hör ich oft erheben
Vom Hochmut, den der Große übt.
Der Großen Hochmut wird sich geben,
Wenn unsre Kriecherei sich gibt.“
Gottfried August Bürger, „Mittel gegen den Hochmut der Großen“, 1787.

Das Wissen über die Übel und ihre Gründe sowie Gründer ist meist vorhanden. Man suche sich Mitwisser und Mithandelnde, bringe die Wahrheit zum Ausdruck und fordere Konsequenzen aus den zutreffenden Einsichten. Das Lampenfieber weicht dann der Erfrischung.


Zum Geleit XLVI

Zur AS-Sitzung am 20. November 2008

Der schiefe Turm von Hamburg
oder
Die Stiefkinder der Ökonomie

1) Wer dreht sich um und ...

„Die religiöse und politische Macht lacht nie. Je absolutistischer ein System ist, desto größer die Traurigkeit und Finsternis seiner Umgebung. Wenn in einem solchen System ein Gelächter explodiert, entfaltet es die Kraft einer Bombe, die den ganzen Apparat des Terrors verreißt und die Menschen von ihrer Angst befreit.“
Dario Fo, „Die Welt, wie ich sie sehe/Das Lachen als tödliche Waffe“, S. 95, 2008.

Der regierende Bürgermeister (CDU) der Stadt spricht mit bitterer Miene davon, daß wir vor mageren Zeiten stünden.
Die Reden von „Blut, Schweiß und Tränen“ oder „Kanonen statt Butter“ haben eine besondere teutonische Tradition.
Es sei genug davon.

2) Unbekömmliche Schieflage

„Das Loch ist der Grundpfeiler dieser Gesellschaftsordnung, und so ist sie auch. Die Arbeiter wohnen in einem finstern stecken immer eins zurück, und wenn sie aufmucken, zeigt man ihnen, wo der Zimmermann es gelassen hat, sie werden hineingesteckt, und zum Schluß überblicken sie die Reihe dieser Löcher und pfeifen auf dem letzten. In der Ackerstraße ist Geburt Fluch; warum sind diese Kinder gerade aus diesem gekommen? Ein paar Löcher weiter, und das Assessorexamen wäre ihnen sicher gewesen.“
Kurt Tucholsky, „Zur soziologischen Psychologie der Löcher“, 1931.

Schlicht und wahr: Löcher sind (wenigstens) zu stopfen, Schieflagen zu begradigen. Elend hat überwindbare Ursachen.
Das Sinnbild der Stadt muß ein offenes Tor sein.

3) Vorwärts, zurück zum Disput!

„Ach, es gibt vieles, dem man nachweint. Einst gab es zwischen den Parteien noch wirkliche Unterschiede, leistete man sich noch eigene Überzeugungen und reagierte nicht nur auf die Ideen der andern. Vielleicht liegt es nicht nur am allgemeinen, von den Umständen erzwungenen Mittelmaß, sondern auch an den Verführungskünsten der Werbefachleute, die von allen Seiten herangezogen werden, um die Wähler zu kapern.“
Sir Peter Ustinov, „Denk ich an England“, 1997.

Werbung - wo und welcher Art, ist egal - als die absichtliche Entstellung der Wahrheit ist erkenntnisfeindlich.
Man soll zufrieden sein, wo man doch unzufrieden sein müßte. Worte sollen einlullen.
Ein solches Werbewort ist „Marktwirtschaft“.

4) Der Bildung tieferer Sinn

„20
Es treffen sich aber Wissenschaft und Kunst darin,
daß beide das Leben der Menschen zu erleichtern
da sind, die eine beschäftigt mit ihrem Unterhalt,
die andere mit ihrer Unterhaltung. In dem
Zeitalter, das kommt, wird die Kunst die
Unterhaltung aus der neuen Produktivität schöpfen,
welche unsern Unterhalt so sehr verbessern
kann und welche selber, wenn einmal ungehindert,
die größte aller Vergnügungen sein könnte.“

Bertolt Brecht, „Kleines Organon für das Theater“, 1949.

Am besten sind also Kunst, Wissenschaft und produktive (also freundliche) Lebensart mit einer zivilen Ökonomie auf der Weltbühne in Einklang zu bringen.
Auch das lehrt uns „PISA“.
Wer das Leben fortgesetzt als Verdruß suggerieren will, verdient Gelächter


Zum Geleit XLV

Zur AS-Sitzung am 23. Oktober 2008

Ist in der Krise alles auf der Höhe?
oder
Heinrich Heine zu Frau Schavan

1) Zeigende Bausteine?

„Der Bund hat Aufstiegsstipendien eingerichtet und im übrigen die Stipendien für alle Begabtenförderungswerke deutlich erhöht. Das sind einige Bausteine, die zeigen, dass eine Maßnahme alleine nicht ausreicht.“
Anette Schavan (CDU) Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Gespräch mit tagesschau.de, 22.10.2008.

Frau Schavan, die auch gern mal kürzere Dienstreisen mit dem Flugzeug macht, will aus dieser Höhe nicht zur Kenntnis nehmen, daß nicht nur PISA- und OECD-Studien, sondern sogar auch eine eigens von ihrem Ministerium in Auftrag gegebene Untersuchung belegen, was profund zur massenhaften Alltagserfahrung in dieser unserer Gesellschaft gehört: Die Kluft sozialer Ungleichheit, die politisch gesellschaftlich vergrößert wird, wächst ebenso durch die sogenannten Reformen im Bildungssystem. Siehe!

2) Notwendiger Vertrauensschwund

„Ja, mich dünkt zuweilen, der Adel und die Jesuiten existieren nur so lange, als man an sie glaubt.“
Heinrich Heine, „Reise von München nach Genua“, 1828.

Einengung folgt aus rigidem Regiment. Das tut nicht wohl.
Drangsal beruht auf Glauben, den jeder kennt. Der Gegenpol
Ist die Erschütterung der Seligkeit im Wachen und im Träumen:
Kaum sieht man klar und neu, versinkt die Ehrfurcht unter brodelnd Schäumen.

3) Kleider und Ordnung

„Was wir nicht erkennen können, hat für uns keinen Wert, wenigstens keinen Wert auf dem sozialen Standpunkte, wo es gilt, das im Geiste Erkannte zur leiblichen Erscheinung zu bringen.“
Heinrich Heine, „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“, 1834.

Wenn der Kaiser - übrigens: schon seit längerem - nackt ist, sei dies unverbrüchlich ausgesprochen und dem frierenden Regenten eine Wolldecke gereicht. Danach übernehme man die Amtsgeschäfte - republikanisch, versteht sich - und ordne das allgemeine Leben neu.

4) Erweiterung des Horizontes

„Ja, wie im Mittelalter alles, die einzelnen Bauwerke ebenso wie das ganze Staats- und Kirchengebäude, auf den Glauben an Blut beruhte, so beruhen alle unsere heutigen Institutionen auf den Glauben an Geld, auf wirkliches Geld. Jenes war Aberglauben, doch dieses ist der bare Egoismus. Ersteren zerstörte die Vernunft, letzteren wird das Gefühl zerstören. Die Grundlage der menschlichen Gesellschaft wird einst eine bessere sein, und alle Herzen Europas sind schmerzlich beschäftigt, diese neue bessere Basis zu entdecken.“
Heinrich Heine, „Die romantische Schule“, 1835.

Die spekulative Ungehaltenheit ist ein strukturelles Problem.
Eine menschenwürdige Gesellschaft bedarf des kultivierenden Einsatzes der dafür zu schaffenden Mittel.
Die Opposition zur Mühsal schafft Bedingungen für die Erweiterung der Existenz.
Siehe!


Zum Geleit XLIV

Zur AS-Sitzung am 12. Juni

Schlicht und ergreifend: Aus der Geschichte lernen

1) Ab und auf I

„Das neue Jahr ist vor der Türe, und wenn das alte Jahr sich nicht bald fortmacht, so würde ich es herausschmeißen; es ist eines der miserabelsten Jahre gewesen. Ich hoffe, daß das neue Jahr besser sein wird, und gratuliere Dir zu seiner Eröffnung.“
Heinrich Heine an Betty Heine, Paris, den 30. Dezember 1855.

Der Mensch lebt nicht ohne Hoffnung. Das Neue ist meist bzw. bestenfalls mit dem Anspruch auf Besserung verknüpft. Wer sich nicht hinters Licht führen läßt, kann diese Verknüpfung Tat werden lassen.

2) Was ist zu lernen?

„Haben Sie Ohren, Herr Professor? Dann hören Sie, wie es gewesen ist. Und pfeifen Sie auf die Lügen der Offiziellen. Und sagen Sie Ihren Zeitgenossen, wie es ausgesehen hat in der deutschen Kriegsmarine und im ganzen Heer und in ganz Deutschland - und was der einfache Mann gelitten hat und was der komplizierte, gerissene Mann gesoffen und verdient hat - sagen Sie es! sagen Sie es! Damit die Menschen lernen. Damit sie sich von Ekel geschüttelt abwenden. Damit sie ihre Kinder in der Gesinnung des Friedens aufziehen und nicht verkommen lassen als uniformierte Akademiker, als Richter dieser Qualität, als Offiziere dieser Beschaffenheit.“
Kurt Tucholsky, „Wie war es-? So war es-!“, 1928.

Das Nein ist ein Ja. Der Krieg ist - allen Eiferern zum Trotz - nicht menschenwürdig. Eine Welt ohne Ekel ist eine Welt des Genusses.

3) Ab und auf II

„Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.“
Bertolt Brecht, Schlußchor des „Schweyk im Zweiten Weltkrieg“, 1943.

Oben und Unten sind vergängliche Relationen. Ist die Ehrfurcht vor dem Oben geschwunden, gibt es kein Unten mehr. In aufrechter Haltung entstehen neue Sichtweisen, Handlungen und Strukturen. Dem Menschen genehm.

4) Die Nacht zum Tage

„In einem Zeitalter, dessen erbarmungslose Sucht nach dem Neuen und endloser Neubewertung von allen Seiten unablässig Druck erzeugt, bleiben noch die Nächte. Die Nacht bereichert den Geist und lässt uns nach der täglichen Angst vor dem Blick nach vorn einen erfreulichen Blick in die Vergangenheit tun.“
Sir Peter Ustinov, „Nachtgedanken“, 1995.

Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da...
Das „Neue“ als der hysterische Quartalsbericht (Sektkorken), die Kennziffer, die neueste Mode oder Waschmittelreklame trägt etwas bänglich Geschichtsloses oder die ständige Angst, zu versagen.
Der Blick zurück nach vorn läßt bislang ungeahnte Möglichkeiten entstehen. Heiter.


Zum Geleit XLIII

Zur AS-Sitzung am 8. Mai 2008

Mit den Hunden bellen oder sich den Zeitläuften stellen?

1) Selbstschädigender Eskapismus

„K.o.-Saufen nimmt zu
Die Entwicklung beim Alkoholkonsum bei jungen Menschen ist nach dem jüngsten Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung besorgniserregend. Das vorsätzliche Betrinken hat bei Jugendlichen demnach stark zugenommen. 2005 gab ein Fünftel der befragten Jugendlichen an, mindestens ein Mal im Monat fünf oder mehr alkoholische Getränke hintereinander getrunken zu haben. 2007 waren es bereits 26 Prozent.“

„tagesschau.de“, 5.5.‘08.

Wer die Jugend mit ihren derzeitigen Sorgen respektive den verstellten Hoffnungen ernst nimmt, weiß, wie es mit uns allen bestellt ist. Wer nicht weiter sieht als bis zum nächsten Tag, bleibt immer am Tage verhaftet und gerät leicht auf (kollektive Abwege. Mutig ist nicht, lediglich pragmatisch zu sein. Bachelor und Master gehen allen auf die Nerven.

2) Noch so ein Gift

„Die Kehrseite der Anpassung ans Unerträgliche ist die Verschrobenheit. Man hat Riten der Absonderung entwickelt, man scheut nicht den Ruf eines Menschenfeinds. Spleen heißt jene ausgeklügelte Form der Narrheit mit ihrem starken Beischuß von Grausamkeit.“
Peter Hacks, „Zur Romantik“, „Englisches Herkommen“/„Ein romantischer Autor ist ein Autor, der die englische Literatur gelesen hat“, 2000.

Drogenhaft ist allenfalls auch die Literatur, die den Arzt in „Immer Ärger mit Harry“/„The trouble with Harry“ (1959, Alfred Hitchcock), laut lesend durch die sommerliche Natur wandelnd, über die Leiche stolpern läßt, freilich ohne sie wirklich zu bemerken.

3) Produktive Anregungen

„Dem Herren in der Wüste bracht‘
Der Satan einen Stein
Und sagte: Herr, durch deine Macht
Laß es ein Brötchen sein!

Von vielen Steinen sendet dir
Der Freund ein Musterstück,
Ideen gibst du bald dafür
Ihm tausendfach zurück.“

Johann Wolfgang v. Goethe, „An Schiller/mit einer mineralogischen Sammlung“, Lyrische Dichtungen, Weimar 1794-1797.

Kleine Felsbrocken sind nicht nur etwas Handfestes, sondern auch - den Zusammenhang geistiger Kooperation vorausgesetzt - Sendboten weiterer Erörterungen.
Wenn ein Problem vorhanden ist (es ist stets gemacht), können in jedem Fall Lösungen gefunden werden

4) Unweigerliche Einmischung

„Von Natur neige ich mich zu einem gewissen Dolce far niente, und ich lagere mich gern auf blumige Rasen und betrachte dann die ruhigen Züge der Wolken und ergötze mich an ihrer Beleuchtung; doch der Zufall wollte, daß ich aus dieser gemächlichen Träumerei sehr oft durch harte Rippenstöße des Schicksals geweckt wurde, ich mußte gezwungenerweise teilnehmen an den Schmerzen und Kämpfen der Zeit, und ehrlich war dann meine Teilnahme, und ich schlug mich trotz den Tapfersten ...“
Heinrich Heine, „Über die französische Bühne. Vertraute Briefe an August Lewald“. 1838. Neunter Brief.

Die Melancholie ist die Schwester des Himmelschauens, und beide gehören sie zur Familie der gefühlvollen Ich-Verlorenheit, die dem Kriege so leicht gewogen macht.
Das kleine Ego wird schnell vom „Großen und Ganzen“ („Du bist ...“) verschluckt.
Kritische Wachsamkeit vermeidet so manchen Rippenstoß.
Mit ehrlicher (An-)Teilnahme ist das Beste getan.


Zum Geleit XLII

Zur AS-Sitzung am 10. April 2008

Volle Fahrt voraus mit der Kraft des Fatalismus?

1) Erstes Dogma: Bleibe!

„Mein Großvater pflegte zu sagen: »Das Leben ist erstaunlich kurz. Jetzt in der Erinnerung drängt es sich mir so zusammen, daß ich zum Beispiel kaum begreife, wie ein junger Mensch sich entschließen kann ins nächste Dorf zu reiten, ohne zu fürchten, daß - von unglücklichen Zufällen ganz abgesehen - schon die Zeit des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden Lebens für einen solchen Ritt bei weitem nicht hinreicht. «“
Franz Kafka, „Das nächste Dorf“, wahrscheinliche Entstehung 1917.

Wenn auch die Erde in der Vorstellung der überwiegend meisten Menschen realitätsnah zu einem Rundkörper geworden ist, gelten vermehrt wieder die Maßstäbe der Bescheidenheit. Der gesellschaftliche Mensch wird privatisiert. Freiheit sei Entsagung. Das Dorf hat vier Wände.

2) Zweites Dogma: Ertrage!

„Es ist wahr, daß bei den Menschen, die ihm den Pfeffer gaben - ich sagte bereits wohin -, das erste Unrecht liegt; aber der gequälte Esel ist deshalb kein weniger häßliches und böses Tier, denn die verzweifelten Schreie enthüllen alles, was an Arroganz, Neid, Frechheit, gemeiner Heimtücke, an besonderer Falschheit und sogar Verschlagenheit verborgen war in den Eingeweiden dieses absurden Wesens, das gewöhnlich so demütig war, das die Stockschläge mit so rührender Bescheidenheit ertrug, das diese feierliche Gewöhnlichkeit besaß, die man immer mit einer gewissen Anständigkeit verbunden glaubte, das zu dumm, zu geschmacklos, zu albern war, als daß man es nicht hätte für ehrlich halten können, das immer zu sagen schien: ich bin ein Dummkopf, also bin ich ehrlich, ich habe keinen Geist, also habe ich einen ehrlichen Charakter, und das es wirklich erreichte, manchmal ehrlich genannt zu werden ...“
Heinrich Heine an Alexandre Dumas (den Älteren), Paris, 8. Februar 1855.

Wer erst dann Laut gibt, wenn schon fast alles zu spät geworden ist, hat große Schwierigkeiten verständnisvolles und hilfreiches Gehör zu finden. Angestautes Leid schafft schrille Töne. Schöner ist frühes Sprechen.

3) Drittes Dogma: Neurotisiere!

„Wer weiß, ob man mitten im Symphoniekonzert nicht doch plötzlich auf die Toilette muß, oder ob man das Schloß beim Nachprüfen nicht irrtümlich aufgeschlossen hat? Der Vernünftige meidet daher scharfe Messer, öffnet Türen mit dem Ellenbogen, geht nicht ins Konzert und überzeugt sich fünfmal, daß die Tür wirklich abgesperrt ist. Voraussetzung ist allerdings, daß man das Problem nicht langsam aus den Augen verliert.“
Paul Watzlawick, „Anleitung zum Unglücklichsein“, 1983, S. 55.

Der Händewaschzwang hat viele Verwandte. Sie kommen alle aus der Familie des Kontrollwahns, der ein Alltagsmärchen wirklicher (aufgeklärter und kooperativer) Gestaltung ist. Fragen Sie nicht Ihren Apotheker, sondern aufmerksame Mitmenschen (unter denen wiederum auch Apotheker sein können).

4) Viertes Dogma: Ignoriere!

„Was heute not täte, wäre ein militanter Humanismus, welcher gelernt hat, daß das Prinzip der Freiheit und Duldsamkeit sich nicht ausbeuten lassen darf von einem schamlosen Fanatismus; daß er das Recht und die Pflicht hat, sich zu wehren.“
Thomas Mann, „Humaniora und Humanismus“, 1936 (!).

Es heißt, bedachte, erbe-reiche, weit gefaßte und engagierte verallgemeinerungswürdige Menschlichkeit sei nicht geschäftstüchtig, unzeitgemäß, zum Leben nicht geeignet, spinnert, unpraktisch, nervtötend, gerade nicht möglich, auf den Feierabend zu beschränken, vielleicht ehrenwert - aber ...
Nach so viel alternativlos scheinenden Quälereien ist allerhand Mißtrauen angebracht. Achtung beginnt mit Aufmerksamkeit.


Zum Geleit XLI

Zur AS-Sitzung am 6. März 2008

Aufgerafft
oder
Die Neubestimmung der Vernunft

1) Naheliegende Korrekturen

„(30) Trost
Nie verläßt uns der Irrtum, doch zieht ein höher Bedürfnis
Immer den strebenden Geist leise zur Wahrheit hinan.“

Friedrich Schiller, „Tabulae Votivae“, Gedichte 1795-1802.

Wer bislang den Glauben verfestigt hat, nur Mitmachen sei vernünftig, halte inne, schaue um sich und prüfe, was aus dieser Welt derweil geworden ist und ob daran nicht etwas und etwas mehr zu ändern wäre. Er (oder Sie) wird Verwandte dabei entdecken.

2) Zu behebende Unterschiede I

„Das Land, in dem man Milch und Honig schlürfte,
Wir suchen’s alle, doch wir finden’s kaum -
Drum gaukeln wir uns vor im Traum,
Als ob es so was wirklich geben dürfte.
Ach, wenn ich es im Wachen wiederfände -
Da ist es hübsch und angenehm zu sein!
Der Flüchtling findet hilfsbereite Hände.
Er kauft sich ein.
Kann so was sein?
Jawohl: in Liechten - meinem Liechtenstein.“

Klaus Mann, „Liechtenstein“, 1933; Text für die „Pfeffermühle“, das Kabarett seiner Schwester Erika.

Dem Lande entgehen, nicht erst seit gestern, Mittel für Bildung, Gesundheit, Kultur, soziale Vorsorge und Verkehrswege auf stillen und verstohlenen Wegen.
Das ist mehr als ein Kavaliersdelikt. Allgemeiner Schaden verlangt spezielle Ahndung sowie die Präzisierung der kritischen Maßstäbe.

3) Zu behebende Unterschiede II

„Schade, daß das Wort Fleisch
Allein noch nicht sättigt, schade
Daß das Wort Anzug so wenig warm hält.“

Bertolt Brecht, „Notwendigkeit der Propaganda“, Gedichte 1934-1939.

Wer die Gelegenheit hatte, den vertrauensvoll lächelnden Bürgermeister zu entdecken, sollte sich fragen, wie dieser präsentierte Frohsinn mit der gewachsenen Not der letzten Jahre zu vereinbaren ist. Gegensätze bilden das perspektivische Denken und sind eine Schulung für das tätige Erkennen.

4) Engagement

„Heiteres, etwas nebliges Herbstwetter. - Das Ergebnis der Zürcher Wahlen läßt die Verhältnisse beim Alten, d.h. eine große sozialdemokratische Majorität bleibt bestehen. Die ›Nationalen Fronten‹ erhalten 9 Sitze. [...] Der Ausgang der Wahlen ist günstig für Erikas Kabarett, gegen das schon hakenkreuzlerische Drohungen laut geworden waren.“
Thomas Mann, Tagebucheintragungen vom 25. September 1933.

Politik ist eben günstiger oder ungünstiger für Wissenschaft, Kunst und das soziale Leben. Die Realisierung der Menschenwürde bedarf des Engagements aller. Drohungen dagegen verdienen keinerlei Gültigkeit. Geltung, wem Geltung gebührt.


Zum Geleit XL

Zur AS-Sitzung am 24. Januar 2008

Frischluft
oder
Heiter trotz wolkig

1) Der Sinn des Lachens

„Nun sind aber die Lebensgewohnheiten im bürgerlichen Haushalt keinem Wechsel der Geschichte unterworfen; ›der bürgerliche Haushalt wird nur deshalb betrieben, damit der archäologische Forscher noch heute die Arbeitsmethoden der Steinzeit studieren kann‹ (Sir Galahad). Hier eingreifen stößt auf Mord. Keine Zeitung, die es wagen könnte, eine wettersichere Grubenlampe hinunterzulassen - das Geschrei von Hausfrauen, klavierübenden und gesangsheulenden Damen beiderlei Geschlechts, von organisierten Tierfreunden und reinemachewahnsinnigen Besessenen dampfte ihnen entgegen. In meiner Wohnung kann ich machen, was ich will - das wäre ja gelacht. [...]
In der Stickluft dieser ungelüfteten Treibhäuser gedeihen die Mikroben der Religion, des Berufskostüms und des Vaterlandes.“

Kurt Tucholsky, „Traktat über den Hund sowie über Lerm und Geräusch/2. Satire“, 1927.

Lachen befreit von Seelenschnüren und lüftet die Gedanken. Nichts muß sein, wie es ist. Davon berichtet die Satire. Hier künden Tränen nicht von Verlust, sondern von Gewinn. Heiter trotz wolkig.

2) Ein jeder kann es

„›Alle streben doch nach dem Gesetz‹, sagte der Mann, ›wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?‹ Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: ›Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.‹“
Franz Kafka, „Vor dem Gesetz“, 1914 (Teil des Prozeß-Romans).

Der Mann in der Parabel versucht sogar, die Flöhe im Pelz des Türhüters zu beeinflussen, um den Wächter zur Erlaubnis des Eintretens zu bewegen.
Nichts, außer den Drohungen, die ein fester psychologischer Bestandteil des eigenen Nicht-Könnens sind, halten den Mann davon ab, durch das Tor (Gesetz/Gerechtigkeit) zugehen. Wir müssen also „einfach nur“ gehen. Nach dem Lachen kommt die Bewegung.

3) Der nähere Sinn

„General, der Mensch ist sehr brauchbar.
Er kann fliegen und er kann töten.
Aber er hat einen Fehler:
Er kann denken.“

Bertolt Brecht, „General, Dein Tank ist ein starker Wagen“, „Svendborger Gedichte“, 1939.

