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Dokumentation von Grundsatzpapieren zur Arbeit im Akademischen Senat (AS) aus dem Jahre 2020

„Zum Geleit“

Freiheit als Reflexion zur Gleichheit

„Der Grund von allem ist die Beobachtung und Kenntnis der Welt, und man muß selbst viel beobachtet haben, um die Beobachtungen anderer so gebrauchen zu können, als wenn es eigene wären, sonst liest man sie nur und sie gehen ins Gedächtnis, ohne sich mit dem Blut zu vermischen.“
(Georg Christoph Lichtenberg, 1742-1799)

Hier findet Ihr die Geleit Broschüre als PDF:



Inhalt

Editorial

1. Zum Geleit CXLIV – Peinigende Zanksucht oder produktiver Disput?
2. Flugblatt – Das Richtige tun
3. Zum Geleit CXLIII – Mal sehen
4. Zum Geleit CXLIV – Zur Befreiung
5. Zum Geleit CXLV – Freiheit als soziale Verantwortung
6. Zum Geleit CXLVI – Schauen, Erkennen, Kritisieren, Traktieren:
Perlendes Leben

7. Zum Geleit CXLVII – Ein gewichtiger Unterschied
8. Zum Geleit CXLVIII – Zu höher’n Zwecken
9. Zum Geleit CXLIX – Freiwillige Verbindlichkeit

Die Kandidat_innen


Editorial

Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Seit spätestens Anfang November 2020 ist die praktische Freiheit von Kunst und Kultur, aber auch die von Forschung und Lehre ziemlich weitgehend ausgesetzt – obgleich ebenso grundgesetzlich garantiert wie die Freiheit der Religionsausübung oder die Versammlungsfreiheit. Sie ist definitiv höher zu gewichten als ein vermeintliches Menschenrecht auf Shopping.

Zweifellos müssen solidarische, gesellschaftliche Verabredungen getroffen und Maßnahmen realisiert werden, die der jetzigen Pandemie Einhalt gebieten sowie jetzt und künftig die privatwirtschaftlich überstrapazierten Systeme der Gesundheitssicherung – und besonders das zu wenige Personal – entlasten.

Gerade in dieser Situation ist aber die reflektierte, diskursive und argumentative Auseinandersetzung mit der derzeitigen Lage der Menschheit und der Menschen, wie es dazu kam und wie es werden soll, unersetzlich.

Nicht nur im Grundgesetz, sondern schon seit der Höhlenmalerei sind Kunst, Wissenschaft und Ritus nahe Verwandte, die durch Erkenntnis, Deutung und Gestaltung der Welt dem menschlichen Leben Sinn und Perspektive geben.

Kunst und Wissenschaft sind unverzichtbar für das Menschsein und Menschlich-Werden der Zivilisation.

Es ist deshalb auch im vergangenen Jahr von uns zu jeder Sitzung des Akademischen Senats eine literarische Reflexion zur Lage veröffentlicht worden: „Zum Geleit“. Das ist eine Rubrik unserer Publizistik seit dem Jahr 2006, mit der wir uns und anderen die Gedanken für die größeren historischen Zusammenhänge des wissenschaftlichen Wirkens und der Bildungstätigkeit unserer Universität eröffnen wollen – ein bewusster Gegensatz zu jeder Art marktkonformer Pragmatik.

In dieser Broschüre sind die „Geleite“ aus dem Jahr 2020 zusammengefasst und jeweils kurz in das Geschehen der betreffenden AS-Sitzung eingeordnet.

Wir wünschen eine nachdenkliche und heitere Lektüre!

