HomePublikationen › Flugblatt von Liste LINKS und harte zeiten mit SDS* vom

Praktische Veränderung: Die Würde des Menschen

„»There is no such a thing as society«, behauptete Margaret Thatcher Ende der 1980er Jahre. Sie ebnete damit den Weg für die neoliberale Umgestaltung auch der eigenen Gesellschaften, in deren Folge das Recht, Rechte zu haben, immer weiter ausgehöhlt wird. Seitdem sind Werte und Institutionen, die dem Gemeinwesen verpflichtet sind, Zug um Zug durch eine ideologisch überhöhte Konzeption von Eigenverantwortung ersetzt worden. Wenn jeder an sich denkt, ist auch an alle gedacht, so der Kern der neoliberalen Ideologie. Wo jedoch solidarische Sicherungssysteme dem privaten Profit geopfert werden, wo ein selbstsüchtiger Egoismus gefeiert und der Kampf aller gegen alle gepredigt wird, ist der Naturzustand nicht weit. Fremde werden zu Feinden, weil sie uns den Spiegel der eigenen fatalen Strategien und Lebenslügen vorhalten.“

Thomas Gebauer (Medico International), „Hoffen und Sterben – Flucht und Abschottung in Zeiten globaler Krisen“, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 6/2015, S. 41 ff.

Im Akademischen Senat kam jüngst zur Sprache, daß bald zwei oder drei „Sommernotunterkünfte“ für Flüchtlinge auf dem Gelände der Universität errichtet werden. Avisiert sind Flächen an der Bundesstraße und der Feldbrunnenstraße sowie am Informatikgelände. Der Senat plane für mehrere hundert Personen „provisorische“ Zeltunterbringungen. Sie sollen Außenstellen der „Zentralen Erstaufnahme“ sein. Der akute Anlaß ist, daß seit einiger Zeit täglich 300 oder mehr Flüchtlinge in Hamburg Schutz suchen und die Regierung der Stadt darauf nicht vorbereitet ist.

Zunächst einmal: Der solidarische Empfang aller Flüchtlinge sollte in der ganzen Stadt und gerade an der Universität selbstverständlich sein. Alle sind aufgerufen daran mitzuwirken!

Wie kommt es aber, daß massenhaft Zelt-Provisorien in einer der reichsten Städte der Welt errichtet werden müssen?

Eine „europäische“ Hegemoniepolitik, die neoliberal, militaristisch und undemokratisch ist, die auf Abschreckung von Flüchtlingen, die vielfach ertrinken, setzt sowie Flüchtlinge grundsätzlich unter den Verdacht der Erschleichung von Vorteilen stellt, verschärft die Fluchtursachen (Ungleichheit, Kriege, Waffenexporte, Klimaveränderung, Elend) und ignoriert, daß global Menschen um die Verwirklichung ihres Menschenrechts kämpfen – auch als Flüchtlinge und durch ihre Flucht.

Zur Solidarität der Universität sollte daher nicht nur ein weltoffenes, hilfreiches Willkommen gehören, das von praktischer Unterstützung im Alltag bis zur Öffnung von Lehrveranstaltungen für Flüchtlinge reichen kann. Sie sollte als Einrichtung der öffentlichen Aufklärung ihre Aktivitäten für die Beendigung des massenhaften Elends entfalten.

Die öffentliche analytische Kritik der herrschenden Politik der „Ungleichmacherei“, die dazu führt, daß heute mehr Menschen auf der Flucht sind als nach dem Zweiten Weltkrieg, findet viele Ansatzpunkte und
Mitwirkende:

In begründeter Opposition zu einer diskriminierenden „Ausländerpolitik“, die Menschen in verwertbare Arbeitskräfte („mit Bleibeperspektive“) und nicht verwertbare („ohne Bleibeperspektive“) teilt; in der argumentativen Zerlegung der „Austerity“ (auch: „Schuldenbremse“), der Menschen bzw. Sozialstaaten besonders in Europas Süden und Osten zum Opfer fallen; im friedensbewegten Engagement zur Verbannung von Militarismus, Rüstungsforschung, -produktion und -exporten auch aus den Hamburger Hochschulen und dem Hafen; mit der Entwicklung und Durchsetzung real inklusiver Bildung und Medizin und mit Beiträgen aller Art zur internationalen, Epochen, Kulturen und Grenzen überwindenden Verständigung – hier und überall.

Wissenschaft als Praxis – neue Priorität wird:
Humanität.