Wenn die Wahrheit sich nicht töten läßt, ist der Krieg eine schwierige Sache, die nicht einfach zu machen ist.
Die Reihenfolge ist so: Lachen, Bewegung, Frieden.
Heiterkeit ist grenzenlos.

4) Das Ende des Verzichts

„Der Witz ist der Finder und der Verstand der Beobachter.“ (1288)
Georg Christoph Lichtenberg, „Einfälle und Bemerkungen“, Heft J, 1789-1793.

Wer finden will, muß Ausschau halten. Entdeckungen macht, wer unzufrieden ist. Der Humor ist der Indikator für die Alternative.
Nichts muß so sein und bleiben, wie es ist. Das ist allerdings immer so.


Zum Geleit XXXIX

Zur abgesagten AS-Sitzung am 20. Dezember 2007

Wer auf Verdrängung baut, staut

1) Erstaunlicher Lebensmut
„Mit Paddel
Frau vertrieb Weißen Hai
Sidney - Ein Weißer Hai hat nahe Bayron Bay (Australien) eine Kajakfahrerin angegriffen. Doch die britische Touristin Linda Whitehorst (52) schlug so lange mit dem Paddel um sich, bis der Hai flüchtete. ›Er stieß das Boot um, schnappte nach meinem Bein‹, sagte sie. ›Ich schlug wie von Sinnen auf ihn ein.‹ Am Ende trug sie nur Bißwunden am Arm davon.“

Hamburger Abendblatt, „Aus aller Welt“, 16.10.2007.

Aus Fahrlässigkeiten folgen oft große Gefahren, aber nichts ist unkorrigierbar. Britisch bedeutet nicht immer nur „vornehme“ Zurückhaltung.

2) Politik: Warum nicht?
Gaus: Gehen Sie davon aus, daß die Deutschen ein weniger begabtes Volk sind als andere, oder haben es Westdeutschlands Politiker nach 1945 versäumt, das politische Bewußtsein der Wählermehrheit anzuheben?
Heinemann: Wir tun uns in der Politik sicherlich schwerer als meinetwegen die Engländer, weil wir durch Jahrhunderte obrigkeitlich erzogen worden sind. Das heißt also: zu einem Hinnehmen, zu einem unkritischen Hinnehmen sogar, und zwar dessen, was eine Obrigkeit vorgibt. Sich selbst mitverantwortlich zu fühlen, selbst politisch mit einzusteigen - über Rathaus, Schule, Landes-, Bundespolitik -, selbst aktiv mitzudenken, das ist das, was uns immer noch nicht so recht gelingt.
Gaus: Sie erklären es aus der Geschichte?
Heinemann: Ja.“
Günter Gaus im Gespräch mit Gustav Heinemann am 3. Nov. 1968. Gustav Heinemann war von März 1969 bis Juli 1974 Bundespräsident der BRD.

Viele Schlußfolgerungen aus der positiven historischen Zäsur von 1945 (Entmilitarisierung, Entnazifizierung, das Brechen ökonomischer Monopole, sozialer Staat, lebendige Demokratie) sind nicht nur nicht verwirklicht, sondern werden vielfach mit sagenhaftem Eifer als Unfug denunziert.
Die Frischluft von "’68" wird springerseits zur Eiseskälte einiger verrückter Spinner umgeschrieben.
Dem ist engagiert entgegenzutreten.

3) Unbestechlichkeit
„Ein König mag immerhin über mich herrschen; er sei mächtiger, aber besser dünke er sich nicht. Er kann mir keine so starken Gnadengelder geben, daß ich sie für wert halten sollte, Niederträchtigkeiten darum zu begehen.“
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), „An Mäcen“, Schriften aus dem Nachlaß.

Wenn die Oberen oder die, die sich dafür halten, sagen, es gebe nur noch Sachzwänge, sind wir sehr gefordert. Auch Zuckerbrot knirscht zwischen den Zähnen.

4) Die Heiterkeit der gemeinsamen Sache
„Kennst du das Gefühl, das gönnerhafte, wenn du mit jemandem böse bist und ihr beide seid Masken der Unversöhnlichkeit, und nun geschieht irgend etwas Komisches, das euch beide zum Lachen zwingt – ihr wollt nicht lachen, bei Gott, nein! Dann zieht sich das Gesicht aber doch in die Breite und nimmt jenen bekannten Ausdruck an, den man am treffendsten mit ›Saures Grinsen‹ bezeichnen könnte.“
Wolfgang Borchert, "Die Hundeblume", 1946.

Mit dem „Land, wo die Zitronen blüh’n“, war kein Ort der Bitterkeit gemeint.
Die gemeinsame Sache ist die Humanität. Über ihre Verwirklichung sollte kein Streit gefürchtet werden. (Selbst an bitteren Orten ist Heiterkeit nicht unmöglich.)
Die ungebrochene Freude sei der sichere Maßstab des Gelingens.

Hamburg, den 11. Dezember 2007


Zum Geleit XXXVIII

Zur AS-Sitzung am 22. November 2007

Aus der Geschichte lernen
oder
Ordnung und Leben

1) Innere Ordnung

„Sie stelzen noch immer so steif herum,
So kerzengerade geschniegelt,
Als hätten sie verschluckt den Stock,
Womit man sie einst geprügelt.
Ja, ganz verschwand die Fuchtel nie,
Sie tragen sie jetzt im Innern;
Das trauliche Du wird immer noch
An das alte Er erinnern.“

Heinrich Heine, „Deutschland – Ein Wintermärchen“, Caput III, 1844.

Zu den ersten und ernsten modernen Geboten unserer neoliberalen Tage - das ist die Zeit des bleckenden Lächelns - gehört, das tun zu wollen, was man tun soll. Dabei erbringt schon ein Blick auf die jüngste Teuerungsrate und ihre grob unterschiedlichen Auswirkungen, daß die soziale Ungleichheit nicht geringer geworden ist. Das bejahend zu verinnerlichen, ist wenig bekömmlich.

2) Alt und neu

„Der lange Schnurrbart ist eigentlich nur
Des Zopftums neuere Phase:
Der Zopf, der ehemals hinten hing,
Der hängt jetzt unter der Nase.
Nicht übel gefiel mir das neue Kostüm
Der Reuter, das muß ich loben.
Besonders die Pickelhaube, den Helm,
Mit der stählernen Spitze nach oben.“

Heinrich Heine, a.a.O.

Kriege gehören nach wie vor zum menschlichen Alltag. Märkte und Rohstoffe wollen hie und da auch rabiater als rein geschäftlich erobert sein. Diejenigen, die schießen oder erschossen werden sollen, haben meist am wenigsten davon. Die Fragwürdigkeit der militärischen Unternehmungen wächst.

3) Stillstand

„Das mahnt an das Mittelalter so schön,
An Edelknechte und Knappen,
Die in ihrem Herzen getragen die Treu
Und auf dem Hintern ein Wappen.
Das mahnt an Kreuzzug und Turnei,
An Minne und frommes Dienen,
An die ungedruckte Glaubenszeit,
Wo noch keine Zeitung erschienen.“

Heinrich Heine, a.a.O.

Das neu-freiheitliche Zeitalter baut auf die Verstärkung der faktischen Hierarchien. Bravheit wird mit mehr Hetze und Kommando belohnt. Die gedruckte Glaubenszeit suggeriert den Kampf Aller gegen Alle als einzige menschliche Möglichkeit. Hier gärt die Reformation durch den Zweifel. Er wird sich herumsprechen.

4) Leben

„Ja, ja, der Helm gefällt mir, er zeugt
Vom allerhöchsten Witze!
Ein königlicher Einfall war’s!
Es fehlt nicht die Pointe, die Spitze!
Nur fürcht ich, wenn ein Gewitter entsteht,
Zieht leicht so eine Spitze
Herab auf euer romantisches Haupt
Des Himmels modernste Blitze!“

Heinrich Heine, a.a.O.

Der Eisenhut auf dem Kopf ist und bleibt eine witzige Erscheinung.
Wer ihn schnellstens absetzt und in die Mülltrennung gibt, entgeht nicht nur der elektrischen Gefahr und tut eine ökologische Tat, sondern kann sich ebenso erheblich freier bewegen.
Helme zu Kochtöpfen!

Hamburg, den 14. November 2007


Zum Geleit XXXVII

Zur AS-Sitzung am 25. Oktober 2007

Was soll denn daran so schmutzig sein?
oder
Die gemeinsame Gestaltung der allgemeinen Belange

1) Erkenne dein Sein

„Ich kann hundert Dinge mein Eigentum nennen, insofern ich von ihnen dartun kann, daß sie ohne mich entweder gar nicht oder doch nicht solcher Gestalt vorhanden sein würden; aber folgt daraus, daß ich sie deswegen ausschließungsweise zu nutzen befugt bin?“
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), „Leben und leben lassen“/“Über Eigentum an Geisteswerken“, aus dem Nachlaß.

Alle Menschen in ihrer kulturellen Aneignung und sozialen Verwirklichung sind nie exklusiv respektive bedürfen: der Vor-Leistungen und - Bilder der Geschichte, der aktuellen Umstände, der nächsten und internationalen Mitmenschen, der Einsichten, der Aussichten -, der Veränderung durch rational koordiniertes Handeln. Menschlich ist, wer dies nicht vergißt.

2) Der unschätzbare Wert des Verbotenen

„Vor den Geistlichen darf man nicht über Gott lästern. Vor Nationalen darf man nichts gegen das Vaterland sagen. Vor Kapitalisten nichts gegen die Nase der Börse, die tausend Nasen hat und keine... Die Empfindungen könnten verletzt werden. Aber ich habe noch nie gehört, daß in Deutschland irgend etwas getan wird oder unterblieben ist, weil sich Pazifisten in ihren Empfindungen verletzt fühlen.“
Kurt Tucholsky, „So verschieden ist es im menschlichen Leben“, 1928.

Die hohen und höchsten Instanzen erheischen humorfreie Unterwerfung. Niemand wagt es, zu widerlächeln. Der Kaiser ist nicht nackt. Die Bedeutung der Kleider und der Zeremonien sitzt tief.
Oder?

3) Geist und orientierte Tat

„Die Philosophie teilt das Schicksal der Demokratie. Sie ist gezwungen, militant zu sein, aus dem einfachen Motiv der Selbsterhaltung. In der Welt, die das Ergebnis wäre von Hitlers Sieg, in dieser Gestapo-Welt allgemeiner Versklavung gäbe es Philosophie überhaupt nicht mehr, sowenig wie es Demokratie gäbe.“
Thomas Mann, „Denken und Leben“, 1941.

Die prinzipiellen Gedanken sind ohne relevante Teilhabe so wenig zu realisieren wie der gemeinsame Einfluß nicht ohne tiefere Einsichten zu haben ist.
Diese Geschwister sind gegen Roheiten zu verteidigen, sonst können sie sich nicht entwickeln. Klugheit braucht Bewegung - Züchtigung ist ihr zuwider.

4) Glanz und Banalität

„Schaust du diese Bergesgipfel
Aus der Fern, so strahlen sie,
Wie geschmückt mit Gold und Purpur,
Fürstlich stolz im Sonnenglanze.
Aber in der Nähe schwindet
Diese Pracht, und wie bei andern
Irdischen Erhabenheiten
Täuschen dich die Lichteffekte.
Was dir Gold und Purpur dünkte,
Ach, das ist nur eitel Schnee,
Eitel Schnee, der blöd und kläglich
In der Einsamkeit sich langweilt.“

Heinrich Heine, „Atta Troll“, Caput XVI, 1842.

Genau betrachtet - auch aus der Distanz, mit dem Fernglas erkennbar - erweist sich das Imposante als etwas Gemachtes, das sich wieder verändern läßt.
Wenn keiner hingeht, ist kein Krieg. Zivile Entwicklung bedeutet die Einigkeit in dem prinzipiellen Richtungswechsel.

Hamburg, den 23. Oktober 2007


Zum Geleit XXXVI

Zur AS-Sitzung am

Mehr als die Abwesenheit von Krieg

oder Die Entwicklung der Gedanken

1) Licht auf die dunkle Seite

„Spa, einst Modebad an der belgischen Grenze, war im letzten Stadium des Krieges das Hauptquartier der deutschen Armee gewesen. Jetzt befand sich dort der Sitz der Waffenstillstandskommission, eines Zusammenschlusses alliierter und deutscher Offiziere, dem vor allem die täglichen Exekutiveinzelheiten der Waffenstillstandsübereinkommen anvertraut waren und der im übrigen die einzige offene Informationsleitung zwischen der deutschen Regierung und Paris darstellte. (...)
Der Ort war melancholisch, voll der theatralisch-teutonischen Melancholie schwarzer Tannenwälder. Wenn man auf der Terrasse der Villa hin und her ging, war der Horizont von der schwarzen Linie der Wälder abgeschnitten, hinter ihm sank die Sonne, und die Bäume hinter dem Haus seufzten wie ein liebeskranker Preuße.“

John Maynard Keynes, „Dr Melchior/Ein besiegter Feind“, 1920. (J.M. Keynes war Mitglied der britischen Verhandlungsdelegation in Versailles; Carl Melchior, jüdischer Bankier aus Hamburg, Verhandlungspartner seitens der im Ersten Weltkrieg besiegten Deutschen.)

Schon der erste (deutsche) „Griff nach der Weltmacht“ lehrt, daß finstere Romantik und schwere Melancholie nicht nur keine guten Ratgeber sind, sondern auch gefährlich mystisch von Weltgröße träumen lassen. Das „Nie wieder!“ von Diktatur und Krieg erfasse auch die geistig-kulturellen Wurzeln gewalt-taumelnder Illusionen.
Aufklärung ist licht, heiter und streitbar.

2) Wider das Gebot der Ruhe

„Nun ist die Meinung, der Dichter dürfe kein Polemiker sein, er dürfe die Erscheinungen nur in stiller edler Einfalt hinnehmen und verklären, tief in deutscher Anlage verwurzelt. Reizbarkeit gegen die Zeit, die Welt, das Schlechte, Dumme, Niederträchige und Geistwidrige in
ihr und die Äußerung solcher Reizbarkeit als polemischer Angriff, das degradiert, das entehrt den Dichter.“

Thomas Mann, „Rede über Lessing“, 1929.

Der Krieg - mit allen möglichen Waffen - ist „das Schlechte, Dumme, Niederträchtige und Geistwidrige“ in der menschlich zu verantwortenden Welt. Die Zivilisierung des Lebens braucht die Polemik gegen die Zerstörung.

3) Crazy world

„Der unbeirrbare Stumpfsinn, mit dem diese Kapitalisten ihre törichte Geldpolitik fortsetzen, immer weiter, immer weiter, bis zur Ausblutung ihrer Werke und ihrer Kunden, ist bewundernswert. Alles, was sie seit etwa zwanzig Jahren treiben, ist von zwei fixen und absurden Ideen beherrscht: Druck auf die Arbeiter und Export.“
Kurt Tucholsky, „Die Herren Wirtschaftsführer“, 1931.

Der Krieg hat sein Fundament in der rabiaten Mehrung des sich selbst verwertenden Wertes. Die Politik ist in der Hauptsache die Fortsetzung dieses Zweckes. Krieg ist ein Mittel der Politik.
Die Zwecke sind veränderbar.

4) Die Welt als gewaltfreie Zone

„Um von Volksherrschaft zu reden, muß man dem Wort Überzeugung einen neuen Sinn verleihen. Es muß bedeuten: Das Überzeugen der Menschen. Volksherrschaft bedeutet Herrschaft der Argumente.“
Bertolt Brecht, „Me-Ti/Buch der Wendungen“, 1939.

Hier liegt die Alternative zur Herrschaft der Angst, der Verwirrung und der Bajonette klar auf der Hand.
Die Ökonomie sei für den Menschen und nicht umgekehrt.
Die Wissenschaft sei nicht Dienerin, sondern Königin - von allen, für alle.


Zum Geleit XXXV

Zur AS-Sitzung am 12. Juli 2007

Freiheit, zwecklich des Humanismus

oder Wohin mit der ganzen Unruhe?

1) Jeder Ärger findet Worte

„So übel war es in Deutschland nie,
Trotz aller Zeitbedrängnis -
Glaub mir, verhungert ist nie ein Mensch
In einem deutschen Gefängnis.“

Heinrich Heine, „Deutschland - Ein Wintermärchen“, Caput XXV, 1844.

Die akute Lage ist wenig erfreulich. Das betrifft fast alle. Das kennen fast alle. Ein Gefängnis braucht nicht in allen Fällen Mauern oder Gitterstäbe. Auch der Freigänger kennt einen Kalender. Das größte Gefängnis aber ist, sich ohne zwingende Not den Übeln zu unterwerfen. Gar enger wird’s dann, wenn diese Handlungsweise systematisch verteidigt wird.

2) Alles hat eine erkennbare Ursache

„Zum Tier, Boden etc. kann au fond kein Herrschaftsverhältnis stattfinden durch die Aneignung, obgleich das Tier dient. Die Aneignung fremden Willens ist Voraussetzung des Herrschaftsverhältnisses. Das Willenlose also, wie Tier z.B., kann zwar dienen, aber es macht den Eigner nicht zum Herren.“
Karl Marx, „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“ (1858), MEW 42, S. 408.

Unstatthafte - statthafte auch - Bedrängungen sind menschlich gemacht. Sie ereignen sich stets zwischen Menschen, die häufig nicht wissen, was gerade so los ist. Die Nicht-Verfügung über die gemeinsamen Angelegenheiten ist das wesentliche Problem. Das wirft man sich dann gegenseitig vor. Hier sei hellere Beleuchtung angebracht.

3) Demokratie wär’ doch schon mal was

„Politiker, zumal die von Großmächten, werfen den Vereinten Nationen gerne vor, sie seien nichts als ein Debattierclub. Bei Leuten, die gewohnt sind, sich kraft schieren Einflusses durchzusetzen, ruft eine solche Struktur zwangsläufig Unzufriedenheit hervor. Doch wer die riesige UN-Familie einzig an der Elle der Debatten misst, beurteilt ein Geschäft nach dem Schaufenster, ohne je den Fuß ins Innere gesetzt zu haben. Denn dort findet das eigentliche Herz der Vereinten Nationen - die Sonderorganisationen, die sich um Gesundheit, Kinder, Flüchtlinge und Vernachlässigten kümmern. Ohne die Vereinten Nationen überschritten Chaos, Vernachlässigung und Unwissenheit jedes menschliche Maß.“
Sir Peter Ustinov, „Von Pferde- und Menschenliebe“, 1995.

Demokratische Prozesse zur Meinungs-, Positions- und handlungsrelevanten Willensbildung sind aufwendig. Sie sind aber unhintergehbar wegen der Relevanz und Reichweite der zu treffenden Entscheidungen. Diese haben genuin menschliche Bedeutung. Fahrlässigkeit kann töten. Sorgfalt ermöglicht die Überschreitung jeglichen Mangels.

4) Die Allgemeinheit individueller Verantwortung

„Wir haben versucht, einzusehen, was Demokratie ist: sie ist der menschliche Ausgleich zwischen einem logischen Gegensatz, die Versöhnung von Freiheit und Gleichheit, der individuellen Werte und der Anforderungen der Gesellschaft. Dieser Ausgleich aber ist niemals vollendet und endgültig erreicht, er bleibt eine immer aufs neue zu lösende Aufgabe der Humanität; und wir fühlen, daß heute in der Verbindung von Freiheit und Gleichheit das Schwergewicht sich nach der Seite der Gleichheit und der ökonomischen Gerechtigkeit, vom Individuellen also nach der Seite des Sozialen verlagert.“
Thomas Mann, „Das Problem der Freiheit“, 1939.

Die globale Alternative, die für Alle Gewicht hat, bekommt immer schärfere Konturen: Zivilisatorischer Fortschritt oder Zunahme des Krieges.
Bei allem bleibt die Frage: Wann befindet der Mensch - als bewußt soziales und kulturelles Wesen - wirklich über sich selbst.
Die Simulationsversuche im Verhalten zu dieser Aufgabe sollten hinkünftig im Museum für Performances zu besichtigen sein.
Das ist auch eine wissenschaftliche Aufgabe.


Zum Geleit XXXIV

Zur AS-Sitzung am 21. Juni 2007

Wer wagt die große Ambition: Frieden?!

1) Lernresistenz

„Wir haben alle unterschätzt, wie viele Aufständische auftauchen und zusammenfinden würden und dass sie versuchen würden, uns zu stoppen, nachdem wir die Taliban in Afghanistan und Saddam im Irak beseitigt hatten. Wir haben unterschätzt, wie tief dieses Problem geht. Aber ich finde, dass unsere Antwort nur sein kann: Wenn sie uns hart bekämpfen, müssen wir zurückschlagen. Wir müssen geradestehen. Wir müssen sie bekämpfen, überall.“
Tony Blair, scheidender britischer Premierminister, nach dem „G8-Gipfel“ im „SPIEGEL-Gespräch“, „SPIEGEL“ 24/2007.

„Zurückschlagen“, „Geradestehen“, „Bekämpfen“ - „überall“: Nicht alle werden aus Fehlern klug, nicht jeder lernt aus Tat-Sachen; die Bevölkerung lehnt den Krieg ab, der Premier scheidet in Erstarrung.
Krieg nährt die Folgegewalt. Nur Frieden schafft Frieden als zivile Entwicklung.

2) Zusammenhänge

„Die Rüstungskonzerne Krauss-Maffei Wegmann (KMW) und Rheinmetall haben gute Chancen für eine Beteiligung am größten europäischen Militärprojekt für gepanzerte Fahrzeuge. Das britische Verteidigungsministerium hat jetzt den neuen Transportpanzer Boxer als eines von drei Modellen ausgewählt, das in die Endrunde für das Projekt FRES (Future Rapid Effect System) mit umgerechnet 24 Mrd. Euro Gesamtvolumen kommt. Dabei sollen insgesamt 3000 bis 4000 Fahrzeuge - auch andere als der Boxer - für unterschiedliche Aufgaben bestellt werden.“
Gerhard Hegmann, „Briten liebäugeln mit deutschen Panzern“, „Financial Times Deutschland“, 11.6.’07, S. 3.

Nach Kurt Tucholsky ist die Weltwirtschaft verflochten. Laut Bertolt Brecht kommt die Roheit von den Geschäften, die sie, die Roheit, nötig mache.
Wahrheit hilft abzurüsten.

3) Abwägung

„Wenn (wie es in dieser Verfassung nicht anders sein kann) die Beistimmung der Staatsbürger dazu erfordert wird, um zu beschließen, ob Krieg sein solle, oder nicht, so ist nichts natürlicher, als daß, da sie alle Drangsale des Kriegs über sich selbst beschließen müßten (als da sind: selbst zu fechten, die Kosten aus ihrer eigenen Habe herzugeben; die Verwüstung, die er hinter sich läßt, kümmerlich zu verbessern; zum Übermaße des Übels endlich noch eine den Frieden selbst verbitternde, nie (wegen naher, immer neuer Kriege) zu tilgende Schuldenlast selbst zu übernehmen), sie sich sehr bedenken werden, ein so schlimmes Spiel anzufangen [...]“.
Immanuel Kant, „Zum ewigen Frieden“, 1795.

Das „schlimme Spiel“: Die Vergeudung der Arbeit und der Industrie; die Erziehung zu Befehl und Gehorsam; die Beugung der Wahrheit und des Rechts; die Zerstörung von Jahrtausenden in Sekunden; ein verzerrtes Bild des Menschen von sich selbst.
Mit Bildung, Gesundheit und Kultur hat dies nichts zu tun.

4) Die Konsequenz

„Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!“

Wolfgang Borchert (1921-1947), „Dann gibt es nur eins!“.

Das „NEIN!“ ist: aufgeweckt, vielfältig, notwendig, persönlich, gemeinsam - für Verstand und Leben.

„Nachts darf der Schriftsteller die Sterne begucken. Aber wehe ihm, wenn er nicht fühlt, daß sein Haus in Gefahr ist. Dann muß er posaunen, bis ihm die Lungen platzen.“
Wolfgang Borchert, „Der Schriftsteller“.

Aufmerksamkeit kann weitergegeben werden.