Liste LINKS, harte zeiten – junge sozialisten, SDS* sowie zahlreiche Freunde
– Zusammen das Bündnis für Aufklärung und Emanzipation! (BAE!) –


Zum Geleit CXLIV

Zur AS-Sitzung am 23. Januar 2020

Der im Jahr zuvor erreichte Stand in der sogenannten Exzellenzstrategie des Bundes lässt den Neujahrssekt etwas schal schmecken: Wo Renommee und Konkurrenz bei politisch erzeugtem Mangel dominieren und wenn Universitäten politisch zu „Qualifikationsinstitutionen“ herabgestuft werden, wird aus der Lust der Erkenntnis bald die Last der Einbildung. Gegen den entsprechenden Routinen-Dreh erhebt sich – erfreulich auch aus dem wissenschaftlichen Mittelbau und nicht nur von Studierenden – Widerspruch. Das gilt umso mehr, als dass die „Schuldenbremse“ – also das Spardiktat gegen alle öffentlichen Haushalte – nunmehr verbindlich in allen Bundesländern in Kraft tritt.

So müssen sich alle dazwischen entscheiden:

Peinigende Zanksucht oder produktiver Disput?

„Was gab es denn? Was lag in der Luft? – Zanksucht. Kriselnde Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine Neigung zu giftigem Wortwechsel, zum Wutausbruch, ja zum Handgemenge. Erbitterter Streit, zügelloses Hin- und Hergeschrei entsprang alle Tage zwischen einzelnen und ganzen Gruppen, und das Kennzeichenende war, daß die Nichtbeteiligten, statt von dem Zustande der gerade Ergriffenen abgestoßen zu sein oder sich ins Mittel zu legen, vielmehr sympathetischen Anteil daran nahmen und sich dem Taumel innerlich ebenfalls überließen. Man erblaßte und bebte. Die Augen blitzten auffällig, die Münder verbogen sich leidenschaftlich. Man beneidete die eben Aktiven um das Recht, den Anlaß, zu schreien. Eine zerrende Lust, es ihnen gleichzutun, peinigte Seele und Leib, und wer nicht die Kraft zur Flucht in die Einsamkeit besaß, wurde unrettbar in den Strudel gezogen.“
Thomas Mann, „Der Zauberberg“, „Die große Gereiztheit“, 1924, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1987, S. 904f.

Mit Bedacht

In Aufruhr gerät dieser Tage
auf Seiten, Bildern, im Gespräch,
bei großer und bei kleiner Frage,
wer allertiefstens so bewech.

Nicht immer klar ist, wo das herkommt -
warum?, wieso?, woher?, wohin? –,
Bedeutung hat, was direkt hochfrommt,
weil ich ja so betroffen bin.

Unruhe groß, der Unmut steigt an,
die ganze Welt ist nicht im Lot;
erinnert sei deshalb dann und wann:
Die Besserung ist das Gebot.

Bedacht gemacht, in Wort und Taten,
was Frieden heißt und Aller Wohl,
darauf sollt’ niemand lange warten,
die Nadel zeigt auf diesen Pol.

So geht die Kraft in gute Bahnen,
Vernunft hat große Energie,
der Leser wird es sicher ahnen:
Wer Zukunft hat, entgleiset nie!



Flugblatt statt Geleit

Zur AS-Sitzung am 23. April 2020

Die Gesundheitskrise ist in Europa angelangt: Die pandemische Verbreitung des Sars-CoV-19 überfordert Politik und Infrastruktur sowie die meisten Menschen. Das ist keine „Naturkatastrophe“, sondern die Folge Jahrzehnte währender Unterwerfung von Mensch, Ökonomie, Sozialsystemen und Umwelt unter ein gnadenloses Profitstreben. Am Ende fehlt es an allem und am meisten an einer humanen Strategie für die Krisenbewältigung. Dies gilt leider nicht nur für die „große“ Politik, sondern auch für die größten Teile der Universität, die sich ziemlich umstandslos in den ersten „Lock-Down“ schicken lässt. Im Akademischen Senat formiert sich daran Kritik – für eine verantwortungsbewusste wissenschaftliche Tätigkeit und für soziale Maßnahmen. Das Präsidium der Universität ist demgegenüber weitgehend verschlossen. Diese Kontroverse wird das Jahr über anhalten.
Ein Aufschlag für eine humanistische, rationale und zukunftsweisende Haltung in der Krise sei hiermit gemacht:

Das Richtige tun Ein persönlicher Weltmaßstab

„Tatsächlich ist Covid-19 in eine Welt hineingefahren, die längst in der Krise steckte, in vielen Krisen gleichzeitig. Schon vergessen?
Die rechtsstaatlich verfassten Demokratien sahen sich vor Corona von äußeren und inneren Feinden attackiert, von internationalen Populisten wie von nationalen Extremisten. Die multilaterale Nachkriegsordnung mit ihren vielen Weltorganisationen war nur noch ein Schatten, teils mutwillig zerstört vom Mann im Weißen Haus, teils zerfallen durch das Desinteresse großer Staaten. Die internationale Staatengemeinschaft sah sich außerstande, Kriege und Krisen beizulegen, die in Syrien, Afghanistan, im Jemen, in Mali, in Venezuela weiter lodern. Flucht, Vertreibung und Wanderung sorgten auf allen Kontinenten, und zumal zwischen Afrika und Europa, für immer neue menschliche Tragödien. Das kapitalistische Wirtschaften und Konsumieren wirkte wie in eine Dekadenzphase geraten. Das Internet und seine Plattformen entfalteten eine zersetzende Kraft, die weit in die Politik, in die Gesellschaft und bis in die Familien hineinwirkte. (…) Es gehen jetzt viele große Fragen um. Aber sie zielen nicht mehr auf Gott. Sie lauten jetzt: Wieso zerstört der Mensch, wieso zerstören wir sehenden Auges unsere Lebensgrundlagen? Wieso sind wir - im Weltmaßstab - seit Jahren so unfähig, das Falsche zu lassen und das Richtige zu tun? (…)
Die Korrektur kann nun beginnen.“

Ullrich Fichtner, „Am Anfang war das Virus/Epochenbruch“, „SPIEGEL“ Nr. 17/18.4.2020 (Titel), S. 8-15, hier S. 11, 12 u. 15.

„Kultur markiere <>, so hat es die frühere Hamburger Kultursenatorin Christina Weiss einmal sehr klar zusammengefasst. Was also passiert nun, wenn diese Koordinaten sich langsam aufzulösen scheinen? (…) Der weitgehende Verlust des kulturellen Lebens mag nicht im Zentrum dieser Krise stehen – ein bloßes ‚First World Problem‘ ist er trotzdem nicht. Kultur, man muss das Mantra wiederholen, ist nicht nur Unterhaltung, Freizeit und Ablenkung (wobei diese Funktionen – siehe Film und Buch – derzeit kaum zu unterschätzen sind). Kultur bedeutet auch die beständige Auseinandersetzung mit Werten, Ideen, Idealen, Widerständen, Visionen und Verfehlungen, bedeutet die permanente geistige und emotionale Erneuerung.“
Maike Schiller, Corona: „Ohne Kultur fehlen unserem Leben die Geschichten“ „Hamburger Abendblatt“ (Leitartikel), 17.4.2020, S.2.