Zum Geleit XXXIII

Zur AS-Sitzung am 24. Mai 2007

Wer hat Angst vor der eigenen Wirkung?

oder Das gedämpfte Lachen

1) Untrügliche Symptome

„Amerikaner pflegen sich bei Grippe Umschläge mit heißem Schwedenpunsch zu machen; Italiener halten den rechten Arm längere Zeit in gestreckter Richtung in die Höhe; Franzosen ignorieren die Grippe so, wie sie den Winter ignorieren, und die Wiener machen ein Feuilleton aus dem jeweiligen Krankheitsfall. Wir Deutsche aber behandeln die Sache methodisch: Wir legen uns erst ins Bett, bekommen dann die Grippe und stehen nur auf, wenn wir wirklich hohes Fiber haben: dann müssen wir dringend in die Stadt, um etwas zu erledigen.“
Kurt Tucholsky, „Rezepte gegen Grippe“, 1931.

Die geschäftssüchtige Gesellschaft kommt gar nicht mehr raus aus der schweren Verschnupfung - immer zieht’s irgendwo her.
Die Betroffenen suchen Rat: Weder scheint richtig, die Decke über den Kopf zu ziehen, noch erkältet im Regen herum zu laufen.
Fern ab strenger Maßregeln gilt (in Hamburg): Die passende Kleidung für das jeweilige Wetter ist erforderlich. Und die Erhöhung der Abwehrkräfte hilft gegen unausgesetzte Attacken.

2) Wahrheit heilt

„Wer die Krisis nicht fühlt, nicht mit dem eigenen Wesen daran teil hat, der lebt nicht. Wer sie zwar fühlt, aber sich rein konservativ dagegen verstockt und sich vergrämt ans Alte klammert, schließt sich gleichfalls vom Leben aus. Der Wahrheit ins Gesicht sehen zu können, dieser Mut ist die erste Bedingnis des Lebens; denn Wahrheit und Leben sind zu sehr ein und dasselbe, als daß ein Leben außerhalb der Wahrheit überhaupt denkbar wäre.“
Thomas Mann, „Ansprache an die Jugend“, 1931.
Vortrag zur 400-Jahr-Feier des Katharineums zu Lübeck.

Die größte unproduktive Anstrengung besteht darin, die Realität der eigenen Verantwortung für eine humane Entwicklung der Menschheit zu leugnen. Das vermeintlich Kleine hat große Bedeutung für die Allgemeinheit respektive das eigene Befinden - so oder so.

3) Richtung und Charakter der Unternehmungen

„»Die Kunst ist sittlich, sofern sie weckt. Aber wie, wenn sie das Gegenteil tut? Wenn sie betäubt, einschläfert, der Aktivität und dem Fortschritt entgegenarbeitet? Auch das kann die Musik, auch auf die Wirkung der Opiate versteht sie sich aus dem Grunde. Eine teuflische Wirkung, meine Herren! Das Opiat ist vom Teufel, denn es schafft Dumpfsinn, Beharrung, Untätigkeit, knechtischen Stillstand... . Es ist etwas Bedenkliches um die Musik, meine Herren. Ich bleibe dabei, das sie zweideutigen Wesens ist. Ich gehe nicht zu weit, wenn ich sie für politisch verdächtig erkläre.«“
Thomas Mann, Der Zauberberg, „Politisch Verdächtig!“, 1924. Rede von Ludovico Settembrini an Hans Castorp und Joachim Ziemsen während der Sonntagsmusik im Sanatorium ‚Haus Berghof‘.

Nicht immer sind Wachheit, Humor, Wahrheitsfindung und pflegliche Orientierung in Werk und Spiel: Mit der Wissenschaft verhält es sich ähnlich wie mit der Musik. Gesteigerte Aufmerksamkeit vermeidet Verirrungen. Die Angst zeigt auch an, was man sich trauen sollte. Oh, heilige Dialektik!

4) In Zukunft

„Die Marzipanfiguren waren den gierige Enkeln zum Opfer gefallen. Auch diese Generation, die dort heranwächst, taugt nichts, und wenn je eine Generation etwas getaugt hat - ich zweifele daran -, so komme ich doch zu der Überzeugung, daß es die Generation unserer Väter war.“
Heinrich Böll, „Nicht nur zur Weihnachtszeit“, 1951.

Wer außer den Kriegshelden verdient eigentlich Achtung, Sympathie und Vertrauen?
Eigentlich fast alle.
Jedenfalls alle, die ihre Lage als gemeinsame erkennen und unbeirrt die Bedingungen erträglich gestalten.
Die Zivilisation ist ein unabgeschlossenes Werk.


Zum Geleit XXXII

Zur AS-Sitzung am 19. April 2007

Fort mit der Mühsal!

oder Womit fast alle etwas anfangen können

1) Erinnerung

„(482) Humanität
Seele legt sie auch in den Genuß, noch Geist ins Bedürfnis,
Grazie selbst in die Kraft, noch in die Hoheit ein Herz.“

Friedrich Schiller, Gedichte aus dem Nachlaß, 1795-1805.

Schönheit ist angewandte Vernunft, die in Absichten, Gestaltung, Bewegung, in Figur und Entwicklung zu erkennen ist. Nützliches und Aufbauendes zu schaffen, konnte immer wieder gelungen. Erinnerung bilde Zukunft.

2) Gewisse Hindernisse

„Das ›Menschliche‹ steht hierzulande im leichten Ludergeruch der Unordnung, der Aufsässigkeit, des unkontrollierbaren Durcheinanders; der Herr Obergärtner liebt die scharfen Kanten und möchte am liebsten bis Dienstschluß alle Wolken auf Vorderwolke anfliegen lassen, bestrahlt von einer quadratischen Sonne ...“
Kurt Tucholsky, „Das Menschliche“, 1928.

Der konzentrierten hilfreichen Erinnerung an bessere Absichten und Ergebnisse menschlichen Wirkens (siehe Punkt 1.) tönt das Gezeter, Gesäusel und Geklingel des vermeintlichen Sachzwangs entgegen. Diese Laute kommen aus allen Ecken. Man sollte sich hier und da Ruhe ausbitten.

3) Die Richtung der Anstrengungen

„Freilich, wenn ihr den Zweifel lobt
So lobt nicht
Das Zweifeln, das ein Verzweifeln ist!“

Bertolt Brecht, „Lob des Zweifels“, Gedichte 1934-1939.

Wer sich Ruhe verschafft hat, sollte zweifeln. Der Zweifel gelte vorrangig der Gegenwart (siehe Punkt 2.). Aus der sorgsam begutachteten Geschichte - mit bonus und malus - ist die Zukunft zu realisieren. Der unvermeidliche Unmut entfernt sich in Richtung neu gewonnener Handlungsfähigkeit. Manche Schriften sollten auf diesen Weg mitgenommen werden.

4) Der Wert der Heiterkeit

„Der Heine auf dem Weinbergsweg
Hat einen goldnen Zeh
Und einen goldnen Daumen.
der Zeh tut ihm nicht weh.

Die Kinder, wenn sie steigen
aufs Knie dem Dichtersmann,
Fassen sie erst die Zehe
Und dann den Daumen an.

O deutsches Volk, erobere
Dir deiner Meister Knie.
Dann wetzt du ab die Patina
Vom Gold der Poesie.“

Peter Hacks, „Der Heine auf dem Weinbergsweg“, „Hundert Gedichte“, Eulenspiegel Verlag 2003.

Es ist nicht alles nur Kupfer, was nicht glänzt. Auch sind Glanz und Handfestigkeit kein allgegenwärtiger Gegensatz. Wahrheit bedeutet immer wieder Wegzehrung (siehe Punkt 3.).
Manches ist spielend zu erklimmen. Es darf dabei gelacht werden.


Zum Geleit XXXI

Zur abgesagten AS-Sitzung am 15. März 2007

Übergenug

oder Die Konsequenz des Denkens

1) „Verhunzung“

„Die griechische Sage erzählt von einem König Midas, der alles, was er berührte, in Gold verwandelte. Daß es eine Berührung gibt, die alles, auch das Edelste, augenblicklich in Dreck verwandelt, das erleben wir heute: es ist der Nationalsozialismus, dem diese edle Gabe zuteil wurde. Alle Gedanken der Zeit, geboren aus Geist- und Zukunftswilligkeit, aus dem Wunsche nach Vervollkommnung des gesellschaftlichen Lebens, alles Gute und Wohlgemeinte reißt er an sich, stiehlt es, verbiegt, verdreht, verdirbt und verschmutzt es, verleiht ihm widerliche Mißgestalt, einen Geruch von Ekel und Hölle-, alles, was er anfaßt - und er faßt alles an, - wird unweigerlich in seinen Händen zu Kot und Unflat.“
Thomas Mann, „Deutsche Hörer!“, August 1942.

Reformen? Freiheit? Gerechtigkeit? Demokratie? Vernunft?
Wir leben in erheblich anderen Zeiten, als jenen einmalig barbarischen Zeitläuften - deren Wiederholung, auch im Kleinsten, umfassend zu hindern ist -, zu denen der engagierte Autor die trefflich scharfen Worte fand. Gleichwohl ist aus historischer Barbarei und kluger Gegenwehr aktuell und perspektivbildend zu lernen, daß mehr oder minder harte geistige Verdrehungen die Boten des Elends sind.
„Führung“ ist nicht Demokratie. Krieg ist nicht Frieden.
Not ist nicht natürlich, sondern zu wenden.

2) Wille, Richtung und Tat

„Verstand ich den Vorgang recht, so unterlag dieser Herr der Negativität seiner Kampfposition. Wahrscheinlich kann man vom Nichtwollen seelisch nicht leben; eine Sache nicht tun wollen und überhaupt nicht mehr wollen, also das Geforderte dennoch tun, das liegt vielleicht zu benachbart, als daß nicht die Freiheitsidee dazwischen ins Gedränge geraten müßte, und in dieser Richtung bewegten sich denn auch die Zureden, die der Cavaliere zwischen Peitschenhiebe und Befehle einflocht, indem er Einwirkungen, die sein Geheimnis waren, mit verwirrend psychologischen mischte. ›Balla!‹ sagte er. ›Wer wird sich so quälen? Nennst du es Freiheit - diese Vergewaltigung deiner selbst? Una ballatina! Es reißt dir ja an allen Gliedern. Wie gut wird es sein, ihnen endlich den Willen zu lassen! Da, du tanzest ja schon! Das ist kein Kampf mehr, das ist bereits das Vergnügen!‹“
Thomas Mann, „Mario und der Zauberer“, 1930.

Wer hat den Willen zu gehorchen?
Wer sich umdreht oder lacht, bekommt den Buhmann gemacht.
Gute Ideen helfen sehr, sich nur unwesentlich zu erschrecken.
Wer ohne Ausnahme Verschlechterungen nicht will, muß für Verbesserungen wirken, da sich sonst die gute Idee der schlechten Wirklichkeit beugt - und der Mensch beugt sich gleich mit.
Das ist eine unbekömmliche Haltung.

3) Vergegenwärtigung

„Erbarmen wir uns der Kultur, aber erbarmen wir uns zuerst der Menschen! Die Kultur ist gerettet, wenn die Menschen gerettet sind. Lassen wir uns nicht zu der Behauptung fortreißen, die Menschen seien für die Kultur da, nicht die Kultur für die Menschen!“
Bertolt Brecht, Rede auf dem I. Internationalen Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur, Juni 1935.

Wer seine Arbeit um der Arbeit willen macht
oder: weil man das eben gerade so tut
oder: es in der Zeitung steht
oder: der Nachbar schief guckt
oder: er sich für stark im Leiden hält,
der hat sich drangegeben und vergessen.

4) Richtung

„Es laufen Gerüchte ohne jede Bedeutung hin und her zwischen den Menschen, die man Zivilbevölkerung nennt.“
Arnold Zweig, „Der Streit um den Sergeanten Grischa“, 1927.

Es geht die Kunde, der rechte Senat sei nicht mehr erträglich.
Wir wollen dem Gerücht nachgehen.


Zum Geleit XXX

Zur AS-Sitzung am 8. Februar 2007

Zur Lage

oder Was soll das Ganze?

1) Unausweichliche Hackordnung?

„Franz:
(...) Jeder hat gleiches Recht zum Größten und Kleinsten, Anspruch wird an Anspruch, Trieb an Trieb und Kraft an Kraft zernichtet. Das Recht wohnet beim Überwältiger, und die Schranken unserer Kraft sind unsere Gesetze. (...)“

Friedrich Schiller, „Die Räuber“, erster Akt/erste Szene, 1781.

Frei von Skrupel, frei von Sinn, frei von Geschichte, frei von Alternative, frei von menschlicher Spezifik, frei von Muße, frei von sorgender Hand, frei von Lachen... - Frei?
Der Anzug kneift und die Seele schlottert.

2) Optionen der Vernunft

„Das Fräulein:
(...) Ich bin eine große Liebhaberin der Vernunft, ich habe sehr viel Ehrerbietung für die Notwendigkeit. - Aber lassen Sie doch hören, wie notwendig diese Notwendigkeit ist.“

Gotthold Ephraim Lessing, „Minna von Barnhelm“, zweiter Aufzug/neunter Auftritt, 1763.

Die bare Ökonomie kennt nur nackte Zahlen. Dem entsprechen die sogenannten Kennzahlen mit Absolventinnen und Absolventen, die Leistungspunkte sowie das Gehalt auf dem beruflichen Schlachtfeld der Ehre. Der Landgewinn wird in Kilometern und Barrel Öl gemessen.
Die Alternative in den Wissenschaften sind: Wirkliche Erkenntnisbildung, kooperative Entwicklung, humane Problemlösung und ein tiefes angewandtes Verständnis für heitere Elendsbeseitigung.

3) Position

„Wenn ein Unternehmer sich langweilt, dann ruft er die andern und dann bilden sie einen Trust, das heißt, sie verpflichten sich, keinesfalls mehr zu produzieren, als sie produzieren können, sowie ihre Waren nicht unter Selbstkostenverdienst abzugeben. Daß der Arbeiter für seine Arbeit auch einen Lohn haben muß, ist eine Theorie, die heute allgemein fallengelassen worden ist.“
Kurt Tucholsky, „Kurzer Abriß der Nationalökonomie“, 1931.

Wer stolzer Inhaber eines Ein-Euro-Jobs ist, kann für sich oder andere keine Studiengebühren zahlen.
Wer C4 oder W soundsoviel für einen natürlichen Erbvorteil hält, hat strukturelle Schwierigkeiten bei der Wahrheitsfindung.
Demokratische Menschen sind an ihren begründeten Zweifeln zu erkennen.

4) Richtung

„Freilich, wenn ihr den Zweifel lobt
So lobt nicht
Das Zweifeln, das ein Verzweifeln ist!“

Bertolt Brecht, „Lob des Zweifels“, Gedichte 1934-1939.

Wissen bedeutet, dem Verfall zu widerstehen. Systematische Zerstörung von Errungenem gehört in die Tonne.
Mensch-Sein sei dagegen und eigentlich Frieden, Arbeit, Brot sowie drei gute Gedanken, zwei gute Taten und (mindestens) ein Lachen pro Tag. Die Erhellung gelte als Maßstab der stimmigen Verwirklichung


Zum Geleit XXIX

Zur AS-Sitzung am 18. Januar 2007

Die ergrimmende Ungleichheit der Vertragspartner

Man erinnere: Davids Stärke

1) Kein Verzicht!

„A-Politik, das bedeutet einfach Anti-Demokratie, und was das heißen will, auf welche selbstmörderische Weise sich der Geist dadurch zu allem Geistigen in Widerspruch setzt, das kommt erst in bestimmten akuten Situationen höchst leidenschaftlich an den Tag.“
Thomas Mann, „Kultur und Politik“, 1939.

Wir haben Exempel, warnend wie lehrend und wegweisend. Ihr Nutzen besteht darin, der Entsagung auf der Stelle entsagen zu können. Zu spätes Eingreifen steigert die Drangsal. Ein beherzter Schritt kann die Not wenden. Auch der Mut kennt Beispiele. Das Nein ist bisweilen ein Fortschritt.

2) Autonomie?

„Der lange Schnurrbart ist eigentlich nur
Des Zopftums neuere Phase:
Der Zopf, der ehemals hinten hing,
Der hängt jetzt unter der Nase.“

Heinrich Heine, „Deutschland. Ein Wintermärchen“, Caput III, 1844.

Das Diktat schreitet nun smart daher, lächelnd von Ich zu Du, gebietend mit sachlichen Kapazitätsberechnungen. Die Unterwerfung sei ein technischer Vorgang, der freiwillig vollzogen werden soll. Die moderne Knechtschaft heißt: „Vereinbarung“.

3) Hintergründe

„An seinen Gedanken liegt uns unendlich mehr als an seinen Taten, und noch weit mehr an den Quellen seiner Gedanken als an den Folgen jener Taten. Man hat das Erdreich des Vesuv untersucht, sich die Entstehung seines Brandes zu erklären; warum schenkt man einer moralischen Erscheinung weniger Aufmerksamkeit als einer physischen?“
Friedrich Schiller, „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“, 1786.

Knebelverträge folgen dem Geist der puren Ökonomie, die nichts verpflichtet ist, als der seelenlosen Steigerung abstrakter Bilanzsummen. Der Wissenschaft geht’s so an die Gurgel. Wer hier von Demokratie spricht, ist der Wahrheit nicht verpflichtet.
Wer hier schmunzelt, irritiert brüchige Gewißheiten.

Aussichten

„Wir haben nunmehr vier Prinzipien der Moral
1. Ein philosophisches: Tue das Gute um seiner selbst willen, aus Achtung fürs Gesetz.
2. Ein religiöses: Tue es darum, weil es Gottes Wille ist, aus Liebe zu Gott.
3. Ein menschliches: Tue es, weil es deine Glückseligkeit befördert, aus Selbstliebe.
4. Ein politisches: Tue es, weil es die Wohlfahrt der großen Gesellschaft befördert, von der du ein Teil bist, aus Liebe zur Gesellschaft, mit Rücksicht auf dich...
Sollte dieses nicht alles dasselbe Prinzip sein, nur von andern Seiten angesehn?...“ (193)

Georg Christoph Lichtenberg, „Einfälle und Bemerkungen“, Heft L, 1796-1799.

Sinn, Wert, Maß und rationaler Gesellschaftsbezug der Wissenschaften sind souverän neu zu bedenken und zu bestimmen.
Der Kampf dafür ist ein menschlicher.
Der Beginn ist akut.


Zum Geleit XXXVIII

Zur AS-Sitzung am 21. Dezember 2006

Sind Gebühren der Entwicklung gebührend?

1) Die Tugenden

„Es genügt, irgendeinem Krümel das Epitethon ‚deutsch’ anzuhängen, und Kaffeemaschine, Universitätsprofessor und Abführmittel haben ihr Lob weg.“
Kurt Tucholsky, „Deutsch“, 1924.

Wir seien: ordentlich, brav, fleißig, pünktlich, sittsam und standortdiensteifrig.
Wir seien nicht: kritisch, humorvoll, unbändig, weitsichtig, erwartungsvoll und menschenfreundlich.
Der Primat der Sekundärtugenden soll jetzt auch noch mit Gebühren bezahlt werden. Du bist Deutschland.

2) Keine wirkliche Rettung durch Sanitäter

„Die SPD hatte Wichtigeres zu tun; wenn in Deutschland ein Unheil im Anzug ist, dann steht die Bonzokratie dieser Partei da und setzt durch, daß im § 8 des Unheils statt ›muß‹ die Worte ›soll nach Möglichkeit‹ stehen. Es sind wackere Parlamentarier.“
Kurt Tucholsky, „Die Keuschheitsgürteltiere“, 1930.

Wer etwas ablehnenswert findet, sollte es auch nach den Gründen ablehnen, die sich in ihm regen.
Auch wenn die Vernunft nicht durchgedrungen ist und schlechte Maßnahmen eigensinnig gehandhabt werden müssen, ist das Unvernünftige nicht vernünftig geworden.
Mit Pflastern heilt man keine Brutalität. (Wesentlich ist ihr zu wehren, auch wenn akute Heilung keinesfalls unterlassen wird.) Die Vernünftigen müssen einen neuen Anlauf nehmen.

3) Das Gift der kommerziellen Propaganda

„Von der Dankbarkeit, die wir unsern lieben, hochverehrten heldenhaften, gesegneten und zum Glück stummen Gefallenen schulden, von diesem Hokuspokus bis zum nächsten Krieg ist nur ein Schritt. Was hier gemacht wird, ist Reklame.“
Kurt Tucholsky, „Über wirkungsvollen Pazifismus“, 1927.

Es ist - auch im Zivilen - Krieg. Die lüsterne Rendite schlägt Schneisen in die menschenwürdige Kultur. Wo Aktienkurse steigen wächst - vorerst - kein Gras oder Regenwald mehr.
Getragen wird die systematische Verrohung vom Hokuspokus, der Mensch sei nur etwas wert, wenn er sich rechne. Diese mentale Verirrung kann nur geistig, in Tateinheit mit kooperativem Engagement, überwunden werden. Hier bleibe keine Verlockung ungenutzt. Frieden ist mit den Geschäften nicht zu machen.

4) Widersprechen mit Perspektive

„›Tje ... der Doktor meint, es wäre ja nu nicht mehr so ... und da wäre es ja denn besser, wenn sie nu gleich ...‹ Aus. Das Wort ›Tod‹ wird taktvoll vermieden, wie überhaupt der Hamburger auch die pathetischen Vorgänge immer ins ›Faine‹ umbiegt. Fein und unerbittlich diesseitig, so ist Hamburg. (Erster Akt ›Hamlet‹. Eine hamburgische Dame zur andern: ›Bis schetzt gar kein Sinn in.‹ Erledigt, Herr Shakespeare!) Vorläufig ist es aber mal bannig heiß.“
Kurt Tucholsky, “Es ist heiß in Hamburg“, 1928.

Shakespeare sei nicht erledigt. („Hamlet“ kann als ein Werk gegen Krieg und Niedertracht gelesen und geschaut werden.)
Wenn nicht unbedingt „fain“, so doch „unerbittlich diesseitig“ ist der Umwandlung von einer Bildungseinrichtung in eine Koof-mich-Anstalt zu widersprechen.
Dieser Widerspruch ist der Beginn eines politischen und kulturellen Wandels.
Der Rest ist: Beginnen. Bannig heiß.


Zum Geleit XXXVII

Zur AS-Sitzung am 23. November 2006

Die Grenzen der Duldung und
der erforderliche Richtungswechsel

1) Die eingebildete Stärke des Leidens

„So lebte er mit regelmäßigen kleinen Ruhepausen
viele Jahre, in scheinbarem Glanz, von der Welt geehrt,
bei alldem aber meist in trüber Laune, die immer
noch trüber wurde dadurch, daß niemand sie
ernst zu nehmen verstand. Womit sollte man ihn
auch trösten? Was blieb ihm zu wünschen übrig?
Und wenn sich einmal ein Gutmütiger fand, der ihn
bedauerte und ihm erklären wollte, daß seine Traurigkeit
wahrscheinlich von dem Hungern käme,
konnte es, besonders bei vorgeschrittener Hungerzeit,
geschehn, daß der Hungerkünstler mit einem
Wutausbruch antwortete und zum Schrecken aller
wie ein Tier an dem Gitter zu rütteln begann.“

Franz Kafka, „Ein Hungerkünstler“, 1922.

Wenn die Sachzwänge sich im Kopfe stapeln und sie
Dir grinsend sagen, jetzt helfe nur noch Ausdauer,
gnadenlose Ausdauer, ja, dann folgt, wenn niemand
Halt! ruft, unweigerlich das große Märtyrer-Rennen.
Verlierer: Alle.

2) Wer siegt?

„Die Moritat von der großen Fusion: Eines Tages schlug das Huhn dem Schwein eine enge Zusammenarbeit vor. Das Huhn sprach also von Kooperation, es sprach von Fusion und es schwärmte von den Chancen, die darin stecken - nach einer ›gewissen Durststrecke am Anfang‹ freilich. Das Schwein hörte sich schweigend an, was das Huhn zu sagen hatte, und fragte dann, wie die Sache denn genau aussähe. ›Wir gründen die Firma ’ham and eggs’‹, sagte das Huhn. darauf das Schwein irritiert: ›Du bist verrückt, das bedeutet doch meinen sicheren Tod!‹ Das sei der Sinn der Kooperation, bemerkte das Huhn
trocken.“

Heribert Prantl, „Kein schöner Land/Die Zerstörung der
sozialen Gerechtigkeit“, 2005, S. 89.