„Weiche Faktoren“? „Systemrelevant“? Kunst, Kultur und Wissenschaft bilden das materielle geistige Erbe der Menschheit, sind Bestandteil des gesellschaftlichen Alltags, bauen Erkenntnisse und Orientierung, sind soziale Lebensmittel, schaffen – bestenfalls aufgeklärte und solidarische – Persönlichkeiten, Anschauung und Beispiel und beinhalten (noch) uneingelöste Potentiale zur Lösung von überindividuellen Problemen bzw. zur Überwindung der Mühsal der menschlichen Existenz. Erkenntnis, Ästhetik und exemplarischer Gemeinschaftssinn sind hier geschaffen und aneignenbar. – Ganz ohne kalten Geschäftssinn.
Die Initiative ‚Mehr Demokratie e.V.’ fordert, bei der medizinischen Überwindung der Corona-Pandemie, die demokratische Praxis zu sichern bzw. auszubauen:
„1. Die Parlamente sind legitimiert, zu entscheiden. Das muss so bleiben. 2. Verordnungen und Gesetze befristen 3. Parlamentarische Diskussion öffentlich führen 4. Beratungsgremien breit besetzen 5. Bürger einbinden 6. Transparenz sichern 7. Entscheidungen und deren Grundlagen müssen nachvollziehbar sein 8. Versammlungs- und Demonstrationsrecht erhalten 9. Freie Religionsausübung nicht pauschal unterbinden 10. Datenschutz beachten 11. Weltweit solidarisch sein 12. Den Umgang mit der Krise evaluieren.“
Darüber hinaus werden mehr und mehr begründete Äußerungen und Forderungen aus Wissenschaft, Kultur, Politik und Medien, von Parteien, Gewerkschaften und sozialen Bewegungen vernehmlich, die für die Beendigung von Kriegen, das aktive Erinnern der Geschichte mit Malus und Bonus, die Überwindung der (globalen wie länderspezifischen) sozialen Ungleichheit, für internationale Solidarität sowie die Beendigung des Raubbaus an der Natur und die Bewältigung der Klimakrise appellieren. Dabei ist das menschliche Leben in all seinen Dimensionen berührt. Hier sind Alle gefordert und können zur Überwindung der allseitigen Krise beitragen. Das gilt gleichfalls für die Hochschulen und ihre Mitglieder. Wir können und sollten damit beginnen. Über das Semester hinaus.

Verfassung der Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur * (UNESCO) – Präambel

Die Regierungen der Vertragsstaaten dieser Verfassung erklären im Namen ihrer Völker:
Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden.
Im Lauf der Geschichte der Menschheit hat wechselseitige Unkenntnis immer wieder Argwohn und Misstrauen zwischen den Völkern der Welt hervorgerufen, sodass Meinungsverschiedenheiten nur allzu oft zum Krieg geführt haben.
Der große furchtbare Krieg, der jetzt zu Ende ist, wurde nur möglich, weil die demokratischen Grundsätze der Würde, Gleichheit und gegenseitigen Achtung aller Menschen verleugnet wurden und an deren Stelle unter Ausnutzung von Unwissenheit und Vorurteilen die Lehre eines unterschiedlichen Wertes von Menschen und Rassen* propagiert wurde.
Die weite Verbreitung von Kultur und die Erziehung zu Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden sind für die Würde des Menschen unerlässlich und für alle Völker eine höchste Verpflichtung, die im Geiste gegenseitiger Hilfsbereitschaft und Anteilnahme erfüllt werden muss.
Ein ausschließlich auf politischen und wirtschaftlichen Abmachungen von Regierungen beruhender Friede kann die einmütige, dauernde und aufrichtige Zustimmung der Völker der Welt nicht finden. Friede muss - wenn er nicht scheitern soll – in der geistigen und moralischen Solidarität der Menschheit verankert werden.
Deshalb sind die Vertragsstaaten dieser Verfassung in dem Glauben an das Recht auf ungeschmälerte und gleiche Bildungsmöglichkeiten für alle, auf uneingeschränktes Streben nach objektiver Wahrheit und auf den freien Meinungs- und Wissensaustausch einig und entschlossen, die Beziehungen zwischen ihren Völkern zu entwickeln, und zu vertiefen, um sie als Mittel zur Verständigung und zur Verbreitung möglichst vollkommener und wahrheitsgetreuer gegenseitiger Kenntnis ihrer Lebensweise zu nutzen.
Sie gründen deshalb hiermit die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO), um durch die Zusammenarbeit der Völker der Erde auf diesen Gebieten den Weltfrieden und den allgemeinen Wohlstand der Menschheit zu fördern - Ziele, um derentwillen die Vereinten Nationen gegründet wurden und die in deren Charta verkündet sind.