Die große Vorteilsnahme ist ein grenzenloses Werk
der Zerstörung.
Die Doktrin des Sozialdarwinismus veräzt die Freude
von Beginn an.
Wer siegt?

3) Reines Rechnen radiert am Charakter

„Die menschliche Natur erträgt es nicht, ununterbrochen
und ewig auf der Folter der Geschäfte zu
liegen; die Reize der Sinne sterben mit ihrer Befriedigung.“

Friedrich Schiller, „Die Schaubühne als eine moralische
Anstalt“, 1784.

Es heißt auch: Wer oder was sich rechnet, darf bleiben.
Wer oder was bleibt übrig? Auf welchen Rest
schrumpft die Persönlichkeit?
Das Elend wird durch seine korrekte Verwaltung
nicht besser.
Die Kunst hilft, sich heiter zu distanzieren.

4) Frei von ist frei für

„Und die neue Stadt, das ist die Stadt, in der die weisen
Männer, die Lehrer und die Minister, nicht lügen,
in der die Dichter sich von nichts anderem verführen
lassen, als von der Vernunft ihres Herzens,
das ist die Stadt, in der die Mütter nicht sterben und
die Mädchen keine Syphilis haben, die Stadt, in der
es keine Werkstätten für Prothesen und keine Rollstühle
gibt, das ist die Stadt, in der der Regen Regen
genannt wird und die Sonne Sonne, die Stadt, in der
es keine Keller gibt, in denen blaßgesichtige Kinder
nachts von Ratten angefressen werden, und in denen
es keine Dachböden gibt in denen sich die Väter erhängen,
weil die Frauen kein Brot auf den Tisch
stellen können, das ist die Stadt, in der die Jünglinge
nicht blind und nicht einarmig sind und in der es keine
Generäle gibt, das ist die neue, die großartige
Stadt, in der sich alle hören und sehn und in der alle
verstehn: mon coeur, the night, your heart, the day,
der Tag, die Nacht, das Herz.“

Wolfgang Borchert, „Im Mai, im Mai schrie der
Kuckuck“, in einem Zyklus von Erzählungen aus dem
Herbst 1946 bis zum Sommer 1947.

Zwei Weltkriege haben gegen die Barbarei auch die
Verneinung der Entmenschlichung, das Nie wieder!,
hervorgebracht.
Die Vorstellungen, Forderungen und humanen Begehrlichkeiten
nach Frieden, sozialer Wohlentwicklung,
Bildung und Kultur für Alle, pfleglicher Gesundheitsversorgung
und insgesamt freundlichen Lebensumständen
entstehen in gesellschaftlichen Krisen
immer wieder neu. Die Bedingungen sind
menschlich zu gestalten. Die Mehrheit kann sich dadurch
selbst verwirklichen.
Schönheit gedeiht in der Überwindung der Mühseligkeit
menschlicher Existenz.


Zum Geleit XXVI

Zur AS-Sitzung am 26. Oktober 2006

„Ich“
respektive
Der Irrtum der übergeordneten Besonderheit

1) Der Mensch

„Der Mensch ist ein Wirbeltier und hat eine unsterbliche Seele sowie auch ein Vaterland, damit er nicht übermütig wird.“
Kurt Tucholsky, „Der Mensch“, 1931.

Nachdem wir nun auf wundersame Weise Papst geworden sind und die unverkrampfte Party mit den drei wehenden Farben - regional spezial: mit den blöden blauen Leuchttoren -, dem einen Ball und unseren elf Jungs vorbei ist, wird deutlich, was vorher schon allen klar war: nichts ist besser als vorher. Übermut ist bislang ebenfalls nicht zu verzeichnen. Deshalb sind einige Überlegungen angebracht.

2) Wagnis

„Demokratie war den Deutschen ein leerer Begriff. Unter dem Kaiser war das suspekt, demokratisch zu sein - und es hieß damals so viel wie heute ›bolschewistisch‹, nämlich, nach dem Wort des klugen Geheimrats Krüger: ›Bolschewistisch ist alles, was einem nicht paßt.‹“
Kurt Tucholsky, „Macht und Mensch“, 1920.

Demokratie als aufgeklärte Partizipation sozial verantwortlicher Subjekte, die sich in ihrer tätigen Gemeinsamkeit mit anderen selbst verstehen und als eigene Kultivierung kooperativ zur positiven Entwicklung der Bedingungen beitragen, Demokratie also auf Höhe der Zeit, wird meist recht klein geschrieben und bedarf dagegen einer Renaissance von Vernunft und Engagement.

3) Die Universität hat einen Ort

„Die Stadt Hamburg ist eine gute Stadt; lauter solide Häuser. Hier herrscht nicht der schändliche Macbeth, sondern hier herrscht Banko. Der Geist Bankos herrscht überall in diesem Freistaate, dessen sichtbares Oberhaupt ein hoch- und wohlweiser Senat.“
Heinrich Heine, „Memoiren des Herren von Schnabelewopski“, 1833.

Banko erhebt wieder stärker sein Haupt und schüttelt sein schütteres Haar. Der Senat bürstet derweil Bankos staubige Kleider.
Das Soziale flüchtet sich in die Ecke mit schlechtem Gewissen und raunt aufdringlich-schüchtern allen zu, sie mögen Gleiches tun.
Wer hier diesem schwach klingenden nachdrücklichen Appell folgt und sein Arrangement für besonders, geschickt und überlegen hält, leidet - nolens volens - Schaden an seiner Souveränität.

4) Ein Rückgriff in die Geschichte: Zukunft!

„Wir haben versucht, einzusehen, was Demokratie ist: sie ist der menschliche Ausgleich zwischen einem logischen Gegensatz, die Versöhnung von Freiheit und Gleichheit, der individuellen Werte und den Anforderungen der Gesellschaft. Dieser Ausgleich aber ist niemals vollendet und endgültig erreicht, er bleibt eine immer aufs neue zu lösende Aufgabe der Humanität; und wir fühlen, daß heute in der Verbindung von Freiheit und Gleichheit das Schwergewicht sich nach der Seite der Gleichheit und der ökonomischen Gerechtigkeit, vom Individuellen also nach der Seite des Sozialen verlagert.“
Thomas Mann, „Das Problem der Freiheit“, 1939.

Wenn die Bedrängungen hart werden, ist besonders hilfreich und menschlich, sich, über den Tag hinaus, mit widersprüchlicher Herkunft, widerstreitenden Möglichkeiten und erweitertem Ausblick, gemeinschaftlich zu begreifen. Die Universität hat eine maßgebliche politische Umgebung, die nicht so bleiben muß, wie sie ist.


Zum Geleit XXV

Zur AS-Sitzung am 21. September 2006

Sinn und Form
Oder: Literatur muß immer erlaubt sein

1) Die erzählte Welt

„Wer zu verzichten angefangen hat, ist auf Ungerechtigkeit festgelegt. Er muß dauernd neue Rechtfertigung für seinen Verzicht aus seiner Umwelt ziehen. Dahin ist die Ehrlichkeit.“
Christa Wolf, „Lesen und Schreiben“, 1968.

Wer nicht verzichten will, auch und gerade auf seine Mitmenschen und ihr Wohl nicht, das ein gemeinsames Wohl sein soll, der ist auf Gerechtigkeit und mehr orientiert; der will verstehen, neigt zur unbändigen Unzufriedenheit gegenüber den allemal vermeidbaren Erniedrigungen, sucht nach leitenden Gedanken, plastischen Deutungen, aufschlußreichen Figuren, mitziehenden Geschichten, anderen Möglichkeiten, Helligkeit im Trüben, eröffnenden Taten, unweigerlich Mitwirkenden - und liest... Hier ist Ehrlichkeit ein Prozeß.

2) Vom Besteigen hoher Berge

„Hans Castorps Geschichte ist die Geschichte einer Steigerung; ein simpler Held wird in der fieberhaften Hermetik des Zauberbergs zu moralischen, geistigen und sinnlichen Abenteuern fähig gemacht, von denen er sich früher nie hätte träumen lassen. Die Geschichte seiner Steigerung ist aber zugleich Steigerung auch in sich selbst, als Erzählung. Sie arbeitet wohl mit den Mitteln des realistischen Romanes, aber sie ist kein solcher, sie geht beständig über das Realistische hinaus, indem sie es symbolisch steigert ud transparent macht. Die Figuren sind für das Gefühl des Lesers alle mehr, als sie scheinen: lauter Exponenten, Prinzipien und Welten.“
Thomas Mann, „On myself“, März/April 1940.

Wer Hans Castorp mittels des „raunenden Beschwörers des Imperfekts“ vor dem Ersten Weltkrieg in die kühlen Höhen der Schweiz begleitet, muß nicht krank werden, sieben Jahre Liegekur machen oder gar am Ende in den Krieg geworfen werden.
Diese schneereiche bürgerliche Weltflucht ist ein üppig-ironisches Dekadenzgemälde, ein reiches pädagogisches Erlebnis und ein breit geschildertes Plädoyer der errungenen Lebensfreundschaft sowie ein Nein zum Kriege. Lesen lohnt sich. Die Verbindung der gewonnen Einsichten zum Alltag ist sinnvoll und mitteilenswert.

3) Dialektik

„ich atme innerlich
aber die nasenlöcher
habe ich außen“

Ernst Jandl, „Letzte Gedichte“, Sammlung Luchterhand 2001.

Der Mensch ist unweigerlich mit seiner Außenwelt verbunden. Diese Verbindung konstituiert seine Existenz. In der bewußten Handhabung dieser Verbindung gewinnt er seine Souveränität. Demokratie atmet.

4) Vorankommen

„Das Ross und der Stier
Auf einem feurigen Rosse floh stolz ein dreuster Knabe daher. Da rief ein wilder Stier dem Rosse zu: Schande! von einem Knaben ließ ich mich nicht regieren!
Aber ich, versetzte das Roß. Denn was für Ehre könnte es mir bringen, einen Knaben abzuwerfen?“

Gotthold Ephraim Lessing, Fabeln/Erstes Buch, 1759.

Gute Reise!
(Auch beim Lesen.)


Zum Geleit XXIV

Zur AS-Sitzung am 17. August 2006

Immer:
Nachdenklich handeln. Aufatmen durch die Frage: Warum?

1) Ziellose Fluchtneigung

„Der Fliegende Robert
Eskapismus ruft ihr mir zu,
vorwurfsvoll.
Was denn sonst, antworte ich,
bei diesem Sauwetter!—,
spanne den Regenschirm auf
und erhebe mich in die Lüfte.
Von euch aus gesehen,
werde ich immer kleiner und kleiner,
bis ich verschwunden bin.
Ich hinterlasse nichts weiter
als eine Legende,
mit der ihr Neidhammel,
wenn es draußen stürmt,
euern Kindern in den Ohren liegt,
damit sie euch nicht davonfliegen.“

Hans Magnus Enzensberger, „Die Furie des Verschwindens“, Gedichte, 1980.

Antiautoritär betrachtet, ist die Nach- und Neudichtung des „Fliegenden Robert“ ein Gewinn. Das Nichtachten kleiner Gefahren und großer mahnender Worte erhebt - insonderheit bei schlechtem Wetter - in die Lüfte.
Das Ziel der „Freiheit“ ist ungewiß. Robert fliegt und fliegt. Wann hört das „Sauwetter“ auf? Fragt den Regenmann.

2) Händewaschzwang!

„Wer weiß, ob man mitten im Symphoniekonzert nicht doch plötzlich auf die Toilette muß, oder ob man das Schloß beim Nachprüfen nicht irrtümlich aufgeschlossen hat? Der Vernünftige vermeidet daher scharfe Messer, öffnet Türen mit dem Ellenbogen, geht nicht ins Konzert und überzeugt sich fünfmal, daß die Tür wirklich abgesperrt ist. Voraussetzung ist allerdings, daß man das Problem nicht langsam aus den Augen verliert.“
Paul Watzlawick, „Anleitung zum Unglücklichsein“, 1983.

Autoritär betrachtet, ist Sicherheit als solche die höchste Kategorie. Man bewegt sich kerzengerade innerhalb der Gesetze. Für Wohlbefinden sorgt die Polizei. Sorgen sterben einstweilen mit Likör. Alles und alle sind eine Bedrohung. Wer keine Ordnung hat oder in ihr nicht oben steht oder nicht jemanden unter sich hat oder keine drei Zahnpastasorten (abends, morgens und einmal die Woche), geht gnadenlos unter. Sympathie ist ein Grauen.

3) Schicksal?

„Eine Partei, die neben dem Glauben an die Gesetze auch den Adel verwerfen würde, hätte sofort das ganze Volk hinter sich, aber eine solche Partei kann nicht entstehen, weil den Adel niemand zu verwerfen mag.“
Franz Kafka, „Zur Frage der Gesetze“, 1920.

Die Inszenierung des Realismus dient als Kulisse für die selbst verschuldete Hoffnungslosigkeit. Kafkas Paradoxien sind die Beweisführung für die Verneinung der suggerierten Gnadenlosigkeit.
Die Zwangsläufigkeit der Entfremdung ist zu knacken. Verhaftungen am Morgen finden nicht automatisch statt.

4) Zum Menschen

„Die industrielle Revolution brachte die Aufgabe mit sich, die Menschlichkeit im Lichte der unmenschlichen Maschinen zu bewahren.“
Sir Peter Ustinov, „Ein Wiedersehen mit Kaiser Nero“, 1999.

Die menschlich geschaffenen Reichtümer erfordern vernünftige Handhabung und Verteilung.
Ohne Licht laufen die Maschinen im Dunklen (Zwerge). Elend ist keine Naturkatastrophe. Sich dagegen zu wenden, hat eine klare rationale Tendenz, die auch andere ergreifen kann. Wer beginnt?

5) Zur Politik

„Die Zeiten sind längst vorbei, wo man das Menschliche in verschiedene Sphären eingeteilt sehen konnte, von denen die eine die politische war: eine Sonder-Sphäre, um die man sich nicht zu kümmern brauchte. Die Frage des Menschen, das Problem der Humanität steht längst schon als unteilbares Ganzes vor unseren Augen und ist als Ganzes dem geistigen Gewissen auferlegt.“
Thomas Mann, Ansprache zu Heinrich Manns siebzigsten Geburtstag, 2. Mai 1941 (auf einer nachgeholten Feier).

Politik ist kein „schmutziges Geschäft“, wenn sie frei ist von kleinlicher Vorteilsnahme (im Dienste der Herrschaft) und frei ist für (im Sinne der Emanzipation) Frieden, allgemeine Partizipation, soziale Sicherheit, kulturelle Entfaltung, die Verbreitung von Aufklärung, Freude und produktiven Streit.


Zum Geleit XXIII

Zur AS-Sitzung am 13. Juli 2006

Der erfreuliche Ernstfall: Frieden

1) Die kulturelle Dimension

„Als der Krieg aus war, kam der Soldat nach Haus. Aber er hatte kein Brot. Da sah er einen, der hatte Brot. Den schlug er tot.
Du darfst doch keinen totschlagen, sagte der Richter.
Warum nicht, fragte der Soldat.“

Wolfgang Borchert, „Lesebuchgeschichten“.

Der Mensch verneint sich selber durch die Roheit der gezielten Zerstörung, die seelenlos vonstatten gehen soll, aber tiefe Spuren hinterläßt. Die Folgen zeigen ihren Ursprung an.
Die Wahrheit stirbt - üblicher Weise - vor dem Kriege; in dem Krieg ist nach der Wahrheit; nach dem Krieg ist vor der Wahrheit; nach der Wahrheit ist vor dem Frieden.

2) Aufgeschoben ist weniger als bewältigt

„Das Signal steht seit drei Jahrhunderten auf Freie Fahrt, aber nicht weil die Grundfragen gelöst wären, sondern weil wir gelernt haben, sie im Alltag unserer Arbeit auf sich beruhen zu lassen. Philosophie jedoch könnte man vielleicht definieren als den nicht ruhenden Willen, die Grundfragen zu stellen.“
Carl Friedrich von Weizsäcker, „Große Physiker, Von Aristoteles bis Werner Heisenberg“, Immanuel Kant, (herausgegeben von Helmut Rechenberg), Wiesbaden 2004, S. 183.

Die Grundfragen sind nicht in jeder Minute zu reflektieren, zu erörtern beziehungsweise neu zu beantworten - aber ohne schon beantwortete Grundfragen wäre der Mensch nicht handlungsfähig, ohne zu beantwortende Grundfragen hätte der Mensch keine Zukunft.
— Ist die Erde (wieder) eine Scheibe?
— Handelt es sich bei der Fußballweltmeisterschaft um ein reales Vergnügen?
— Haben die Wissenschaften eine Verantwortung für das soziale Wohlbefinden?
Die Antworten verlangen mehr als nur kurzzeitige Aufmerksamkeit.

3) Vorausschauende Erkenntnis

„ ... - so muß es einen Bund von besonderer Art geben, den man einen Friedensbund (foedus pacificum) nennen kann, der vom Friedensvertrag (pactum pacis) darin unterschieden sein würde, daß dieser bloß einen Krieg, jener aber alle Kriege auf immer zu endigen suchte. (...) - Die Ausführbarkeit (objektive Realität) dieser Idee der Föderalität, die sich allmählich über alle Staaten erstrecken soll und so zum ewigen Frieden hinführt, läßt sich darstellen.“
Immanuel Kant, „Zum ewigen Frieden/Ein philosophischer Entwurf“, Zweiter Abschnitt/Die definitiv Artikel, 1795.

Zu den wesentlichen Zielen der nach Diktatur und Weltkrieg 1945 gegründeten UNO gehören der Gewaltverzicht, die Erhaltung des Weltfriedens, die Regelung von Streitfällen mit friedlichen Mitteln und die Entwicklung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Nationen auf der Grundlage der Gleichberechtigung.
Die Momente und Bedingungen des positiven Friedens sind hier als die Förderung der Menschenrechte und der wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Entwicklung sowie Zusammenarbeit gefaßt.
Foedus pacificum.

4) Der erfreuliche Ernstfall: Courage

„Ohne Zukunftsvision ist es schwierig, tragfähige Konzepte zu entwickeln, die über das Entscheiden auf case-to-case-Basis hinausgehen. Der Politik fehlt es an Rückgrat gegenüber den klar definierten Interessen der Wirtschaft und die Politiker neigen zu Wankelmütigkeit, um nicht zu sagen: zum Opportunismus.“
Juli Zeh, Nonstop Konsens, Süddeutsche Zeitung Magazin, Nr. 26, 30. Juni 2006, S. 17.

Auch ohne die sogenannte Miesmacherei läßt sich konstatieren, daß ein mehrzehnfacher potentieller atomarer Overkill und der jährliche Etat der EU-Staaten von 180 Milliarden Euro für Rüstung und Streitkräfte von besorgnisgebender Dimension sind. Die materielle Bedrohung wächst.
Auch die Subjekte der Wissenschaften können mehr und mehr ihren Beitrag zur Überwindung der Kluft zwischen Friedensnorm und Kriegspraxis leisten.


Zum Geleit XXII

Zur AS-Sitzung am 1. Juni 2006

Dringend vermeidbare Fehler
Oder: Das Richtige ist die Ablehnung des Falschen

1) Das Konkrete ist allgemein

„Die Möglichkeit
Liegt der Irrtum nur erst, wie ein Grundstein, unten im Boden,
Immer baut man darauf, nimmermehr kömmt er an Tag.“

Friedrich Schiller/Wolfgang Goethe, „Xenien“, Musen-Almanach 1797.

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Zinsen
„Gebühren“

2) Geschärfte Aufmerksamkeit

„Es ist mit dem Witz wie mit der Musik, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man.“ (220)
Georg Christoph Lichtenberg, "Einfälle und Bemerkungen", Heft D, 1773-1775.

Wolfgang Beuß (CDU), derzeitiger Vorsitzender des Wissenschaftsausschusses der hamburgischen Bürgerschaft, hat in der öffentlichen Anhörung des nämlichen Ausschusses zum sogenannten Studienfinanzierungsgesetz die Darlegungen der anwesenden Öffentlichkeit unterbrochen, weil ihm die Gründe gegen Studiengebühren nicht mehr erträglich waren. Ein Witz?
Die CDU steckt in einer veritablen Krise. Mehr davon. Mit allen Verfeinerungen. Der Rest mag eine Wende sein.

3) Dringend vermeidbare Fehler

„Wir legen uns erst ins Bett, bekommen dann die Grippe und stehen nur auf, wenn wir wirklich hohes Fieber haben: dann müssen wir dringend in die Stadt, um etwas zu erledigen.“
Kurt Tucholsky, „Rezepte gegen Grippe“, 1931.

Das heutige hohe bis höchste Fieber ist das sogenannte Börsenfieber. Es ist eine globale Erscheinung. Es basiert auf einem bestimmten wie bestimmbaren System von Fabriken und Banken und darauf, daß die Spekulation auf alle abstrakten Wert-Steigerungen dynamisch-rauschhaft praktiziert wird.
Die konkreten Folgen sind: Krieg, Elend und eine neue Designer-Uhr.
Der Reichtum von allen für alle ist die Heilung.

4) Die zu klärende Zuckererbsenfrage

„Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.“

Heinrich Heine, „Deutschland - Ein Wintermärchen“, Caput I, 1844.

Emanzipation?
Wir fürchten, das Ding läßt sich ganz und gar nicht kaufen!
Courage?
Wir nehmen an, Charakter läßt sich lernen.


Zum Geleit XXI

Zur AS-Sitzung am 11. Mai 2006

Aus dem Alltag heraus
Oder: Der geweitete Horizont

1) Erinnerung ist Zukunft

„Ein großes Muster weckt Nacheiferung
Und gibt dem Urteil höhere Gesetze.“

Friedrich Schiller, Prolog zum „Wallenstein“, gesprochen bei der Wiedereröffnung der Schaubühne in Weimar im Oktober 1798.

Nicht nur die „Klassiker“ aus bewegten und bewegenden Zeiten, in denen vieles entstand, was uns - verschüttet zwar - als selbstverständlich erscheint; nicht nur die Erinnerung aus besseren Zeiten, in denen alle mehr als minder erfreulich vorangekommen sind; nicht nur das Beibehaltene, sondern auch - manchmal - der unzufriedene Blick in den Spiegel ist ein untrüglicher Hinweis auf eine verärgernde Gegenwart und mithin bessere Zukunft. Der produktive Ärger speist sich aus dem Vergleich.

2) Das Wider-Gute
und das widerschlechte Gute

„Wenn der Mensch ›Loch‹ hört, bekommt er Assoziationen: manche denken an Zündloch, manche an Knopfloch und manche an Goebbels.“
Kurt Tucholsky, „Zur soziologischen Psychologie der Löcher“, 1931.

Die Propaganda der Unmenschlichkeit ist nicht zimperlich.
Bei allen gewichtigen Unterschieden der Gegenwart zu schlimmsten Zeiten, sind die Warnsignale aus der ungefesselten Barbarei Merkmale für das vernünftige Widerstehen. Geschichte - so oder so - ist nicht tot.
Krieg sei Frieden, autoritär sei demokratisch, asozial sei allgemein wohl, Konkurrenz sei natürlich. Wie schon gesagt: Die Propaganda der Unmenschlichkeit ist nicht zimperlich.
Die hier Widerstehenden sind gemeinsam vernünftig und kehren auf höherer Stufenleiter zu 1) zurück.

3) Worte

„Wie sagt man das? Was man nicht sagen kann, bleibt unerlöst - ›besprechen‹ hat eine tiefe Bedeutung.“
Kurt Tucholsky, „Mir fehlt ein Wort“, 1929.

Es heißt an schöner Stelle, daß ein Begriff bei dem Worte sein müsse.
Gespiegelt ähnlich viel gilt aber auch, daß ohne Worte keine Begriffe zu bilden sind.
Das bedachte Sprechen über Ungemach ist der Weg zu einem höheren Verständnis von Lösungen, Handlungsabsichten und das Verlassen der Isolation. Der erste entscheidende Schritt ist getan.
Worte sind so mehr als „nur“ Worte.

4) Taten

„Nur das geistige Gewissen hält Stand - wenn ein gefühls- und gewohnheitsmäßiges Pflichtgefühl schon längst nachläßt.“
Heinrich Mann, „Die Macht des Wortes“, 1935.

Pures und schlichtes Durchhalten ist nach und nach abgenutzt.
Das getriebene Mitmachen findet sich schleichend ein.
Der vermeintliche eigene Vorteil werkelt dauerhaft gnadenlos gegen die eigene Würde.
Ein wieder neues Bewußtsein für die eigene Verantwortung gibt die Freude aus der Gefangenschaft frei.


Zum Geleit XX

Zur AS-Sitzung am 13. April 2006

Neue Etappe
Oder: Kritische Vernunft ist immer richtig

1) Die Wahl

„Nun geht es weiter, nächste Episode! Fragt sich nur, in welche Richtung es weitergeht. Dies hängt von uns ab; an jedem Wendepunkt hat man die Wahl. (...)
Es wird ein Jahrhundert der beginnenden Welt-Zivilisation oder es wird das Jahrhundert der beginnenden Welt-Barbarei - wenn nicht schon gar der vollendeten. Der Zusammenbruch käme plötzlich und könnte kompletten, endgültigen Charakter haben. Die positive Entwicklung nimmt sich Zeit und bleibt unvollkommen.“

Klaus Mann, „Der Wendepunkt“, 1945, S. 509 ff.

Nach dem größten menschlichen Desaster von Diktatur, Massenvernichtung und Krieg waren die Erwartungen an Frieden, Demokratie, soziale Gerechtigkeit, Bildung, Kultur und die zivile Entwicklung der Völkergemeinschaft enorm. Diese Hoffnungen hat auch Klaus Mann dialektisch - das heißt auch warnend vor dem Gegenteil - appellativ formuliert.
Der Akademische Senat und die geladenen Teilnehmer und Teilnehmerinnen haben mit der universitären Veranstaltung zum 60 Jahrestag der Wiedergründung der Universität diesen Erwartungen und Hoffnungen würdig diskursiv Ausdruck gegeben.
Diese Maßstäbe sind alltagsrelevant.

2) Die Qual

„Ja, wie im Mittelalter alles, die einzelnen Bauwerke ebenso wie das ganze Staats- und Kirchenge­bäude, auf den Glauben an Blut beruhte, so beruhen alle unsere heutigen Institutionen auf den Glauben an Geld, auf wirkliches Geld. Jenes war Aberglauben, doch dieses ist der bare Egoismus. Ersteren zerstörte die Vernunft, letzteren wird das Gefühl zerstören. Die Grundlage der menschlichen Gesellschaft wird einst eine bessere sein, und alle Herzen Europas sind schmerzhaft beschäftigt, diese neue bessere Basis zu entdecken.“
Heinrich Heine, „Die romantische Schule/Drittes Buch“, 1835.

In der mit Macht betriebenen Ökonomisierung öffentlicher Institutionen mischen sich die Elemente des Aberglaubens, des Blutes und der heiligen Rangordnung mit denen des kühlen Kalküls utilitaristischer Rechenleistungen - Talare, Ehrfurchtsstaub und simpelste Betriebswirtschaft. Milchmädchen können dazu lachen.
Hier sind Verstand und Gefühl gefragt, eine neue bessere Basis zu entdecken und zu schaffen.

3) Die neue Legislatur

„Tui Hoo hatte keinen Respekt vor Denkmälern. Nicht etwa, weil sie feist waren und rotlackierte Fingernägel hatten - nein, Tui Hoo war kein Spießbürger, der sich über seinen Nachbarn aufregte, weil er einen komischen Hut trug. Er verkehrte häufig mit Damen, die Zigarren rauchten und heiser waren wie Gieskannen, oder mit Männern, die Ohrringe trugen und deren Hosenbeine weit waren wie Frauenkleider. Nein, kleinlich war Tui Hoo nicht.“
Wolfgang Borchert, „Tui Hoo“.

Nein, kleinlich ist die Arbeit und sind die Beschlüsse des Akademischen Senats (AS) nicht.
Die Grundordnung setzt auf den kooperativen Zusammenhang der Universität sowie die (so weit in den mißbilligenswerten Bedingungen möglich) demokratische Partizipation der Uni-Mitglieder.
Der AS lehnt Studiengebühren ab und artikuliert den Anspruch der sozialen Offenheit des Studiums.
Die wissenschaftliche Freiheit in gesellschaftlicher Verantwortung ist eine wesentliche Aussage des „Leitbildes“ der Universität; dieses schließt das Engagement für eine friedliche Welt ein.
Die aktuelle Arbeitsperiode fußt auf diesen zu verwirklichenden Grundsätzen und Absichten.
Es fehlt nur noch ein bißchen Wind. Wasser unter dem Kiel ist vorhanden.

4)

„›Das Gesetz in seiner erhabenen Gleichheit verbietet Armen und Reichen, unter Brücken zu schlafen‹ - sagt Anatole France.“
Kurt Tucholsky, Handelsteil, 1929.

Die Anteilnahme bringt die Unzufriedenheit auf die richtige Bahn.


Zum Geleit XIX

Zur AS-Sitzung am 9. März 2006

Mit Respekt, eine Würdigung.

„Und die Leute werden uns schon verstehen, wenn wir ihnen sagen, daß sie in der Folge alle Tage Rindfleisch statt Kartoffeln essen sollen und weniger arbeiten und mehr tanzen werden. - Verlassen Sie sich darauf, die Menschen sind keine Esel. - “
Heinrich Heine an Heinrich Laube; Paris, den 10. Julius 1833.

Liebe Mitwirkende im Akademischen Senat,

manchmal ist es sehr sinnvoll, innezuhalten.
Die zwei, die wir besonders meinen, fühlen sich sicher angesprochen.
Alle anderen sind selbstverständlich mitzuklingen mitgemeint.

Wider den rauh über die Ufer gestiegenen Hauptstrom, der wertvolle Kulturen lieblos überschwemmt, haben Sie die eigenen Wurzeln der Humanität, an denen häufig häßlich gezerrt wurde, niemals geleugnet.
Von diesem Grunde aus wirken unbedingte Demokraten mit einem untrüglichen sozialen Gewissen und einem ausgeprägten Sinn für einen fairen, hilfreichen Alltag.
Wissenschaft ist Ihnen die eigene systematische Erkenntnisfreude, die fördernde Vermittlung an die Mitmenschen, das Engagement für die akademische Institution sowie die entsprechende Verant­wortung für die soziale Gesellung. Sprache bedeutet in diesem Zusammenhang Wahrheitsfindung, bewegende Mitteilung und Kunstgenuß. Hie und da ist Verschmitztes mit im Spiel.
In dieser Weise figuriert der Mensch als vitales Wesen mit gemeinschaftlichem Sinn und kultivierter Seele.
Dieses Engagement über Jahrzehnte ist in Gold nicht zu wiegen, auch wenn drumherum mit absurden Verrenkungen unter lauten Klängen (Krach) das symbolisch geformte Edelmetall umrundet wird.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist erfolgreich zu wünschen, daß Sie der Universität weiterhin freundlich und tatenreich verbunden bleiben.
Mit diesen Worten sind zwei erfreulich unterschiedliche Menschen gleich gemacht.
Wir hoffen, Sie sehen uns dies gütig nach.
Wir möchten, Ihnen, Herr Delmas und Herr Hartmann, danken.


Zum Geleit XVIII

Zur AS-Sitzung am 9. Februar 2006

Masse ist Klasse

1) Alltäglich offenen Sinnes

„Ich komme vom Christkindelsmarkt: überall Haufen zerlumpter, Kinder, die mit aufgerissenen Augen und traurigen Gesichtern vor den Herrlichkeiten aus Wasser und Mehl, Dreck und Goldpapier standen. Der Gedanke, daß für die meisten Menschen auch die armseligsten Genüsse und Freuden unerreichbare Kostbarkeiten sind, machte mich sehr bitter.“
Georg Büchner, Brief an die Familie; Straßburg, den 1. Januar 1836.

Armut ist kein Naturphänomen. Hier waltet kein großer Hugo, sondern gemeinschaftliches Menschenwerk, änderungswürdig. Wer von der „unsichtbaren Hand des Marktes“ spricht, hat Gründe dafür, die widerlegbar sind. Wissen schaffen setzt voraus, nicht wegzuschauen. Arzt und Patient sollten dieselben Anliegen vertreten. Hoher Genuß ist das Fehlen von Armut. Dann kommt alles andere. Später mehr davon.

2) Verdrängung ist Murks

„Nehmen Sie es als Dichterutopie,- aber alles in allem ist der Gedanke nicht unsinnig, daß die Auflösung der großen Angst und des großen Hasses, ihre Überwindung durch Herstellung eines ironisch-künstlerischen und dabei nicht notwendigerweise unfrommen Verhältnisses zum Unbewußten einst als der menschheitliche Heileffekt dieser Wissenschaft angesprochen werden könnte.“
Thomas Mann, „Freud und die Zukunft“, 8. Mai 1936.

Die Verdrängungen - die vermiedenen Möglichkeiten - sind Folge der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Die Gebote zur Vermeidung eigener und gemeinsamer Vermenschlichung werden aus der undurchschauten Angst vor persönlichem Wertverlust nach herrschenden Maßstäben stets bänglich befolgt. Das ist das Gegenteil von „Größe“. Werden die engenden Maßstäbe hinterfragt, gelingt die Befreiung. Unwissenheit und Haß sind schlechte Ratgeber.

3) Nein; ja, aber; ja?

„Die SPD hatte Wichtigeres zu tun; wenn in Deutschland ein Unheil im Anzug ist, dann steht die Bonzokratie dieser Partei da und setzt durch, daß im § 8 des Unheils statt »muß« die Worte »soll nach Möglichkeit« stehen. Es sind wackere Parlamentarier.“
Kurt Tucholsky, „Die Keuschheitsgürteltiere“, 1930.

Demokratie ist die begründete bzw. überzeugende Verwirklichung des entwickelt humanen Nutzens.
Nützlich ist: Heiterkeit durch allgemeine Wohlfahrt.
Wer daran teilnimmt, nennt sich Mensch.

4) Das Gegenteil der Verneinung

„Die noch keine Kugel haben sausen hören, sagen:
Es ist schön, zu schießen. Das soll bedeuten, wenn sie
Einmal die Kugeln sausen hören, werden sie
Immer noch sagen: Krieg
Ist schön?“

Bertolt Brecht, „Die Jugend und das Dritte Reich“, Svendborger Gedichte 1939.

Die notwendige Beseitigung der Maschinerie, die dem Zweck der puren Zerstörung - Verneinung - dient, wächst zur Größe einer unumgänglichen Verantwortung und Aufgabe.
Die Vernunft erhält damit Sinn und Ziel.
Nur die Mehrheit ist dieser Verschrottung der Selbst-Negierung gewachsen. Die meisten zu erreichen und zu bewegen, sei Anliegen der einzelnen. Wissenschaft mag Teil der Mehrheitsbildung sein.
Masse ist Klasse.


Zum Geleit XVII

Zur AS-Sitzung am 19. Januar 2006

Wer sich umdreht oder gar lacht ...

1) Was ist eigentlich Erkenntnis?

„Was bin ich? Was soll ich tun? Was kann ich glauben und hoffen? Hierauf reduziert sich alles in der Philosophie. Es wäre zu wünschen, man könnte mehr Dinge so simplifizieren; wenigstens sollte man versuchen, ob man nicht alles, was man in einer Schrift zu traktieren gedenkt, gleich anfangs so entwerfen könnte.“ (81)
Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), „Einfälle und Bemerkungen“, „Vermischte Schriften“.

Der Mensch schafft am besten sich selbst, indem er gegen rückwirkende Widerstände zivilisierend für eine höhere Kultur der Gemeinschaft kämpft. Dies tätig zu erkennen, ist wissen und hoffen in einem. Die grundlegende Rivalität zwischen Einengung und Entfaltung ist nicht entschieden. Der Sinn des Guten steht auf der richtigen Seite.
Wer traut sich, das einfache Wahre zu Ausdruck zu bringen?

2) Über den falschen Umgang mit Drohungen

„Erste Frage: Halten Sie es für richtig, daß der Mensch nur zwei Arme, zwei Beine, Augen und Ohren hat?
Hier erntete ich zum ersten Male die Früchte meiner Nachdenklichkeit und schrieb ohne Zögern hin: ›Selbst vier Arme, Beine, Ohren würden meinem Tatendrang nicht genügen. Die Ausstattung des Menschen ist kümmerlich.‹
Zweite Frage: Wieviel Telefone können Sie gleichzeitig bedienen?
Auch hier war die Antwort so leicht wie die Lösung einer Gleichung ersten Grades. ›Wenn es nur sieben Telefone sind‹, schrieb ich, ›werde ich ungeduldig, erst bei neun fühle ich mich vollkommen ausgelastet.‹
Dritte Frage: Was machen Sie nach Feierabend?
Meine Antwort: ›Ich kenne das Wort Feierabend nicht mehr - an meinem fünfzehnten Geburtstag strich ich es aus meinem Vokabular, denn am Anfang war die Tat.‹“

Heinrich Böll, „Es wird etwas geschehen/Eine handlungsstarke Geschichte“, 1954.

Selbst der findig vorauseilende Gehorsam ist ein vermeidbares Schwerübel und hat bislang häufig viel Schaden angerichtet. Auf falschem Einverständnis sind schon fatale Reiche aufgebaut worden. Die Satire ist ein möglicher Modus notwendiger Distanz. Durch die geschaffene Entfernung zu den restriktiven Geboten entsteht die freundliche Nähe zur Vernunft.
Wer verbietet sich befreiende Heiterkeit?

3) Erinnern für die Zukunft

„Der Staat selbst ist niemals Zweck, er ist nur wichtig als eine Bedingung, unter welcher der Zweck der Menschheit erfüllt werden kann, und der Zweck der Menschheit ist kein anderer, als der Ausbildung aller Kräfte des Menschen, Fortschreitung. Hindert eine Staatsverfassung, daß alle Kräfte, die im Menschen liegen, sich entwickeln; hindert sie die Fortschreitung des Geistes, so ist sie verwerflich und schädlich, sie mag übrigens noch so durchdacht und ihrer Art noch so vollkommen sein.“
Flugblatt der „Weißen Rose“.

Sogenannte Sachzwänge haben nur Bestand durch ihre gedankliche Verdopplung, die die Handelnden zu Sklaven ihrer irrigen Auffassungen macht. Alle Irrenden halten sich dabei für originell. Der lachende Dritte dabei ist der Despot Mammon, der Vater des Krieges.
Die Quelle des Friedens ist der praktische Wille zur Erleichterung der menschlichen Existenz. Mehrheiten sind gewinnbar.
Wer hat den Mut zum eigentlichen Ernstfall?

4) Über den zuträglichen Umgang mit Drohungen

„Der Gedanke, den wir gedacht, ist eine solche Seele, und er läßt uns keine Ruhe, bis wir ihm seinen Leib gegeben, bis wir ihn zur sinnlichen Erscheinung gefördert. Und wunderbar! der Mensch, wie der Gott der Bibel, braucht nur seinen Gedanken auszusprechen, und es gestaltet sich die Welt, es wird Licht oder es wird Finsternis, die Wasser sondern sich von dem Festland, oder gar wilde Bestien kommen zum Vorschein. Die Welt ist die Signatur des Wortes.“
Heinrich Heine, „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“/Drittes Buch, 1852.

Geist und Tat bilden eine unumstößliche Einheit, wenn der gedankliche Mut zur Tat der Verbreitung von folgenreichen Einsichten wider die raunenden Zweifel gefaßt ist.
Die Verwandten im Geiste werden sich praktisch einstellen. Wer sich Gedankenfreiheit nimmt, wird sie auch anderen geben. Das Verfahren wird Verbreitung finden. Kecke Weise haben einst bemerkt, daß die Träger von richtigen Einsichten schwerlich aufzuhalten seien.
Sind hier Verlustängste angebracht?


Zum Geleit XVI

Zur AS-Sitzung am 15. Dezember 2005

Kontraste

oder:

Der Mut zur Alternative

0) Die Philosophie des Gegensatzes

„Vorsicht bei der Verwahrung von Erfahrungen Me-ti sagte: Man kann sich zu Verallgemeinerungen erheben wie der Vogel, der den Boden flieht, weil er zu heiß geworden ist, und wie der Sperber, der die Höhe aufsucht, um das Kaninchen zu erspähen, auf das er sich stürzen will.“
Bertolt Brecht, „Me-ti/Buch der Wendungen“.

Der Ausgangspunkt für den Menschen ist stets die Erde, das heißt der Mensch. Dahin ist immer wieder zurückzufinden. Irrungen und Wirrungen sind nicht auszuschließen.
Schon in Erwartung heißen Grundes suchen manche das Weite.
Manche treten auf der Stelle und warnen vor den Gefahren.
Andere wiederum schicken andere vor.
Vierte bezeichnen sich als besonders, indem sie rückwärts gehen.
Denken hingegen stellt sich Schwierigkeiten: Philosophie hat, wer nach Alternativen sucht. (Fundstücke sind am besten als Allgemeingut zu verwenden.)

1) Die Geschichte, ein Schnäppchenmarkt?

„Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Die nationalsozialistische Ideologie berief sich auf das Recht des Stärkeren. Dies hat zu einer menschenverachtenden Behandlung der sogenannten Schwächeren geführt. Im Reflex auf diese verwerfliche Politik erleben wir bis heute, dass allein das Berufen auf das ›schwach sein‹ moralische und politische Ansprüche auslöst, die einer Überprüfung nicht immer Stand halten.“(...) „Aber alles, was darüber (»Hilfe für die Schwachen«/»Grundsicherung«) hinaus geht, soll doch bitte der Entscheidungsfreiheit des Einzelnen und dem Markt unterliegen; soll vertraglich geregelt sein und nicht mehr der politischen Beliebigkeit unterliegen.“
Ole v. Beust, Rede vor dem Überseeclub (Sept. 2003)

Kritisches Geschichtsbewußtsein sei ein „Reflex“.
Verträge sollen das Minimum regeln. Gelobt wird, was „stark“ ist: große Geschäfte, Konkurrenz, Deklassierung, Kurzfristigkeit. Zäh wie gebratene Schuhsohle. Hart wie Glaubensdogmen. Flink wie Wackeldakkel. Humane Lernergebnisse werden hartnäckig verdrängt. Der Krieg ist hierin natürlich erscheinend enthalten.
Gesundheit, Bildung und Kultur werden achtlos auf den Markt geworfen. Hier sollen sich dann alle raufen. Das ist die wahre Bedeutung der Ware "Freiheit". Die Vermeidung des allgemein Nützlichen bestimmt das politische Programm.

2) Der Realismus sogenannter Träume

„Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.
Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.“

Heinrich Heine, „Deutschland ein Wintermärchen“, 1844.

Daß der soziale Reichtum in den Händen einiger weniger am besten aufgehoben sei – je mehr, desto besser für alle –, gehört zur alltäglichen Märchenstunde.
Die engagierte Dichtung wußte seit jeher schon mehr von der Wahrheit.
Wurde (auch sie) ernst genommen, ist die Menschheit weiter gekommen.
Wenn wir Heine feiern und gedenken, sollten wir gewahr sein, daß Schönheit nicht zuletzt die Freiheit von Elend bedeutet.

Nachsatz als Vorsatz:

Der aufrechte Gang war und ist evolutions- bzw. kulturgeschichtlich ein bedeutender Sprung in der Entwicklung der Lebewesen; in der Fortbewegung ist ab und zu daran zu erinnern.


Zum Geleit XV

Zur AS-Sitzung am 27. Oktober 2005

Der Senator Kusch übt sich in expliziter sowie dezidierter Menschenverachtung. Sein Votum für „aktive Sterbehilfe“ ist typisch für den politischen Senat. Soll man sich allem ergeben? Eine neue, widerständige Alltags-Kultur ist gefordert. „Der Wahrheit und Humanität verpflichtet“ beschließt der AS eine Resolution anläßlich des 60. Jahrestags der Befreiung vom Faschismus und der Universitätswiedereröffnung, die sich im November jährt.

Wie bitte?

1) Legalisierter Fatalismus?

„Dem Geld erweisen die Menschen Ehren.
Das Geld wird über Gott gestellt.
Willst du deinem Feind die Ruhe im Grab verwehren
Schreibe auf seinen Stein: Hier ruht Geld.“

Bertolt Brecht, „Vom Geld“, Gedichte 1927-1930.

Herr Kusch, der spezielle Senator für Gefängnisse, will ethische Dämme brechen. Kaltes Kostenkalkül soll Leben vorzeitig beenden.
Das christliche Gebot der Nächstenliebe, die einhakende Kollegialität, die intellektuelle Sensitivität der Fairneß, schon gar der egalitäre Impetus der Solidarität - alles ein Pofel.
Er hat Widerspruch geerntet. Dieser wächst nach.

2) Erinnernde Negation der Destruktivität

„Nein, dafür nicht. Nein, dafür sind die Toten nicht tot: Daß die Überlebenden weiter in ihren guten Stuben leben und immer wieder neue und dieselben guten Stuben mit Rekrutenfotos und Hindenburgportraits.
Nein, dafür nicht.“

Wolfgang Borchert, „Das ist unser Manifest“.

Aus schlechtesten Zeiten, die besser hätten sein können, wissen wir, daß sie nie wieder kommen dürfen. Hier stehen reichhaltige Erfahrungen zur Verfügung.
Frieden ist die permanente Anwesenheit von Zivilität.
Literatur bildet die höhere Aufmerksamkeit für überwindenswerte Ungereimtheiten.

3) Sinnschaffung

„Wie jeder Anlaß mich verklagt und spornt
Die träge Rache an! Was ist der Mensch,
Wenn seiner Zeit Gewinn, sein höchstes Gut
Nur Schlaf und Essen ist? Ein Vieh, nichts weiter.
Gewiß, der uns mit solcher Denkkraft schuf,
Voraus zu schaun und rückwärts, gab uns nicht
Die Fähigkeit und göttliche Vernunft,
Um ungebraucht in uns zu schimmeln.“

William Shakespeare, „Hamlet“ (1601), derselbe im Vierten Aufzug/vierte Szene.

Tempo. Und dann? Die Trägheit als Kontrapunkt falschen, hetzenden Bemühens?
Die Ökonomie gibt den Takt. Das Recht schnürt den Leib. Der Apologet sagt: alternativlos. Der Supermarkt hat Likör.
Hingegen stellt der Gebrach des garstigen Verstandes das Mensch-Sein wieder auf die Füße.

4) Würdige Haltung

„Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken. Und damit wach’ ich auf ...“
Thomas Mann, „Zauberberg“, 1924.

Der Schlaf der Vernunft produziert Ungeheuer.
Aus dem Albtraum erwacht, besteht die eigenverantwortliche Möglichkeit, sich wieder aufzurichten.
Die Vernunft hat neue Nahrung durch ihr Gegenteil. Der Mensch schafft am besten sich selbst, indem er nicht hinnimmt.
Es geht den meisten anderen sehr ähnlich.


Zum Geleit XIV

Zur AS-Sitzung am 22. September 2005

Weiterhin ist umstritten, wie notwendig die historisch und gesellschaftspolitisch bewußte Einordnung der konkreten hochschulpolitischen Entscheidungen des AS erörtert werden muß. Wir streiten für einsichtige Bezugnahme gegen die verkaufsträchtige Erscheinung im Gegeneinander. Der AS spricht sich für die Verbesserung der sozialen Lage der Studierenden und der Studienberatung aus und macht dafür konkrete Vorschläge. Umstritten ist nach wie vor auch die Berechtigung rein unternehmerisch orientierter Aufbaustudiengänge. Deshalb:

Schön ist, was Einsichten schafft

0) Ausschluß?

Im Akademischen Senat tauchte der Zweifel auf, ob Thema und Fragen der Ästhetik etwas in diesem Gremium zu suchen hätten, also richtig plaziert seien. Abgesehen davon, daß dem Senat, dem akademischen, in jedem Fall mehr Schönheit gut zu Gesichte stünde, gilt das Maß des Schönen auch dann, wenn es einseitig grimmig negiert wird.