verabschiedet in London am 16. November 1945, zuletzt geändert von der 30. UNESCO-Generalkonferenz am 1. November 2001. (Neue deutsche Textfassung von 2001)



Zum Geleit CXLIII

Zur AS-Sitzung am 7. Mai 2020

Die Studierenden und der Mittelbau kämpfen dafür, dass es sorgfältige Schutzkonzepte, soziale Abfederung und eine Öffnung der Grundfunktionen der Universität für Studium, Lehre und Forschung geben möge. In den anderen Gruppen und im Präsidium dominiert Hilf- und Mutlosigkeit. Zwar wissen die meisten, dass verordnete Passivität und darin isolierte „Eigenverantwortung“ kein menschengemäßes Konzept ergibt und Aufklärung sowie Solidarität besser sind, aber die Furcht vor Verleumdungen, wenn die Bescheidenheitsglocke beginnend angehoben wird, ist groß. Aufrichtung ist nötig.

Mal sehen

Die Mehrheitsmeinung sagt uns dies:
Der Mensch ist klein, der Aufruhr mies.
Vertrauen gilt als erste Pflicht,
Wer gar nicht nörgelt, leide nicht.

Die Welt ist eine kleine Bude,
Zuhause sei das Ideal;
Es meide Jede(r) Tante Trude,
Wenn sie zu alt, beim nächsten Mahl.

Jedoch der Anspruch hat mehr Raum,
Verlangt nach Frieden und Sozial;
Bunt ist des Lebens goldn´er Baum,
Das seh´n wir ein ums and´re Mal.

Wer in der Krise sich erinnert,
Was vorher unzureichend war,
Sich um die Besserung bekümmert,
Mit neuer Aussicht, Leidens bar.



Zum Geleit CXLIV

Zur AS-Sitzung am 18. Juni 2020

Die Uni bleibt geschlossen. Digitales kann produktive Begegnungen nicht ersetzen – schon gar nicht, wenn solche Lehre unter Überlastungsbedingungen aus dem Boden gestampft wird. Wie wird sich den verheerenden globalen Auswirkungen von Konkurrenz, Krieg, sozialer Not und Pandemie persönlich wissenschaftlich gestellt? Welchen Beitrag können wir für ein menschengemäßes Ende dieses Desasters als Mitglieder der Universität leisten? Wird irgendwo an die enorm prekäre soziale Lage der Studierenden und großer Teile des Mittelbaus gedacht? Ist der praktische Horizont der gemeinschaftlichen geistigen Aktivität weiter gesteckt als bis zum „status quo ante“ – oder weiter, mit gestaltender Ambition?

Zur Befreiung

„Was aber ist diese große Aufgabe unserer Zeit?
Es ist die Emanzipation. Nicht bloß der Irländer, Griechen, Frankfurter Juden, westindischen Schwarzen und dergleichen gedrückten Volkes, sondern es ist die Emanzipation der ganzen Welt, absonderlich Europas, das mündig geworden ist und sich jetzt losreißt vom Gängelbande der Bevorrechteten, der Aristokratie. Mögen immerhin einige philosophische Renegaten der Freiheit die feinsten Kettenschlüsse schmieden, um uns zu beweisen, daß Millionen Menschen geschaffen sind, als Lasttiere einiger tausend privilegierter Ritter; sie werden uns dennoch nicht davon überzeugen können, solange sie uns, wie Voltaire sagt, nicht nachweisen, daß jene mit Sätteln auf dem Rücken und diese mit Sporen an den Füßen zur Welt gekommen sind.“

Heinrich Heine, „Reise von München nach Genua“, 1828.