1) Abwehrhaltung

„Der Widerstand
Aristokratisch gesinnt ist mancher Glehrte; denn gleich ist’s,
Ob man auf Helm und Schild oder auf Meinungen ruht.“

Johann W. v. Goethe, Lyrische Dichtungen, Weimar 1794-1797.

Sicherheit scheint der mainstream zu schaffen. Man fließt mit großen trägen Massen mächtig und gelassen - stets unterkühlt – dahin. Von den kommenden Stromschnellen ist keine Ahnung. Der stürzende Fall der Massen ist nicht im Sinn. Warnende, entgegenschwimmend und rufend am Ufer, sind den Mit-Strömenden lästig.
Kommt Korrektur vor dem Fall?

2) Widerspruch der Zeit

„Von Natur neige ich mich zu einem gewissen Dolce far niente, und ich lagere mich gern auf blumigen Rasen und betrachte dann die ruhigen Züge der Wolken und ergötze mich an ihrer Beleuchtung; doch der Zufall wollte, daß ich aus dieser gemächlichen Träumerei sehr oft durch harte Rippenstöße des Schicksals geweckt wurde, ich mußte gezwungenerweise teilnehmen an den Schmerzen und Kämpfen der Zeit, und ehrlich war dann meine Teilnahme, und ich schlug mich trotz den Tapfersten ...“
Heinrich Heine, „Über die französische Bühne. Vertraute Briefe an August Lewald“, Neunter Brief, 1838.

Nicht ohne hohen materiellen sowie psychischen Aufwand, nicht ohne die dynamischen Gefahren des normalen Lebens läßt es sich allzu lange auf dem Zauberberg verweilen. Die Kämpfe der Zeit finden immer statt. Krieg oder Frieden ist eine unausweichliche Alternative, die sich nicht im Liegestuhl entscheiden läßt. Je mehr den Balkon verlassen, desto günstiger für die bessere Seite; desto heiterer ihre Verwirklichung.

3) Sinn des Gedankens und der Kunst

„Nein: weder die Künstler noch ihre Historiker können von der Schuld an unseren Zuständen freigesprochen werden, noch entbunden von der Verpflichtung, an der Änderung der Zustände zu arbeiten.“
Bertolt Brecht, „Über die Notwendigkeit von Kunst in unserer Zeit“, Dezember 1930.

Die barbarischen Extreme menschlicher Erfahrung lehren (potentiell) die strikte Ablehnung des Unmenschlichen, die frühe Vermeidung des Schlimmsten, die Wendung zum Besseren, die Verantwortung Aller, die Möglichkeiten der notwendigen Zwistüberschreitung – das Schöne gemeinsamer humaner Wirksamkeit.
Hier sollte nichts velwechsert welden.

4) Wahrheit als Schönheit

„Ich kenne keinen blendenden Stil, der seinen Glanz nicht von der Wahrheit mehr oder weniger entlehnet. Wahrheit allein gibt echten Glanz und muß auch bei Spötterei und Posse, wenigstens als Folie, unterliegen.“
Gotthold Ephraim Lessing, „Anti-Goeze/Zweiter“, 1778.

Der Lüge Lack überdauert nur einen Regenschauer, Kollege Rost nagt genüßlich auch bei Sonnenschein.
Guter Lack hingegen hat ebenso eine sichere Grundierung. Gefahren perlen schnell zu Boden. Auch wenn sie Schatten hinterlassen, lassen sie sich leicht abwischen.
Glänzender Spott hat immer ein Ziel – die bewegende Erkenntnis.


Zum Geleit XIII

Zur AS-Sitzung am 25. August 2005

Die Befürworter der Hörigkeit gegenüber politischen und kulturellen „Autoritäten“ im Akademischen Senat bekommen ein klares Contra. Kritisch diskutiert wird der präsidiale Jahresbericht über das Ringen der Universität mit den merkantilen Tauschwertanforderungen an Wissenschaft und Mensch, die den Nutzen dieser humanen Bildungseinrichtung in Frage stellen. Es stehen sich „Performance“ und aufgeklärt kooperative Menschlichkeit gegenüber. Anläßlich des 60. Jahrestags der befreiten Wiedereröffnung der Universität wird sich auf eine gegenwartsbezogene Festveranstaltung verständigt. Die entschiedene Umsetzung positiver AS-Beschlüsse wird aber weiter mehrheitlich gemieden.

Autoritäten?
oder
Wer fürchtet sich vor Herausforderungen?

0) Bezugnahme

„Eine aristokratische Haltung
Herr Keuner sagte: ›Auch ich habe einmal eine aristokratische Haltung (ihr wißt: grade, aufrecht und stolz, den Kopf zurückgeworfen) eingenommen. Ich stand nämlich in einem steigenden Wasser. Da es mir bis zum Kinn ging, nahm ich diese Haltung ein.‹“

Bertolt Brecht, „Geschichten vom Herrn Keuner“.

Die Bezugnahme zur Welt ist immer eine konkrete Verhaltensweise zu anderen Menschen. Die verspannte Neigung, „die Sonstigen“ im Akademischen Senat als nachrangig zu betrachten sowie
zu behandeln, hat zugenommen.
Wem steht das Wasser bis zum Kinn?

1) Untertanen als Autoritäten?

„Die Macht, die über uns hingeht und deren Hufe wir küssen! Die über Hunger, Trotz und Hohn hingeht! Gegen die wir nichts können, weil wir alle sie lieben! Die wir im Blut haben, weil wir die Unterwerfung darin haben! Ein Atom sind wir von ihr, ein verschwindendes Molekül von etwas, das sie ausgespuckt hat! Jeder einzelne ein Nichts, steigen wir in gegliederten Massen als Neuteutonen, als Militär, Beamtentum, Kirche und Wissenschaft, als Wirtschaftsorganisation und Machtverbände kegelförmig hinan, bis dort oben, wo sie selbst steht, steinern und blitzend! Leben in ihr, haben teil an ihr, unerbittlich gegen die, die ihr ferner sind, und triumphierend, noch wenn sie uns zerschmettert: denn so rechtfertigt sie unsere Liebe!“
Heinrich Mann, „Der Untertan“, 1918.

Dem ist an vertiefender Kritik nichts hinzuzufügen.
Die Aktualität besteht in der verschärften Gliederung des Sozialen.
Es bleibt nur die Frage: Wer widersteht?

2) Schwarze Pädagogik

„Nach so vielen furchtbaren Gewalten, denen man unterworfen war, nach den Märchenkröten, dem Vater, dem lieben Gott, dem Burggespenst und der Polizei, nach dem Schornsteinfeger, der einen durch den ganzen Schlot schleifen konnte, bis man auch ein schwarzer Mann war, und dem Doktor, der einen im Hals pinseln durfte und schütteln, wenn man schrie – nach allen diesen Gewalten geriet nun Diederich unter eine noch furchtbarere, den Menschen auf einmal ganz verschlingende: die Schule.“
Heinrich Mann, a.a.O.

Gegen das Schwarze der Furcht gelte - alle Unkenrufe wider das Erkennen und Zeichnen von Kontrasten beiseite gelassen – das Helle der Erkenntnis, die heitere Einsicht in die Handlungsmöglichkeiten humaner Gestaltung. Die Verwandtschaft in der Lage, die Arbeit an der erweitert en Vernunft, das Geltenmachen von rationalen Maßstäben, das Erwirken von Verbesserungen der Bedingungen macht die Einzelnen allgemein bedeutungsvoller und gleicher in der speziellen gegenseitigen Wertschätzung.

3) Der Wert des Unbezahlbaren

„Nach den Gesetzen des Marktes wird ein Gut umso teurer, je knapper es ist. Doch den Wert des Wassers wirklich zu schätzen wissen und einen Marktpreis für Wasser festzusetzen sind zweierlei Dinge. Keiner weiß Wasser mehr zu schätzen als eine Dorfbewohnerin, die zum Wasserholen meilenweit gehen muss. Keiner schätzt es geringer als ein Städter, der dafür bezahlt, den Hahn aufdrehen zu können, um das Wasser endlos fließen zu lassen.“
Arundhati Roy, „Die Politik der Macht / Rumpelstilzchens Reinkarnation“ in: „Die Politik der Macht“, 2002, S. 166

Wenn der Mensch nach dem Maß einer Ware bemessen wird, ist er nicht viel wert. (Manche werden erst gar nicht taxiert!)
Wer den Menschen nach dem Maß einer Ware bemißt, hält von seinen Mitmenschen in der Regel nicht viel und erhält seinen formalen Rang aus der Position des entwürdigenden Bewertens. Wertvoll ist dagegen das Nützliche, das Gebräuchliche, der kulturelle Genuß, die produktive Kooperation und wer sich daran beteiligt.
Das alles ist schwer auszupreisen.

4) Schicksal?

„Resigniert wollte ich wieder in meinen Stumpfsinn zurückfallen, da durchfuhr es mich wie ein Blitz mit grauenhafter Beklemmung: Hatte die Fliege nicht eben gegrinst und mir mit ihrem blödsinnigen Kopf nachsichtig zugenickt? Gerade wollte ich ihr meinen Stiefel mitten in das höhnische Gesicht schleudern, da sprach sie mich an – mit einer etwas dünnen und sehr sachlichen Stimme, der aber doch eine gewisse Lebensweisheit nicht fehlte –, sie erinnerte mich an meinen alten Religionslehrer. Siehst du, sagte sie, du wolltest mein Schicksal sein und jetzt bin ich dir entwischt, du Dummkopf? Man muß nämlich über seinem Schicksal stehen, wenn es auch nur wenige Zentimeter sind, gerade so viel, daß es einen nicht mehr erreicht und in die Tiefe reißen kann. Begreifst du das?–“
Wolfgang Borchert, „Ching Ling, die Fliege“.

Das Gegebene kommt nur über uns, wenn wir es dulden.
Die Duldung wird legitimiert durch die Aussichtslosigkeit.
Die Aussichtslosigkeit entsteht durch die Überschätzung des pur Individuellen.
Die eigene Begrenzung mindert die Bedeutung der sozialen Verwandtschaft mit anderen.
Der Zirkel kann durch einfache Maßnahmen durchbrochen werden.
Der erste Schritt betritt einen anderen Weg.
Heiterkeit ist hier sehr hilfreich.


Zum Geleit XII

Zur AS-Sitzung am 30. Juni 2005

Vorsichtig wird sich der BA/MA-Probleme angenommen: Der AS kritisiert die Bedingungen der Einführung dieser Studiengänge und fordert von der Wissenschaftsbehörde bessere Finanzierung für die Umstellung der Studiensysteme. Für die Vorbereitungen zur Wahl des neuen Uni-Präsidenten (2006) votiert eine knappe Mehrheit gegen einen Kriterienkatalog, der Demokratie, soziale Offenheit und gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaften als Auswahlmerkmale verbindlich machen sollte. Er soll dennoch in die Arbeit der Findungskommission (in Kooperation mit dem senatsgewollten Hochschulrat) Eingang finden. Aber, wer mit dem Teufel ißt ...

Das Lob der Torheit ist die Grundtorheit der Epoche

1) Der kalkulierte Betrug

„Mephistopheles (in Fausts langem Kleide):
Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhöchste Kraft,
Laß nur in Blend- und Zauberwerken
Dich von dem Lügengeist bestärken,
So hab’ ich dich schon unbedingt –
Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben,
Der ungebändigt immer vorwärts dringt
Und dessen übereiltes Streben
Der Erde Freuden überspringt.
Den schlepp’ ich durch das wilde Leben,
Durch flache Unbedeutenheit,
Er soll mir zappeln, starren, kleben,
Und seiner Unersättlichkeit
Soll Speis’ und Trank vor gier’gen Lippen schweben;
Und hätt’ er sich auch nicht dem Teufel übergeben,
Er müßte doch zugrunde gehn!
(Ein Schüler tritt auf)“

Johann Wolfgang v. Goethe, „Faust 1“, 1808.

Was ist geschehen?
Der Teufel schlüpft diabolisch in die Rolle des Gelehrten, um dem Schüler jegliche Lust an der Wissenschaft auszutreiben. Die kategoriale Erforschung der Welt sei Last, Leid und Qual – und führe zu nichts. So nimmt der Schüler Abstand davon zu lernen. Luzifer hat bravourös gewonnen und triumphiert.
Des Lebens Genuß und der Menschengesellschaft Erkenntnis wurden gegensätzlich getrennt. Der nihilistische Sieg besteht in der gelungenen Täuschung.

2) Käuflich oder wissend

„Kein gerechterer Beurteiler fremden Verdiensts als der philosophische Kopf. Scharfsichtig und erfinderisch genug, um jede Tätigkeit zu nutzen, ist er auch billig genug, den Urheber auch der kleinsten zu ehren. Für ihn arbeiten alle Köpfe – alle Köpfe arbeiten gegen den Brotgelehrten. Jener weiß alles, was um ihn geschiehet und gedacht wird, in sein Eigentum zu verwandeln – zwischen den denkenden Köpfen gilt eine innige Gemeinschaft aller Güter des Geistes; was einer im Reiche der Wahrheit erwirbt, hat er allen erworben. – Der Brotgelehrte verzäunet sich gegen alle seine Nachbarn, denen er neidisch Licht und Sonne mißgönnt, und bewacht mit Sorge die baufällige Schranke, die ihn nur schwach gegen die siegende Vernunft verteidigt.“
Friedrich Schiller, „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“, 1789.

Was ist abzulehnen?
Brot ist Lohn, Lohn ist Anerkennung, Anerkennung ist Käuflichkeit, Käuflichkeit ist Oberfläche, Oberfläche ist Kälte, Kälte ist Angst, Angst ist Neid, Neid ist dumm. Also: Brot ist dumm.
Und: Knien macht häßlich.

3) Der gute Ton

„Die Esel und die Nachtigallen
Es gibt der Esel, welche wollen,
Daß Nachtigallen hin und her
Des Müllers Säcke tragen sollen.
Ob recht? fällt mir zu sagen schwer.
Das weiß ich: Nachtigallen wollen
Nicht, daß die Esel singen sollen.“

Gottfried August Bürger, 1789.

Wer macht die Musik?
Esel sind von ihrer Natur her heiser.
Der Mensch trifft den Ton nach gereifter Überlegung. Die Nachtigallen können dann die Säcke tragen.
Zum guten Ton gehören: die Ablehnung militärischer Handlungen, die nützliche Arbeit für alle, die Freiheit von Elend als Würde des Menschen, die bestimmende Teilhabe von informierten Mehrheiten, die nahe gelegte Freude an der Kunst, die Aufklärung als gemeinschaftliche Angelegenheit, die in Gesundheitshäuser umbenannten Krankenanstalten, der lachende Hinweis auf den nackten Kaiser.
Ein Tor, wer Schlechtes dabei denkt.


Zum Geleit XI

Zur AS-Sitzung am 09. Juni 2005

Nun sind aus der neu gefestigten Erkenntnis gemeinsamer humaner Anliegen für den AS Schlußfolgerungen zu ziehen. Insbesondere die nahende Einführung von restriktiven Bachelor- und Masterstudiengängen erfordert den Mut zur widerständigen Kreativität gegenüber dem politischen Senat, will man sich nicht an der Entwissenschaftlichung des Studiums und gesteigerten Gängelung der Studierenden beteiligen; aber die notwendige Courage wird zunächst weiter verweigert:

Wie soll das alles nur weitergehen?

0) Vermaledeite Zustände

„Die Ideen darüber, wie man die neuen Produktionsmöglichkeiten nutzen könnte, sind nicht sehr entwickelt worden seit den Tagen, als das Pferd tun mußte, was der Mensch nicht konnte. Denken Sie nicht, daß in so mißlicher Lage jede neue Idee sorgfältig und frei untersucht werden sollte? Die Kunst kann solche Ideen klarer und sogar edler machen.“
Bertolt Brecht, „Anrede an den Kongreßausschuß zur Untersuchung unamerikanischer Betätigungen“, 1947.

Die Höhe der Zivilisation ist fragil. Auf der einen Seite: Moderne Produktionsanlagen, Bach-Konzerte, erkleckliche Reste von Sozialversicherungen, glitzernde Fassaden und die Möglichkeit allgemeiner Wohlfahrt. Auf der anderen Seite: Stummes Elend, laute Verzweiflung, tiefe Gräben – in den Schluchten der Großstädte und zwischen den Kontinenten.
Was muß untersucht werden?

1) Zukunft: Die umfassende Verneinung des Krieges

„Alle Leute haben eine Nähmaschine, ein Radio, einen Eisschrank und ein Telefon. Was machen wir nun? fragte der Fabrikbesitzer.
Bomben, sagte der Erfinder.
Krieg, sagte der General.
Wenn es denn gar nicht anders geht, sagte der Fabrikbesitzer.“

Wolfgang Borchert, „Lesebuchgeschichten“.

Es geht anders, sagen die Menschen.
Wir geben Gründe, erklären die Wissenden.
Wir liefern, Bilder, Figuren, Geschichten und Tonfolgen, pflichten die Kunstschaffenden bei.
Wenn es so ist, muß ich mich der Masse an Vernunft fügen, gesteht der Fabrikbesitzer.
Was ist zu tun?

2) Nach wie vor: Aufklärung!

„Daß ich etwas, ehe ich es glaube, erst durch meine Vernunft laufen lasse, ist mir nicht ein Haar wunderbarer, als daß ich erst etwas im Vorhof meiner Kehle kaue, ehe ich es hinunterschlucke. Es ist sonderbar, so etwas zu sagen, und für unsere Zeiten zu hell, aber ich fürchte, es ist für zweihundert Jahr, von hier ab gerechnet, zu dunkel.“
Georg Christoph Lichtenberg, „Einfälle und Bemerkungen“, Heft J, 1776-1779.

Wissenschaft braucht einen weiten Blick, der nahe Gegenstände nicht scheut, Bodenhaftung, Werte-Courage und Bewegungsfreude; öffentliche Geltung durch angemessene Finanzierung, soziale Offenheit der Studien, eine verläßliche Struktur für den demokratischen Disput und ein positives Credo für die menschliche Entwicklung.
Die Wirklichkeit erhält durch Wandlung Würde.

Wer beginnt?


Zum Geleit X

Zur AS-Sitzung am 12. Mai. 2005

Die Mai-Sitzung findet im großen Hörsaal der Chemie statt, denn: die Studierenden sind mehrheitlich kritisch aufgebracht und zahlreich anwesend! Über die Politik des Rechtssenats, die Studiengebühren, die polizeilichen Prügel gegen protestierende Studierende und die bis dahin unklare Haltung der Universitätsleitung dazu. Alle müssen begreifen: angesichts der Kontrahenz von senatsgewollter ökonomischer Verzweckung von Mensch und Wissenschaft sitzen hier alle am selben Ort. Verständigung ist vonnöten und gelingt: Studiengebühren werden eindeutig abgelehnt, der Zusammenhang der Universität soll verteidigt, die Auseinandersetzung mit der Behörde gesucht werden!

Offener Brief an die Mitglieder des Akademischen Senats

„Keine Gesellschaft kann auf Dauer bestehen, wenn sie dem Reichtum einiger weniger den Vorrang gegenüber der Armut der Mehrheit gibt.“
Peter Ustinov, „Der Markt frißt seine Kinder“, 1. November 1997.

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Die Polizei rückt immer öfter auf den Campus. Knatternde Hubschrauber kreisen bisweilen über dem Philosophenturm. Die Politik mit ihren anderen Mitteln geht der wissenschaftlichen Einrichtung zu Leibe. Wo liegt Kaliningrad?

Der Zerstückelung der vielfältigen Einheit in Fakultäten entspricht die entwissenschaftlichende (auch soziale) Teilung des Studiums in Bachelor und Master; die Jagd nach Creditpoints erbringt weder Erkenntnis-, noch Persönlichkeits-, noch Gesellschaftsgewinn; die Unterfinanzierung drückt fortgesetzt wie ein zu enger Schuh; Studiengebühren sollen soziale Selektion und die Devotion der Käuflichkeit erzwingen; der Bauschutt legt sich auf Akten, Bücher und Gemüt.

Die lächelnd geschönte Misere ist das aktualisierte Erbe des einstigen Schill-Senats: die programmatische Förderung des privaten Reichtums, die intensivierte Drangsalisierung der Armen, das Verunglimpfen wie Verprügeln der Opposition, die kalte Ökonomisierung der öffentlichen Einrichtungen - die Hochschulen stehen in einer Reihe mit Kindertagesstätten, Schulen, Krankenhäusern, Geschichtswerkstätten, Frauenhäusern, Museen und Kulturzentren. Die Schlaglöcher in den Straßen sind zum alltäglich merklichen Symbol der staatlichen Verwahrlosung geworden.

Diese Lage ist unerfreulich und entspricht immer weniger den Belangen der Bevölkerung sowie einer verantwortlichen Wissenschaft.

Hier ist die demokratische Sorgfalt des Akademischen Senats gefordert. Verschüttete Ansprüche müssen neu zur Geltung gebracht werden: Freudige Aufklärung, demokratische Partizipation, soziale Nützlichkeit, gemeinschaftliche Zivilcourage und Persönlichkeitsentwicklung seien das moderne Credo der Universität.

Die Geleite sind in diesem Sinn beabsichtigt. Sie entsprechen allen Tagesordnungspunkten.


Zum Geleit XIX

Zur AS-Sitzung am 14. April 2005

Das Keilen um die Beteiligung der ehemaligen Fachbereiche in der Leitung der neugegründeten, größeren Fakultäten ist hart. Viele haben berechtigte Angst, untergebuttert zu werden. Das Studentenwerk hat eine Verschlechterung der sozialen Lage der Studierenden im engen Zusammenhang mit dem rechten Senat festgestellt. Konsequenzen gegen die politischen Bedränger sind aber für manche AS-Mitglieder immer noch eine große Hürde. Sie fragen: Soll man sich überhaupt mit der Welt außerhalb der Universität befassen? Die Geleite würden sie gerne im AS „verbieten“ (oder auch nicht: der TOP wird monatelang nicht befaßt). Also:

Courage ist Erkenntnis, ist Helligkeit

1) Zivilität

„Der Charakter der französischen Revolution war aber zu jeder Zeit bedingt von dem moralischen Zustande des Volks und besonders von seiner politischen Bildung. Vor dem ersten Ausbruch der Revolution in Frankreich gab es dort zwar schon eine fertige Zivilisation, aber doch nur in den höheren Ständen und hie und da im Mittelstand; die unteren Klassen waren geistig verwahrlost und durch den engherzigsten Despotismus von jenem edlen Emporstreben abgehalten. Was aber gar die politische Bildung betrifft, so fehlte sie nicht nur jenen unteren, sondern auch den oberen Klassen.“
Heinrich Heine, Einleitung zu „Kahldorf über den Adel“, 1831.

Der Zustand einer Gesellschaft, ihrer Einrichtungen, ihres Alltags, die Qualität der Begegnungen und die Verfaßtheit der einzelnen Menschen, die besonderen sowie generellen Entwicklungsmöglichkeiten sind nicht unwesentlich abhängig von der möglichst hohen erkenntnisgeleiteten Allgemeinheit einer qualifizierenden Bildung.
Somit ist die Pflege und das Schaffen institutioneller, sozialer und kultureller Voraussetzungen zur intellektuellen Aneignung der Gesellschaft respektive der humanen Gestaltung der sozialen Welt selbst ein verantwortlicher Prozeß der Zivilisierung menschlichen Lebens.

2) Politik als Tatsache

„Bildung mündiger Menschen: Ihren Bildungsauftrag sieht die Universität in der Entwicklung von Sachkompetenz, Urteilsfähigkeit und der Fähigkeit zu argumentativer Verständigung auf wissenschaftlicher Grundlage. Für alle Menschen will sie ein Ort lebenslangen Lernens sein und ein öffentlicher Raum der kulturellen, sozialen, und politischen Auseinandersetzung.“
Leitbild der Universität, 1998.

Ferner ist im Leitbild das Ziel der „individuelle(n) und korporative(n) Verantwortlichkeit“ formuliert.
Die Mitglieder des Akademischen Senats sind als Mitglieder der Universität, als Angehörige einer funktionalen Gruppe der Hochschule und als Person einer politischen Gruppierung in das höchste Gremium der Akademischen Selbstverwaltung gewählt worden.
Durch die Entfernung des Großen Senats und die Installierung des Hochschulrates kommt dem Akademischen Senat eine gestiegene Bedeutung für die Wahrung und Entfaltung der Universität zu. Das sind schwer zu leugnende politische Tatsachen.
Daraus abgeleitet ist zunehmend sinnvoll, daß in der Erkenntnisgewinnung und Entscheidungsfindung des Gremiums auf höherem Niveau positionelle Auffassungen in politischer Argumentation (s.o.) zum Ausdruck kommen, damit die Verantwortung des Akademischen Senats für die positive Entwicklung der Hochschule fundiert gebildet wird bzw. zum Ausdruck kommt und Angriffen auf die Institution standhält. Schlechtlaunige Fluchtneigungen sind deshalb zu überwinden.

3) Zensur steigert das Elend

„(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“
Grundgesetz der BRD, Artikel 5.

Unter verstärkten Bedrängungen wächst, wenn diese nicht kritisch und souverän gemeinschaftlich reflektiert werden, die Neigung, Kassandra einzusperren, ein Haustier in die Wüste zu schicken oder den Boten zu köpfen.
Der Selbstzensur entspricht die Zensur anderer. Die Ursachen der Übel bleiben unberührt. Die Probleme befinden sich in kumulativer Entwicklung. Das eigene Wohlbefinden sinkt mit der Ausweitung der Mißgunst.

4) Ego?

„Willst du dich am Ganzen erquicken,
So mußt du das Ganze im Kleinsten erblicken.“

Johann Wolfgang v. Goethe, Lyrische Dichtungen, Weimar 1810-1812.

Das Ego bleibt klein, will es nur besonders sein.


Zum Geleit VIII

Zur AS-Sitzung am 10. März 2005

Die geschäftsordnungsmäßige Maßregelung der Studierenden im AS geht vielen Mitgliedern zu weit. Die menschenverachtenden Auswirkungen der Einführung von („Langzeit“-)Studiengebühren und des Verfalls der universitären Kultur und nützlicher Erkenntnisse unter dem Druck ständig neuer neoliberaler Diktate können und sollten nicht länger verharmlost und ignoriert werden. Die Universität und ihre Mitglieder brauchen eine positive Perspektive gemeinsamen Handelns. Nachdenklich werden Studiengebühren erneut vom AS abgelehnt. Die Frage ist dennoch weiterhin:

Wohin des Wegs?

1) Ewig auf und ab?

„Till
Till Eulenspiegel zog einmal
mit andern über Berg und Tal.
Sooft als sie zu einem Berge kamen,
ging Till an seinem Wanderstab
den Berg ganz sacht und ganz betrübt hinab;
allein, wenn sie berganwärts stiegen,
war Eulenspiegel voll Vergnügen.
›Warum‹, fing einer an, ›gehst du bergan so froh,
bergunter so betrübt?‹ – ›Ich bin‹, sprach Till, ›nun so.
Wenn ich den Berg hinuntergehe
so denk ich Narr schon an die Höhe,
die folgen wird, und da vergeht mir denn der Scherz;
allein, wenn ich berganwärts gehe:
So denk ich an das Tal, das folgt, und faß ein Herz.‹“

Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769)

„Die Narren sind in der ganzen Welt platt und frostig und ekel; wann sie belustigen sollen, muß ihnen der Dichter etwas von dem Seinigen geben. (...)
Er muß sie aufputzen; er muß ihnen Witz und Verstand verleihen, das Armselige ihrer Torheiten bemänteln zu können; er muß ihnen den Ehrgeiz geben, damit glänzen zu wollen.“

Gotthold Ephraim Lessing, „Hamburgische Dramaturgie“, Zweiundzwanzigstes Stück, 1776.

Eulenspiegel bricht die Erwartungen einer spontanen Reaktionsweise und Stimmung, indem er eine Krümmung weiterdenkt und damit die Kraft für den Aufstieg gewinnt. Die Betrübnis während des Abstiegs hat geringere (negative) Folgen als die Freude Motor ist zur Zeit des Erklimmens. Des Narren Wahrheit sprengt die Beengung der scheinbaren Zwangsläufigkeit. Ein zusätzliches Wanderziel könnte alle Bögen überbrücken. Die vernünftige Antizipation bewegt alle nützlichen Handlungen.

2) Wer schaut hin und zieht Konsequenzen?

„Auf der Straße liegt ein toter Mann. Der Deutsche legt ihn rechts; der Engländer prüft, ob er sich etwa das Leben genommen hat; der Franzose klebt ihm eine Stempelmarke auf den Bauch – und Mussolini läßt auf alle Fälle dementieren, er sei es gewesen.“
Kurt Tucholsky, „Nationales“, 1924.

Im Zweifel ist’s Mussolini gewesen. Dem ist durch Beiseitelegen, durch die unverbrüchlich mißgünstige Annahme der finalen Selbstschädigung oder die amtlich-korrekte Behandlung der Sache Mensch nicht beizukommen. Der mutmaßliche Gewalttäter hat schlechte Gründe, die ernsthaft kritisch fundiert abzulehnen sind. Wer Zweifel hat, möge sich prüfen. Das mögliche Morden ist zu verhindern.

3) Wenn heute ...

„Wenn damals die deutsche Intelligenz alles, was Namen und Weltnamen hatte, Ärzte, Musiker, Schriftsteller, Künstler, sich wie ein Mann gegen die Schande erhoben, den Generalstreik erklärt, manches hätte anders kommen können, als es kam.“
Thomas Mann am 7. September 1945 an Walter von Molo zur Begründung seines Exils.

Auch ohne „Weltnamen“ mögen sich alle, deren Aufgabe das Geistige, Künstlerische und Humane ist, gegen die „Schande“, die in absichtsvoller Verdummung, Gewalt und Dekultivierung besteht, zu jeder – auch zu schaffenden – Gelegenheit erheben. Diese Gemeinschaft ist wirksam.
Möge manches anders kommen, als es soll.

4) Nahe Ferne

„Glückliche Fahrt
Die Nebel zerreißen,
Der Himmel ist helle,
Und Äolus löset
Das ängstliche Band
Es säuseln die Winde,
Es rührt sich der Schiffer.
Geschwinde! Geschwinde!
Es teilt sich die Welle,
Es naht sich die Ferne;
Schon seh ich das Land!“

Johann Wolfgang v. Goethe, Lyrische Dichtungen, Weimar 1794-1797.

Der neue Mut zur Aufklärung bläht die Segel eines jeglichen Schiffs. Die ganze Crew ist dann froh. Das Handeln erhält durch die ergebnisreiche Wahrheitsfindung einen erweiterten Sinn. Auch wenn das auf der Hand liegende einstweilen verlacht wird, ist das Vorhandensein der Erkenntnis nicht zu eliminieren. Hie und da steht auf der Begreifensfläche ein nackter Kaiser und ist kleiner als vorher gemeinhin angenommen. Das Volk lacht und findet freudentränig Gefallen an der wahren Größe der Macht. So ist das Schaffen auf Du und Du mit der Emanzipation durch allgemein würdige Menschlichkeit. Unerreichtes ist näher gerückt.
Wer will diese Hoffnung verneinen?


Zum Geleit VII

Zur AS-Sitzung am 17. Februar 2005

Wozu wird der Kleinkrieg in der Universität gesucht (z.B. Professores gegen alle anderen Statusgruppen - genannt: "Sonstige"), wenn doch die erkennbare Ursache der Übel bei der kapitalfrommen Politik des politischen Senats zu suchen ist? Offenkundig hindert die vielfache persönliche Kapitulation vor den schlechten sozialen und politischen Verhältnissen die aussichtsreiche Verständigung der Universitätsmitglieder. Da heißt es:

Lernen.

1) Wider den Trübsinn

„(399) Er
Auch gut! Philosophie hat eure Gefühle geläutert,
Und vor dem heitern Humor fliehet der schwarze Affekt.“

Friedrich Schiller, „Xenien“, Musen-Almanach, 1797.

„Schwarze Affekte“ werden zunehmend alltäglich. Dunkle Neigungen, deren Ursprung unbeleuchtet gelassen wird, wachsen, bestärken sich gegenseitig und prosten sich grimmig zu.
Die Feindseligkeit richtet dann sich ebenso nach außen und verkennt die gleichen Zusammenhänge der anderen.
Den Dingen auf den Grund zu gehen, heißt: heller werden. Kategorisch Denkende sind bewußte Gemeinschaftswesen. Philosophie kann beste Praxis sein.

2) Die geistige Souveränität der Wahl

„Was die wahre Freiheit und den wahren Gebrauch derselben am deutlichsten charakterisiert, ist der Mißbrauch derselben.“ (400)
Georg Christoph Lichtenberg, „Einfälle und Bemerkungen“, Heft L, 1796-1799.

Die Entscheidung nach dem bloßen Moment bedeutet die Verfehlung der humanen Souveränität. Um die Ecke zu denken statt hinter die Schule zu laufen – insonderheit bei Bedrängungen –, verschafft die Wahl der entwickelteren Möglichkeit des Handelns und des Wirkens.
Die Befreiung von Bedrängungen ist der höhere Sinn von Bewegungen.
Der Weg wird verkürzt durch die präsente Kenntnis des Ziels.

3) Verantwortung

„Die Hauptlenkerin, die uns bei der Standeswahl leiten muß, ist das Wohl der Menschheit, unsere eigne Vollendung. Man wähne nicht, diese beiden Interessen könnten sich feindlich bekämpfen, das eine müsse das andre vernichten, sondern die Natur des Menschen ist so eingerichtet, daß er seine Vervollkommnung nur erreichen kann, wenn er für die Vollendung, für das Wohl seiner Mitwelt wirkt.
Wenn er nur für sich selbst schafft, kann er wohl ein berühmter Gelehrter, ein großer Weiser, ein ausgezeichneter Dichter, aber nie ein vollendeter, wahrhaft großer Mensch sein.“

Karl Marx, „Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl eines Berufes“ (Abiturientenarbeit – Deutscher Aufsatz), August 1835.

Marx war vor 170 Jahren 17 Jahre alt, als er dieses verbindliche Diktum verfaßte.
Die wirklich allgemein und besonders förderliche Einheit von Eigennutz und Gemeinnutz ist ein zugerölltes und börsentraktiertes menschliches Grundbedürfnis. Hier setzt der aussichtsreiche Mut der Aufklärung an. Die Mühe lohnt sich.

4) Lernen.

„Trux an den Sabin
Ich hasse dich, Sabin; doch weiß ich nicht weswegen:
Genug, ich hasse dich. Am Grund ist nichts gelegen.
Antwort des Sabin
Haß mich, soviel du willst! doch wüßt ich gern, weswegen;
Denn nicht an deinem Haß, am Grund ist mir gelegen.“

Gotthold Ephraim Lessing, Sinngedichte, 1753-1771.

Wer die Gründe erfahren will, braucht nicht zu hassen. Wer die Gründe erblickt hat, kann sie anderen vermitteln. Die Vermittlung konstituiert einen neu kultivierten alltäglichen Zusammenhang. Die entspannte Konzentration auf das Wesentliche schafft eine erträgliche Welt. Erkenntnis verbündet sich dieserart mit der Gestaltung.

5) Heiterkeit

„Warum kann einem ein andrer den Hut nie richtig aufsetzen? Immer müssen wir noch mal dran ruckeln.“
Kurt Tucholsky, „Schnipsel“, 1932.

Nutzen oder Schaden: ist dies keine Alternative?
Da kann einer sich noch so viel Mühe geben, wir nehmen ihm das Wohlmeinende, gar Wohltuende, nicht ab. Der Hut gehört uns. Der Kopf ist lediglich Träger.
Wem gehört der Anblick?


Zum Geleit VI

Zur AS-Sitzung am 20. Januar 2005

Wenn es um eine sozial verantwortliche und demokratische Entwicklung der Universität geht (zum Beispiel mit dem Kampf gegen Studiengebühren, mit einer beteiligungsorientierten Geschäftsordnung der Gremien oder gesellschaftlich verantwortungsbewußter Forschungsförderung), dann ist professoraler Standesdünkel ein ernstes, uraltes Hindernis. Braves Stillhalten wird dann gelegentlich zur höchsten menschlichen Tugend erklärt:

„Benimm“
oder
Der klare Kurs zu den Mitmenschen

1) Verhaltenheit

„Nicht Zutreffendes streichen
Was deine Stimme so flach macht
so dünn und so blechern
das ist die Angst
etwas Falsches zu sagen

oder immer dasselbe
oder das zu sagen was alle sagen
oder etwas Unwichtiges
oder Wehrloses
oder etwas das mißverstanden werden könnte
oder den falschen Leuten gefiele
oder etwas Dummes
oder schon Dagewesenes
etwas Altes

Hast du es denn nicht satt
aus lauter Angst
aus lauter Angst vor der Angst
etwas Falsches zu sagen

immer das Falsche zu sagen?“
Hans Magnus Enzensberger, „Die Furie des Verschwindens“, Gedichte, 1980.

Die jüngere Entwicklung macht unsicher – Gewonnenes, Gewohntes, Geschätztes wird zerbrochen, aufgelöst. Das Neue wirkt bedrängend. Wer den Kopf aus dem Fenster reckt, wird ausgelacht. Weitermachen. Schweigen. Innerlich sprechen. Verbittern? Wieder sprechen? Und: Widersprechen? Andere, weil anderes entdecken?

2) Gereiztheit

„Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, aber nicht den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber war die Eile nur vorgeschützt, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er ›Guten Tag‹ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: ›Behalten Sie sich Ihren Hammer, Sie Rüpel!‹“
Paul Watzlawick, „Anleitung zum Unglücklichsein“, „Die Geschichte mit dem Hammer“, 1990, S. 37f.

Wer in das Dasein von Nachbarn, Kollegen und Mitgliedern derselben Einrichtung per se den Feind hineinphantasiert, hat gegen die Drangsale und ihre Verursacher sowie die Verantwortlichen schon verloren. Die Möglichkeiten des befreienden Erkennens und Zusammenwirkens sind so selbstverschuldet vertan. Der Beschimpfte steht da und kann das hilfreiche Werkzeug nicht geben.

3) Konfliktfähigkeit

„29.
Lerne Widerspruch ertragen! Sei nicht kindisch eingenommen von Deinen Meinungen! Werde nicht hitzig noch grob im Zanke! Auch dann nicht, wenn man Deinen ernsthaften Gründen Spott und Persiflage entgegensetzt! Du hast, bei der besten Sache, schon halb verloren, wenn Du nicht kaltblütig bleibst und wirst wenigstens auf diese Art nie überzeugen.“

Adolph Freiherr von Knigge, „Über den Umgang mit Menschen“, Erstes Kapitel – „Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den Umgang mit Menschen“, 1790.

Erkenntnisgewinnung braucht Position, Argument, Streit, Widerlegung, Einsicht und handelndes Übereinkommen.
Danach: Innehalten, Überprüfung, Neugewinnung von Einsichtsschärfe und erweiterte Befähigung zum kooperativen Tätigsein.
Der gemeinsame Nutzen ist das – kontrovers gewonnene – Gemeinsame.

4) Rationale Heiterkeit

„Ich kenne keinen blendenden Stil, der seinen Glanz nicht von der Wahrheit mehr oder weniger entlehnet. Wahrheit allein gibt echten Glanz und muß auch bei Spötterei und Posse, wenigstens als Folie, unterliegen.“
Gotthold Ephraim Lessing, „Anti-Goeze – Zweiter“, 1778.

Die Eleganz des Gedankens besteht in seiner Zutreffendheit und Schaffung von Perspektive. Die Wahrheit steht im Einklang mit dem allgemeinen Nutzen. Sie muß gegen Drohungen und Einschränkungen aller Art gewonnen werden. Ehrlich ist, wer über Hemmnisse und Gegnerschaften zur Vernunft spricht. Spott sei den Verschleierungen. Der rationale Zugang zu den Mitmenschen ist dauerhaft heiter.


Zum Geleit V

Zur AS-Sitzung am 09. Dezember 2004

Wie (un-)wirksam der politische Senat in der Durchsetzung seiner Politik ist, hängt davon ab, wie sehr sich dagegen die Universität auf Grundlage ihrer aufklärerischen Tradition mit der Absicht, für eine menschenwürdige Transformation der Gesellschaft zu wirken, entfaltet. Die Freiheit der mündigen, gleichen, einander nützenden Bürger ist gegen die Ellenbogen-„Freiheit“ des Konkurrenzkampfes in gemeinsamer Verantwortung zu schaffen. Gute Absichten müssen zu erfreulichen Taten werden!

1) Die praktische Relevanz der Maßstäbe

„Die Sinngedichte an den Leser
Wer wird nicht einen Klopstock loben?
Doch wird ihn jeder lesen? - Nein.
Wir wollen weniger erhoben
Und fleißiger gelesen sein.“

G.E. Lessing, „Sinngedichte“, 1753-1771.

In ihrem Leitbild hat die Universität Marksteine für ihre eigene, in der Gesellschaft verankerte und wirkende Entwicklung gesetzt: Eine gerechte, demokratische und friedliche Welt; entwicklungsfreudige und sich einmischende Wissenschaften; internationale Offenheit und freimütiger Zugang zu den Lerngebieten; verantwortungsvolle Mittlerin zwischen Theorie und Praxis; dienend dem Wohl der Menschen, in der Erfüllung öffentlicher und gesellschaftlicher Aufgaben - in der Einheit ihrer Vielfalt der Fächer sei die Universität „Tor zur Welt der Wissenschaft“.
Ist dies unter der Drägerknute dem bänglichen Vergessen anheimgestellt?
Kommt in turbulenten Zeiten die Humanität in die Schublade?
Mag das Gute (von 1998!) „schon ganz mit historischem Edelrost überzogen“ sein?

2) Die Bedeutung der Welt

„Da eilt, was Hände hat, sich einzurichten.
Es regte sich geschäftig jung und alt.
Der Ackermann griff nach des Feldes Früchten,
Der Junker birschte durch den Wald.

Der Kaufmann nimmt, was seine Speicher fassen,
Der Abt wählt sich den edeln Firnewein,
Der König sperrt die Brücken und die Straßen
Und sprach: der Zehente ist mein.“

Friedrich Schiller, „Die Teilung der Erde“.

Die Welt hält viele zu lösende Probleme bereit.
Das Glück wohnt nicht auf den Spitzen der Börsenkurse.
Der Alltag kennt keine wahren Fluchtreviere.
Vor die Wahl sind Alle gestellt: Teil des Problems oder Teil der Lösung?
Humanität ist grenzenlos.

3) Getätigte Aussichten

„Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,
Erzeugt im Gehirne des Toren,
Im Herzen kündet es laut sich an:
Zu was Besserm sind wir geboren.
Und was die innere Stimme spricht,
Das täuscht die hoffende Seele nicht.“

Friedrich Schiller, „Hoffnung“.

Die Überwindung des gegenwärtigen Wahns lagert, keimhaft, im jeweils eigenen Unbehagen, das nicht ruht.
Nein zu sagen ist der Beginn der Alternative.
Jede Äußerung in diesem Sinne ist relevant.
Die Konsequenz des Wortes ist die Tat.
Wahlverwandtschaften werden zunehmend deutlich und Erfahrung.
Die Erinnerung an bessere Zeiten (in memoriam)
oder gewonnene Einsichten
oder bewegende Taten
oder verkniffene Wahrheiten
oder verpatzte Einsätze
oder bessere Zeiten (in spe)
ist ein befreiendes Ereignis.

4) Die Kraft der Aufklärung

„Nur das geistige Gewissen hält Stand - wenn ein gefühls- und gewohnheitsmäßiges Pflichtgefühl schon längst nachläßt.“
Heinrich Mann, „Die Macht des Wortes“, 1935.

Die Krise der Zivilisation verlangt geistige und demokratische Souveränität.
Die Wissenschaften sind ein Terrain geistig-kulturellen Erbes und mögliches Fundament für positive Zukunftsentwürfe, die ein Contra bilden zu dem fatalistischen mainstream, der hinter den gleißenden Verheißungen einer hetzenden Welt vernehmlich murmelt.
Die Einsicht in Zusammenhänge, Ursachen, Verlaufsformen, Widersprüche und alternierende Möglichkeiten der Entwicklung einer problematischen Welt ist die erste - auch demokratische - Aufgabe einer geistigen Institution. Einmischung kann bewegen und der Vielzahl nützlich sein.
Wer für diese Einrichtung politisch gewählt worden ist, hat dafür eine besondere Verantwortung.
Ist die Entscheidung dafür getroffen, ist Zeit dafür immer vorhanden.


Zum Geleit IV

Zur AS-Sitzung am 14. November 2004

Der Druck von Rechts auf die demokratische Massenuniversität ist hoch. Die Möglichkeiten, sich nicht zu beugen, sondern die soziale Offenheit, die kollegiale Zusammenarbeit und die kritische Inhaltlichkeit einiger Wissenschaften für ein wirksames Contra produktiv zu machen auch. Kleine Erfolge der Verallgemeinerung humanistischer Maßstäbe der Universität - zum Beispiel durch lebendige, gleichberechtigte Kooperation in den Gremien und Wissenschaften entgegen der beabsichtigten Hierarchisierung oder durch ein klares Nein zu Studiengebühren - können hohe Dynamik haben, wenn daran deutlich wird, daß nicht ewig jede Veränderung eine Verschlechterung sein muß. Damit haben Gremien wie der Akademische Senat eine gesteigerte Verantwortung. Wird aus der teilweise verwirklichten formalen Gleichberechtigung der Universitätsmitglieder echte produktive Gleichheit? Oder gewinnt der Marktwert auch in der Kultur zwischen Kollegen und Kommilitonen die Oberhand? Manchen, auch im AS, ist diese Herausforderung eine Überforderung; die Restriktionen des Rechtssenats werden einfach „nach unten“ weitergereicht; errungene Rechte wie die gleichberechtigte Teilnahme von AS-Mitgliedern und Stellvertretern werden leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Das erfordert prinzipielles Contra:

1) Der Verfassungsrahmen

„Zwanzig Jahre lang habe ich geglaubt, es sei Spaß. Es ist Ernst? Könnt ihr haben.“
Kurt Tucholsky, „Schnipsel“, 1930.

Die unveräußerlichen Grundrechte (siehe Artikel 19) des Grundgesetzes schließen die Würde des Menschen (Artikel 1), die Gleichheit vor dem Gesetz (Artikel 3), die Versammlungsfreiheit (Artikel 8), das - mittlerweile stark eingeschränkte - Asylrecht (Artikel 17) und sogar die Vergesellschaftung von Grund, Boden, Naturschätzen und Produktionsmitteln (Artikel 15) ein. Eine bestimmte Wirtschaftsordnung ist nicht definitiv festgelegt.
Die positive historische Zäsur von 1945 bildete die Grundlage für die volle Konstituierung der bürgerlichen Rechte, die unter dem barbarischen Nazi-Regime mit Stiefeln getreten wurden.
Freiheit und Gleichheit sind aktuell gesellschaftlich umstritten.
Die Verfassungsnormen bedürfen der sozialen Konsequenz und Praxis.

2) Wer darf alles unter Brücken schlafen?

„Elsaß und Lothringen kann ich freilich dem Deutschen Reiche nicht so leicht einverleiben, wie ihr es tut, denn die Leute in jenen Ländern hängen fest an Frankreich wegen der Rechte, die sie durch die französische Staatsumwälzung gewonnen, wegen jener Gleichheitsgesetze und freien Institutionen, die dem bürgerlichen Gemüte sehr angenehm sind, aber dem Magen der großen Menge dennoch vieles zu wünschen übriglassen.“
Heinrich Heine, Vorwort zu „Deutschland - Ein Wintermärchen“; Hamburg, den 17. September 1844.

Zwischen Gloria von Thurn und Taxis und Erna Meier bestehen immer noch gewisse Unterschiede. Der Bundeskanzler läßt sich vom „Arbeitgebertag“ belobigen. Die Massenerwerbslosigkeit sinkt nicht. Die Verzweiflung steigt mit der Hetze. Die Kultiviertheit der Gesellschaft ist nicht befriedigend. Die sozialen Barrieren vor Bildung, Kultur und Gesundheit werden erhöht. Wer sich umdreht oder lacht, dem wird der Garaus gemacht.
Zufrieden?