Reflexion

Wer sich vor das Heine-Denkmal
sinnierend auf den Rathausplatz stellt,
spiegelt in der Figur zu sich
die Freiheit kritischer Erkenntnis:
Mensch-Sein als Aufgabe.



Zum Geleit CXLV

Zur AS-Sitzung am 9. Juli 2020

Wer bisher seine kleinen Privilegien mit dem großen Begriff „Freiheit“ verwechselt hat – und solcher Menschen gibt es nicht zuletzt in der Professor*innenschaft einige –, kann jetzt erkennen: wirkliche Handlungsfreiheit entsteht für ein besseres Miteinander und nicht in distanzierter Unlust am sozialen Konflikt. Die Lektion dauert an.

Freiheit als soziale Verantwortung

„Wir stehen heute [1972] am Anfang einer zweiten Phase einer von der bürgerlichen Revolution ausgehenden Reformbewegung auch in der Gesellschaft, wie sie nicht zuletzt in den tiefgreifenden und nachhaltigen Bewußtseinsveränderungen der weltweiten Jugendrevolte sich ankündigt. Sie zielt auf eine in der Sache nicht weniger als 1775 [(US-)amerikanischer Unabhängigkeitskrieg] und 1789 [Revolution in Frankreich] revolutionäre, im wörtlichen Sinne umwälzende, in den westlichen Industriestaaten durchsetzbare Demokratisierung der Gesellschaft, aus demselben Gedanken der ›Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!‹, aus dem auch die Demokratisierung des Staates ihren Ursprung nahm. Diese neue Phase der Demokratisierung und Liberalisierung, im ursprünglichen und nicht dem heute oft mißbrauchten Sinne dieser Worte, entspringt aus einem gewandelten Verständnis der Freiheit, das dem modernen Liberalismus die neue politische Dimension eines nicht nur Demokratischen, sondern zugleich auch Sozialen Liberalismus erschließt.“
„Die Freiburger Thesen der Liberalen“, „Einleitung: Liberale Gesellschaftspolitik“, Reinbek bei Hamburg („rororo aktuell“) 1972, S. 58.

1) Ansprüche

Die Geschichte birgt
bestimmte Möglichkeiten,
die aktuell sind.

2) Licht

Graue Wirklichkeit
erhält Farbe und Kontur
mittels Erkenntnis.

3) In der Tat

Jede Bedeutung
ist die Realisierung
des Allgemeinwohls.



Zum Geleit CXLVI

Zur AS-Sitzung am 24. September 2020

Ach – da war ja was! Im Februar hatte es eine Bürgerschaftswahl mit mehrheitlich rot-grünem Ausgang gegeben. Nicht viel Veränderung, aber große Versprechen an die Hochschulen, endlich eine zumutbare Grundfinanzierung zu erhalten, waren – nicht ohne erheblichen Druck aus den Hochschulen – im Mai noch das Ergebnis der Koalitionsvereinbarungen.
Nun aber, ein paar „Ausnahmen von der Schuldenbremse“ zur Abfederung der wirtschaftlich und sozial katastrophalen Maßnahmen später und ohne die geringste Lust der Regierenden, die Mittel dafür bei den Profitierenden zu holen, will die grüne Wissenschaftssenatorin der Universität lächelnd den Gürtel enger schnallen und erscheint dafür „digital“ und in Begleitung ihrer Staatsrätin werbend im Akademischen Senat.
Das sorgt für Unmut, aber auch dafür, dass ein Duktus heiter-kämpferischer Verständigung im Akademischen Senat langsam wieder kultiviert werden kann. Es ist schon ziemlich klar: im totalen Lock-Down und bei vollständiger Selbstabsage wird man nicht für eine bessere staatliche Hochschulfinanzierung kämpfen können. Es gilt, sich mit gemeinschaftlicher Rationalität gegen Rechts und private Bereicherung den Herausforderungen unserer Zeit zu stellen:

Schauen, Erkennen, Kritisieren, Traktieren: Perlendes Leben

„FRANZ MOOR: (…) Nein! Nein! Ich tu ihr [der „Natur“] Unrecht. Sie gab uns doch Erfindungsgeist mit, setzte uns nackt und armselig ans Ufer dieses großen Ozeans Welt. - Schwimme, wer schwimmen kann, und wer zu plump ist, geht unter. Sie gab mir nichts mit; wozu ich mich machen will, das ist meine Sache. Jeder hat gleiches Recht zum Größten und Kleinsten, Anspruch wird an Anspruch, Trieb an Trieb, und Kraft an Kraft zernichtet. Das Recht wohnet beim Überwältiger, und die Schranken unserer Kraft sind unsere Gesetze.“
Friedrich Schiller, „Die Räuber“ (Erster Akt, erste Szene), 1781.

„Mit diesen Leidenschaften, mit diesen Toren müssen wir leben. Wir müssen ihnen ausweichen oder begegnen; wir müssen sie untergraben oder ihnen unterliegen. Jetzt aber überraschen sie uns nicht mehr. Wir sind auf ihre Anschläge vorbereitet. Die Schaubühne hat uns das Geheimnis verraten, sie ausfündig und unschädlich zu machen.“
Friedrich Schiller, „Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“, 1784.

Ausweichen oder begegnen?

Wir leben, nicht allein, in einer Welt,
Die kaum, sehr oft, zum Besten ist bestellt.
Wer sodann, mit klarem Blick versehen,
Die Nöte zeigt mit hellem Ausgang,
Läßt uns jäh ihr Gegenteil verstehen -
Befreien wir uns, nicht länger bang.
Ein solch Erfahrung zeigt im besten Fall,
Daß die Begegnung, einzeln, überall,
Scharfe Erkenntnis ist dann gelungen,
So wir die Tat nicht scheu´n im Verein,
Mit andern schön und deutlich gesungen,
Dabei besonders und nie allein.



Zum Geleit CXLVII

Zur AS-Sitzung am 22. Oktober 2020

Bald wird in den USA gewählt. Wache Menschen weltweit engagieren sich dafür, daß „Fake“ und Skrupellosigkeit mit Aufklärung, Humanität und Solidarität besiegt werden können. Der Widerspruch dazu, die Corona-Pandemie-Zeit im Wesentlichen vereinzelt und passiv zu ertragen, wächst auch deshalb: Die menschliche Welt braucht global eine Heilung, die nicht allein medizinischer Art sein kann. In diesem Sinne kämpfen wir für einen Semesterstart in sorgfältig geschützter Präsenz, mit entsprechenden Orientierungseinheiten, Beratungsangeboten, geöffneten Bibliotheken und kommunikativen universitären Räumen. Daß dies sozial und psychologisch dringend geboten ist, wird durch erste universitäre Studien zu Wirkungen des Lock-Downs auf die Uni-Mitglieder untermauert.
In allen Konflikten gilt, daß die dogmatische Entgegensetzung von „innen“ und „außen“, „gesund“ und „ungesund“, „wichtig“ und „unwichtig“ in Bezug auf Menschen eine gewaltfreie Problemlösung behindert. Es kommt drauf an:

Ein gewichtiger Unterschied

„Ähnliches [für Vertrauensbildung, Diplomatie, Abrüstung und Gewaltverzicht] lässt sich im Fall der bundesdeutschen Ostpolitik feststellen. Washingtons Unterstützung – widerwillig vollzogen, um auf der Lok eines fahrenden Zuges noch einen Sitzplatz zu ergattern – erweiterte nicht nur den Spielraum Willy Brandts; sie bestätigte auch dessen Anliegen, die transatlantischen Beziehungen als Partnerschaft statt als Vormundschaft zu sehen. Für Brandts Konzept einer vertrauensbasierten Ost-West-Diplomatie hatte Kissinger dieselbe Verachtung übrig, die er dem Staatsmann Brandt entgegenbrachte. Dass Westeuropa vor seinen Augen ein Laboratorium außenpolitischer Innovationen wurde, konnte er indes nicht verhindern.“
Bernd Greiner, „Henry Kissinger / Wächter des Imperiums“, München 2020, S. 385.

Idealfall

Der Mensch lebt für sich nicht allein
und will auch von Bedeutung sein,
braucht Arbeit, Kleidung, Wohnung, Brot,
lebt glücklich bestens ohne Not,
mag Wissen, Tänze und Musik,
gestaltet wach die Republik,
verachtet Lüge und Gestank,
schuldet dem Herrscher keinen Dank,
sagt zu Entwicklung niemals nie
und beugt dem Unsinn nicht das Knie.



Zum Geleit CXLVIII

Zur AS-Sitzung am 26. November 2020

Biden statt Trump. Besser ist noch nicht gut. Gute Bedingungen für solidarisches Wirken müssen – lernend aus den Herausforderungen des Jahres – geschaffen werden.
Der AS nimmt kritisch Stellung gegen die Kürzungspläne des politischen Senats, bereitet sich auf die Wahl eines neuen Präsidenten/einer neuen Präsidentin der Uni vor (Feb. 2022), versucht – trotz erneutem, top-down verordneten Lockdowns – eine konstruktive akademische Selbstverwaltung, aber bleibt ohne gemeinschaftliche Orientierung, wenn nicht immer wieder von studentischer Seite initiativ und kritisch gewirkt wird:

Zu höher’n Zwecken

„Ein Käfig ging einen Vogel suchen“
Franz Kafka, Aphorismen, 6.11.1917.

1) Obacht!

Die Entfaltung soll
stets eingefangen werden,
gegen das Mensch-Sein.

2) So oder so

Die Gitterstäbe,
seien sie auch vergoldet:
besser gemieden.

3) Besser

Außerhalb des Zwangs,
aktiv mit Seinesgleichen,
weitet sich der Blick.

4) Für etwas

Die Freiwilligkeit
realisiert das Schwinden
der Mühsal Aller.



Zum Geleit CXLIX

Zur AS-Sitzung am 17. Dezember 2020

Der Präsident hat eine nahezu totale Uni-Schließung verhängt. Rationalität und wissenschaftlich begründete Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie sähen anders aus. Dies wird mit neuer Schärfe gruppenübergreifend im Akademischen Senat artikuliert. Die Mitglieder dieses Gremiums und viele, die sie repräsentieren, beginnen die menschenfreundliche Bedeutung kritischer Kooperation in der Universität neu wertzuschätzen und zur Geltung zu bringen. Dazu trägt eine veränderte Haltung bei:

Freiwillige Verbindlichkeit

„Die Menschheit steht vor einer großen Entscheidung. Sie kann, durch den Triumph betrügerischer Gewalt, um Jahrhunderte, ja um Jahrtausende in ihrer Entwicklung zurückgeworfen werden und der moralischen Verzweiflung an sich selbst verfallen. Oder sie kann, durch schwere Heimsuchung belehrt, einen großen Schritt vorwärts tun in ihrer sozialen Bildung und Vervollkommnung.“
Thomas Mann, „Das Problem der Freiheit“, Rede, gehalten auf der Sitzung des 17. Internationalen PEN-Kongresses in Stockholm, September 1939.

Besonders alltäglich

Mit beiden Beinen
auf dem Boden der Tatsachen,
aufrecht die Haltung, klar der Blick,
gegenwärtig-perspektivisch,
selbstbewußt mit Seinesgleichen,
unterwegs aus der Geschichte,
die Seiten im Augenwinkel,
die Taten dem Geiste stimmig,
das Empfinden recht kultiviert,
das Denken stets heiter drängend:
Bildung des Menschen.