3) Auf gleicher Höhe

„Me-ti sagte: Erst wenn die Gleichheit der Bedingungen geschaffen ist, kann von Ungleichheit gesprochen werden. Erst wenn die Füße aller gleich hoch stehen, kann entschieden werden, wer höher ragt als andere.“
Bertolt Brecht, „Me-ti/Buch der Wendungen“.

Wer sich als gleich begreift, kann allgemeine Voraussetzungen schaffen, die Gutes bewirken.
Staunen, Lernen, Horizonte schaffen, Zusammenwirken überschreitet Hadern, Hecheln,
Heucheln, Hangeln und Bangeln.
Neugierig?

4) Der Mut zur berechtigten Kontrahenz

„Zum Schluß möchte ich noch einmal betonen, dass ich als Schriftstellerin das Recht habe, meine Ansichten und Überzeugungen zu äußern. Als freie Bürgerin Indiens habe ich das Recht an jeder friedlichen dharna, jeder Demonstration und jedem Protestmarsch teilzunehmen. Ich habe das Recht, jedes Urteil jedes Gerichts zu kritisieren, wenn ich es für ungerecht halte. Ich habe das Recht, mit den Menschen gemeinsame Sache zu machen, mit denen ich übereinstimme.“
Arundhati Roy, „Über das Bürgerrecht auf freie Meinungsäußerung“, 2001.

Die nunmehr blaue Polizei bewacht das Lächeln des Bürgermeisters.
Die soziale Ungleichheit wächst unter der Doktrin der "wachsenden Stadt". Mit dem stummen Zwang der Geschäfte im Nacken werden Wissen und Freude klein geschrieben.
Die Universität soll zerschlagen werden.
Hier lohnt sich sehr die Opposition.
Einverstanden?


Zum Geleit III

Zur AS-Sitzung am 20. Oktober 2004

Bis ins Detail will „Wissenschafts“-Senator Dräger die Uni kontrollieren: Alle demokratischen Errungenschaften, kritischen wissenschaftlichen Tradierungen und engagiert-augeklärten Kooperationszusammenhänge sollen geschliffen werden. Menschen und Wissenschaften will er zu willfährigen Instrumenten seiner privat-wirtschaftlich dominierten Politik gezwungen wissen. Das macht niemand freiwillig mit. Daher greift er zum Diktat und begibt sich in die Nähe des Verfassungsbruchs. Die Universität prüfe, wie sie ihre demokratische Autonomie verteidige!

Die Freiheit der Verantwortung
Einige Gedanken zu einem Verfassungsgebot

0) Der Akademische Senat

„Mein persönliches Bekenntnis zur Demokratie geht aus einer Einsicht hervor, die gewonnen sein wollte und meiner deutsch-bürgerlich-geistigen Herkunft und Erziehung ursprünglich fremd war: die Einsicht, daß das Politische und Soziale ein Teilgebiet des Menschlichen ausmacht, daß es der Totalität des humanen Problems angehört, vom Geiste in sie einzubeziehen ist, und daß diese Totalität eine gefährliche, die Kultur gefährdende Lücke aufweist, wenn es ihr an dem politischen, dem sozialen Element gebricht.“
Thomas Mann, „Kultur und Politik“, 1939.

Jeder Senat ist ein politisches Gremium. Die Repräsentativität der dort versammelten gewählten Mitglieder bedeutet eine hohe allgemeine persönliche Verantwortung für die vertretene Gemeinschaft. Die Universität ist die Republik der Wissenschaften. Die gute Debatte bildet die notwendige Substanz der Beschlüsse.

1) Drägeriaden

„Die Republik muß weise sein. Von dem scharfen Instrument des Ausnahmezustandes mache sie niemals ohne letzte Not Gebrauch. Jede Maßnahme, die irgendwie an die Methoden des alten Systems erinnert, läßt weite Kreise des Volkes an der Demokratie zweifeln, schafft Erbitterung und Gleichgültigkeit. Nichts Schlimmeres könnte der Republik widerfahren als eine Verdrossenheit gerade der Volksschichten, die sie zu ihrer Verteidigung braucht und die nach ihrer ganzen Denkungsart zu ihr gehören.“
Carl von Ossietzky, "Der Aufmarsch der Reaktion", "Berliner Volks-Zeitung", 31. Januar 1920.

Hinter dem dünnen Schleier der Hochschulautonomie wird angeordnet: Fakultätenbildung, gestufte Abschlüsse, Zerschneidung der Geistes- und Kulturwissenschaften, Verbot von demokratischen Strukturen der akademischen Selbstverwaltung etc. Hier lauert der Zentralismus von Befehl und Gehorsam oder straffer Unternehmensführung. Just in time, Augen gerrradeaus...! Es grüßt technisch kühl die verwachsende Stadt.

2) Die Freiheit von, die Freiheit für

„Ich traute nicht diesem Preußen, diesem langen, frömmmelnden Kamaschenheld mit dem großen Maule und mit dem Korporalstock, den er erst in Weihwasser taucht, ehe er damit zuschlägt. Mir mißfiel dieses philosophisch christliche Soldatentum, dieses Gemengsel von Weißbier, Lüge und Sand.“
Heinrich Heine, „Französische Zustände“, Vorrede, Paris 1832.

Die Freiheit der Meinung, der Kunst und der Wissenschaft ist grundrechtlich garantiert. Im Potsdamer Abkommen vom August 1945 wurden die Leitlinien und Grundsätze für das von Faschismus und Krieg befreite Deutschland durch die Anti-Hitler-Koalition gefaßt: völlige Abrüstung und Entmilitarisierung; die Beseitigung von Organisationen und Doktrinen des „Nationalsozialismus“ und des Militarismus; die Ausgrenzung von Nazi-Funktionären aus öffentlichen und wichtigen nichtöffentlichen Funktionen; die Bestrafung der Kriegsverbrecher; die Demokratisierung des öffentlichen Lebens; die Beseitigung der Rüstungsindustrie; die Einschränkung und Kontrolle der Schwerindustrie und die Beseitigung von wirtschaftlichen Konzentrationen bzw. Monopolen.
Viele dieser sozialen humanistischen Optionen fanden Eingang in die Programme der Parteien und die allgemeinen Hoffnungen einer neuen Entwicklung. Sogar im „Ahlener Programm“ der CDU von 1947 war von „Sozialisierungen“ die Rede.
In abgeschwächter Form kommen diese Grundsätze auch im 1949 verabschiedeten Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland zum Ausdruck: in den Grundrechten; in der Sozialpflichtigkeit des Eigentums; im Sozialstaatsprinzip; in der Möglichkeit von Sozialisierungen; im Asylrecht; in dem Verbot der Todesstrafe; im Verbot des Angriffskrieges; in der Minimierung der Präsidialmacht; im föderalen Staatsaufbau ...
Verfassungsnorm und Verfassungsrealität sind nicht kongruent. Es darf ein bißchen mehr sein. Die „Freiheit von Forschung und Lehre“ ist in den historischen Kontext der Verfassungsnorm einzuordnen. Die Drägeriaden unterschreiten konkret den prinzipiellen Impetus der Verfassung. Die Opposition gegen diese Einschränkungen hat die Chance zur Verwirklichung der Trias von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ (Solidarität). Das Bild der Freiheit hat diesen Rahmen.


Zum Geleit II

Zur AS-Sitzung am 15. September 2004

Sozialstaatlichkeit, die demokratische Freiheit von Lehre und Forschung, die Ablehnung von Rüstung und Krieg sind praktische Lehren aus Faschismus und Krieg. Sie sind eng verknüpft mit der positiven historischen Zäsur von 1945 und dem zivil couragierten Engagement von Abertausenden gegen die bestialische Zerstörung der Nazi-Herrschaft. Aus ihrem Mut, ihrer weitsichtigen, klaren Kritik und ihrer humanistischen Überzeugung läßt sich heute lernen, wenn die sozialen und demokratischen Errungenschaften der Nachkriegszeit zum Beispiel vom Rechtssenat in Hamburg angegriffen werden. Wider die Verharmlosung heißt es hier: Wehret den Anfängen!

Klee, 1933 und die zukunftsvolle Gegenwart

"auch ›ER‹ Dictator!", Paul Klee, 1933

"Kriechender", Paul Klee, 1933

0) „Der Gegenpfeil“

„Die Sache war aufregend. Klee, der Blatt für Blatt vorlegte, verschwand sozusagen aus dem Raum, und die Striche und Punkte, die Flächen und Zeichen schienen einen verrückten Tanz aufzuführen. Als mein Begleiter (Walter Kaesbach, damaliger Leiter der Kunstakademie in Düsseldorf) von der Menge des Gesehenen erschöpft die Betrachtung einstellte und Klee die Mappe schloß, wirkte der Künstler wie ein Zauberer, der seine Zauberformel noch nicht zurückgenommen und seine Opfer mit einem leisen Lächeln noch im Bann hat. Klee hatte die Blätter unter viel Mühen gemacht und das erste Mal anderen gezeigt. Das Zeigen allein war in jenen Tagen der geheimen Staatspolizei gefährlich. Und die Wirkung der Zeichnungen so gegen alles Nationalsozialistische, daß von den damaligen Machthabern, wenn sie die Blätter hätten ablesen können, bei Klee mehr als nur Haussuchungen durchgeführt worden wären.“
Alexander Zschokke (Bildhauer und Professor seines Faches), „Begegnung mit Paul Klee“, Erstveröffentlichung in der Schweizerischen Monatszeitschrift „Du“, 1948, in: „Paul Klee 1933“, Ausstellungskatalog, 2003, S. 309.

Paul Klee (1879-1940) wurde von den Machthabern des deutschen faschistischen Regimes drangsaliert, denunziert und verfolgt. Der als „kulturbolschewistisch“ abgewertete Künstler wird vom kurz zuvor berufenen Amt als Professor der Kunstakademie Düsseldorf im April 1933 fristlos entlassen. Im Dezember des Jahres verläßt er Deutschland in die Schweiz.
Als engagierte Verarbeitung dieser umfassenden gesellschaftlichen Bedrohung entstehen _ 1933 über 200 Bleistift und Fettkreidezeichnungen, die spöttisch und ironisch die Autorität, den Militarismus, den Antisemitismus und das Kunstverständnis des Regimes thematisieren.
Dieser Schaffenszyklus galt lange als verloren, wurde 1984 wiederentdeckt und in einer Ausstellung der Hamburger Kunsthalle („Paul Klee 1933. Der Gegenpfeil“, 12.12.’03-7.3.04) - ergänzt mit thematisch assoziierten farbigen Arbeiten - gezeigt.
Der präsentierten Auswahl von etwa 80 Blättern sind die umseitigen beiden Exemplare reproduktiv entnommen.

1) „auch ›ER‹ Dictator!“

„Gibs auf!
Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, daß es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich mußte mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: ‚Von mir willst du den Weg erfahren?‘ ‚Ja‘, sagte ich, ‚da ich ihn selbst nicht finden kann.‘ ‚Gibs auf, gibs auf‘, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.“

Franz Kafka.

Zum Bild:
Die Figur ist ohne Zweifel gebieterisch. Sie kennt kein Fragezeichen. Hier werden Folgsamkeit und Unterordnung gefordert. Das Parodistische entsteht durch die Vogelartigkeit der steif stolzierenden Person, die mit dem übergroßen Kopf, der Hakennase, dem vorgeschobenen Kiefer, der geblähten Brust rechterhand, langen Arms und gestreckten Zeigefingers auf das imperative Zeichen weist. Das streng Gebieterische kann verlacht werden.

2) „Kriechender“

„Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt. Ungern verließ er im Winter die warme Stube, im Sommer den engen Garten, der nach den Lumpen der Papierfabrik roch und über dessen Goldregen- und Fliederbäumen das hölzerne Fachwerk der alten Häuser stand.“
Heinrich Mann, „Der Untertan“, 1918.

Zum Bild:
Die rund gebeugte Kreatur bewegt sich ohne sichtbare äußere Einschüchterung auf allen Vieren fort. Der verinnerlichte Gehorsam ist zur evident erniedrigten Haltung geworden. Das ängstliche Gesicht mit den groß geöffneten Augen, der spitzen Nase und dem leidend zerfurchten Mund schaut leer verzweifelt duldend in die Kriechrichtung. Schemenhaft löst sich linksseitig ein zweites, rundes Gesicht. Die Drastik des Bildes wird gebildet durch die starke Eindeutigkeit der Positur. Der Widerspruch zu dieser psychischen Versklavung entsteht im empörten Auge des Betrachters. Man möchte diesem Menschen unbedingt aufhelfen.

3) Die zukunftsvolle Gegenwart

„An die leitenden Gestalten des Kaiserreichs („Der Untertan“) ging ich erst im Sommer 1918, wenige Monate vor seinem Zusammenbruch - dessen Zeitpunkt bis zuletzt unbestimmt war. (...)
Früh war ich nicht aufgestanden, meine Eingebung hatte nichts von Prophetie. Allerdings begann ich, als die Tatsachen noch dämmerten. Als Sonnen sind sie nicht gerade aufgegangen. Litt ich an meinen Erkenntnissen, die zu der gleichen Zeit ein jeder hätte empfangen können? War ich ein Kämpfer? Ich gestaltete, was ich sah, und suchte mein Wissen überzeugend, wenn es hoch kam, auch anwendbar zu machen.“

Heinrich Mann, „Ein Zeitalter wird besichtigt“, 1944, S. 245 (Fischer Tb).

Soziale Verantwortung beginnt damit, die erkannte, erfahrene, tradierte oder empfundene Wahrheit nicht zu leugnen, sondern anzuerkennen, zu begründen und zu verbreiten. Verbündete werden sich finden.
Krieg ist nicht Frieden, Elend nicht Wohlfahrt, Autorität nicht Wohltat, Täuschung nicht Klugheit, Taktik nicht Mut ...
Die couragierte Position an jedem Ort verlangt die Reflexion der Folgen eigenen Handelns.
Der Sinn der Vernunft ist besonders die bewegende Verbreitung befreiender Einsichten.


Zum Geleit I

Zur AS-Sitzung am 14. August 2004

Die geplante Verleihung der Ehrendoktorwürde an Rußlands Präsidenten Putin hat uns veranlaßt, zu betonen, daß die Abwicklung sozialistischer Staaten zugunsten brachialer neoliberaler Marktdiktatur kein der Ehrung werter menschheitsgeschichtlicher Fortschritt, sondern ein massiver zivilisatorischer Rückschritt ist. Positive Gegenbeispiele lassen sich finden und in der Person des Humanisten und mit der Bruno-Snell-Plakette der Universität ausgezeichneten Rhetorikprofessors Walter Jens würdigen. Die humanistische Transformation der Gesellschaft sei der positive Gehalt der Wissenschaften!

Rolle vorwärts oder Rolle rückwärts?

Klärende Anmerkungen zum Transformationsverständnis

„Ich habe keinen Zweifel, daß Welt und Menschenleben sich nolens volens und unaufhaltsam in eine Lebensform hineinbewegen, für die das Epitheton ‚kommunistisch’ noch das zutreffendste ist, das heißt in eine Lebensform der Gemeinsamkeit, der gegenseitigen Abhängigkeit und Verantwortlichkeit, des gemeinsamen Anrechtes auf den Genuß der Güter dieser Erde, einfach infolge des Zusammenwachsen des Erdraumes, der technischen Verkleinerung und Intimisierung der Welt, in der alle Heimatrecht haben und deren Verwaltung alle angeht.“
Thomas Mann, „Schicksal und Aufgabe“, 1944.

0) Turbulenzen

Die menschliche Welt ist in tiefer Unruhe.
Krieg und Hochrüstung, soziales Elend und kulturelle Simplifizierung, Verzweiflung und Orientierungslosigkeit traktieren die Mehrheit der Menschen in einer eigentlich materiell und an Erfahrungen sowie Hervorbringungen reichen Welt.
Die Erkenntnisse, Errungenschaften und humanistischen Maßstäbe der Antike, der Renaissance, der Aufklärung und der modernen progressiven sozialen Umwälzungen, auch die hoffnungsvollen Ansprüche infolge der positiven historischen Zäsur von 1945, gehören zum menschlichen Kulturerbe und bedürfen der aktuellen wie perspektivischen Verwirklichung. In diesem Zusammenhang steht der Streit um die Bestimmung des Transformationsbegriffes.
Ist die Einführung der „Marktwirtschaft“ in (z.B.) Rußland begrüßenswert?
Ist die „Agenda 2010“ eine positive Reform?
Ist die Einführung von Studiengebühren für die Studierenden ein Segen?

1) Die gewollte progressive Transformation: „Perestroika“ und „Glasnost“ („Ost“)

„Mehr Sozialismus bedeutet mehr Demokratie, Offenheit und Kollektivismus im Alltag, mehr Kultur und Humanität in der Produktion, soziale und persönliche Beziehungen zwischen den Menschen, mehr Würde und Selbstachtung für das Individuum.“
Michail Gorbatschow, „Perestroika“, 1987, S. 43.

Stagnation und Erstarrung in der gesellschaftlichen Entwicklung hatten die sozialistischen Länder in ein tiefe existentielle Krise geführt. Das Programm der „Perestroika“ war der ernste Versuch, diese Krise produktiv zu wenden. Im Vordergrund dieser Bemühungen standen der sowjetische Dreistufenplan von 1986 zur Beseitigung aller Atomwaffen bis zum Jahr 2000,die Demokratisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, die Motivierung und Beteiligung der Bevölkerung an der gemeinsamen Entwicklung und die offene Auseinandersetzung über die gesellschaftlichen Probleme.
Die „Perestroika“ kam zu spät. Ihre Ansprüche und Erfahrungen sind dennoch aufhebenswert.

2) Aufklärung, Humanität und sozialer Fortschritt: Kritisches Engagement („West“)

„Den Weltformeln einer sich selbst genügenden Theorie in gleicher Weise skeptisch gegenüberstehend wie der nicht über die Spezialisten-Genügsamkeit hinausgelangenden Beschränkungen (und Beschränktheit) von Forschern, die eben deshalb nur all zu leicht Sirenenklängen verfielen, suchte Bruno Snell, skeptisch, witzig, unfeierlich (und dabei hochgelehrt), jenes dialektische Verhältnis von Theorie und Praxis neu zu bedenken, das, vernünftig vorgetragen, mithelfen könne, daß die Universität, jenseits der Wolkenkuckucksheim-Träume und der Selbstaufgabe in erniedrigender: weil fremdbestimmter Praxis einen Weg findet, dessen konsequente Verfolgung zu jenem abgesicherten und wohl begründeten Entwurf für eine humane Gesellschaft führen müsse, den konventionelle Annahme des Gegebenen aus den Augen verlöre.“
Walter Jens, Dankrede aus Anlaß der Verleihung der Bruno-Snell-Plakette im Hamburger Rathaus am 12.12.1997. html

Wissenschaftliches Forschen und Lehrtätigkeit, schriftliche Publizistik und außerordentliche Vorträge, Theorie und Praxis, politisches Engagement und Persönlichkeit bilden bei Walter Jens eine beeindruckende Einheit.
Friedenspolitisches Handeln, ein unbedingter Antifaschismus, das feurige Plädoyer für die Verteidigung und Erweiterung der Demokratie, wahre Wortwahl und Wortwitz sind typisch für den Träger der Bruno-Snell-Plakette. Humor und Fortschritt gehen so zusammen. (Auch die Namen Lessing und Luxemburg stehen für dieses „Programm“.)
Dieses Wirken steht ebenso für die kritische Praxis Vieler, die durch progressiven Einsatz der Gesellschaft ein menschliches Antlitz geben wollten und wollen. Aus der Geschichte ist zu lernen.
Der Preisträger ehrt die Universität und die verwandten Tätigkeiten anderer Menschen.

3) Der friedliche Wettbewerb der Systeme oder „Wandel durch Annäherung“ („West/Ost“)

„Nicht die Qualität der Waffen, sondern die Qualität der Politik entscheidet über Sicherheit und Stabilität in der Welt. Dieser Einsicht zum Durchbruch zu verhelfen, sie in praktische Politik umzusetzen, bedarf es des Engagements aller Menschen. (...)
Der Systemstreit, wenn er einhergeht mit der Verringerung der Rüstungen, kann den sozialen Fortschritt in beiden Systemen fördern und beschleunigen.“

„Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit“, Gemeinsame Erklärung der Grundwertekommission der SPD und der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED vom 27. August 1987. html

Das Prinzip des „Wandels durch Annäherung“ war Pate bei der Gründung (1971) des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg.
Die nachhaltige Einsicht, daß Krieg im Nuklearzeitalter kein Mittel der Politik mehr sein dürfe, war Leitlinie zur Verständigung zwischen den beiden gesellschaftlichen Systemen.
Weitgehende Abrüstung, stete Verständigung, die Schaffung einer gerechten Weltwirtschaftsordnung, die Bekämpfung des Hungers auf der Welt, das Bemühen um die Überwindung der ökologischen Krise waren die Leitpunkte bzw. Zentralvorhaben dieser Politik, die von den gemeinsamen, global verantwortlichen Aufgaben verschiedener Akteure unterschiedlicher Gesellschaftssysteme mit divergenten Weltanschauungen ausging.
Die Systemkonfrontation ist nicht mehr präsent, die globalen Aufgaben sind geblieben.

4) „Fürst“ Putin oder die regressive Transformation

„Eine der aufsehenerregendsten Errungenschaften der sozialistischen Bewegungen, die sich seit einem Jahrhundert und zumindest bis jetzt mit der Linken identifiziert haben, ist die Anerkennung der sozialen Rechte neben den Rechten der Freiheit, auch wenn diese Anerkennung heute in Frage gestellt wird.“
Norberto Bobbio, „Rechts und Links/Gründe und Bedeutungen einer politischen Unterscheidung“, 1994, S. 82.

Die Lebensbedingungen in der ehemaligen Sowjetunion sind, seit die Strukturen der sozialistischen Gesellschaft zerfallen sind, nicht sozialer, demokratischer, ziviler und humaner geworden.
Mafiotische Tendenzen in Wirtschaft und Gesellschaft, gesteigerte Armut von vielen Menschen bei enormem Reichtum weniger, der Verfall von Betrieben, Infrastruktur und öffentlichen Einrichtungen, der despotische Charakter der Regierungspolitik, die militärischen Interventionen in benachbarte Länder der einstigen UdSSR charakterisieren den mainstream russischer Politik.
Diese Umwandlung ist wissenschaftlich nicht zu ehren; siehe 1), 2) und 3).

Ausblick

„Schüler: Doch ein Begriff muß bei dem Worte sein.“
J.W. v. Goethe, Faust I.

Die gute alte Aufklärung und das Wohl der Menschheit sind nach wie vor die ersten allgemeinen Aufgaben (nicht nur) der Wissenschaften und aller Handelnden in diesem gesellschaftlichen Bereich. So macht die positive Transformation einen erträglichen Sinn.
Lob und auch Tadel, die von verantwortlichen Tätigkeiten ausgehen, sollten im Einklang mit dieser Orientierung stehen.
Casus malus: Ehrungen sind eine Ware.
Casus bonus: Ehrungen sind ein Ansporn zum Guten.


Zu den Geleiten - Grundsätzliches zum Aktuellen

Gleichheit oder Ungleichheit? Kooperation oder Konkurrenz? Entfaltung oder Erniedrigung? Vorwärts oder Rückwärts? - Immer können und müssen die Mitglieder des Akademischen Senats diese grundsätzlichen Fragen in ihren Debatten und Entscheidungen beantworten. Mit den regelmäßigen Thesenpapieren "Zum Geleit" nehmen wir zu den aktuellen universitären Auseinandersetzungen Stellung, indem wir ihren historisch-konkreten, gesellschaftspolitischen Kontext thematisieren. So werden die positiven Möglichkeiten der Tätigkeit des AS aufgezeigt, die durch entschlossenes zur Geltung bringen der Erkenntnisse und Maßstäbe humanistischer Aufklärung entwickelt werden können. Dies möge wider die Gehetztheit durch die politisch forcierte Konkurrenz und Dekultivierung die vernünftige und konsequente gemeinsame Position der Universität als Ort streitbarer Aufklärung stärken.