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Beschluß des Akademischen Senats vom 13. Oktober 2016

Erinnern, Lernen, Gestalten

Aufruf zur Mahnwache zum 78. Jahrestag der Pogromnacht

Tempelherr: Wenn aber nun das Kind,
Erbarmte seiner sich der Jude nicht,
Vielleicht im Elend umgekommen wäre?
Patriarch: Tut nichts! der Jude wird verbrannt!“

Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise, 1779.

„Die Menschheit befindet sich in der Krise – und es gibt keinen anderen Ausweg aus dieser Krise als die Solidarität zwischen den Menschen.“
Zygmunt Bauman (Prof. Em. University of Leeds): Die Welt in Panik. Wie die Angst vor Migranten geschürt wird, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 10/16, S. 49.

Die Universität Hamburg hat ihr geschichtliches Umfeld im ehemaligen Zentrum jüdischen Lebens: im Grindelviertel. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entfaltete sich hier die jüdische Gemeinde und erreichte in den republikanischen Weimarer Jahren eine Blüte. Ihr Zentrum bildete die „Bornplatz-Synagoge“ (auf dem heutigen Joseph-Carlebach-Platz) mit der benachbarten Talmud-Tora-Schule im Grindelhof. Das Grindelviertel war ein belebter, kulturell pluraler Stadtteil, Ort des urbanen Lebens und der Integration, der Bildung und Aufklärung. Die Universität, 1919 gegründet und zunächst einer demokratisch-humanistischen Bildungstradition zugewandt, war ein Teil dieses Lebens. Doch schon vor der Machtübertragung an die Nazis 1933 mehrten sich antisemitische Vorfälle, auch an der Universität. Widerspruch und Widerstand gegen die rassistische Menschenhatz wurden in den Untergrund gedrängt. So erhob sich kein Protest mehr, als am 9.11.1938 in unmittelbarer Nachbarschaft die Synagoge geschändet wurde und auch nicht, als neben dem Hauptgebäude, in der Moorweidenstraße, ab Herbst 1941 die als Juden
verfolgten Bürgerinnen und Bürger im enteigneten „Logenhaus“ für die Deportation in die Vernichtungslager gesammelt wurden.

Der Antisemitismus der Nazis diente dazu, in der tiefen Gesellschaftskrise seit 1928 der Bevölkerung Sündenböcke darzubieten, die tiefen sozialen Verwerfungen so zu verfestigen und mit Einschüchterung, Terror und völkischer Ideologie einen Raubkrieg vorzubereiten, der 60 Millionen Menschenleben forderte.
Demütigung, Vertreibung und Ignoranz gegen rassisch verfolgte, gegen bürgerlich-humanistische, sozialistische und kommunistische Kommilitoninnen und Kommilitonen, Kolleginnen und Kollegen, Nachbarinnen und Nachbarn prägten das düsterste Kapitel der Universitätsgeschichte. An ihre so geschmähten Mitglieder erinnert die Universität aus gutem Grund: nicht nur das ihnen zugefügte Leid abzulehnen, sondern auch ihr engagiertes Wirken für eine menschenwürdige Gesellschaft aufzugreifen, ist für heute bedeutsam.

Nie wieder sollen Bildung und Wissenschaft aus Neid, Konkurrenz und Vorurteilen, aus Gleichgültigkeit, Ressentiment und Opportunitätsdenken mitverantwortlich werden an Ausgrenzung, Verfolgung, Mord und Krieg. Frieden, Gerechtigkeit und Humanität sollen Reflexion, Diskurs und gesellschaftliche Praxis der Universität nachhaltig orientieren.
Weltoffenheit, Inklusion und Demokratie sollen ihre Kultur prägen.

Wir erinnern, für ein besseres Leben.

Mahnwache

anlässlich des 78. Jahrestags der Reichspogromnacht
am Mittwoch, den 9. November 2016 von 15.30 – 17.00 Uhr
Joseph-Carlebach-Platz (Grindelhof).

Es sprechen: Peggy Parnass, Michael Heimann (Jüdischen Gemeinde Hamburg), Wolfgang Seibert (Jüdischen Gemeinde Pinneberg – angefragt), Norma van der Walde (VVN-BdA), Prof. Dr. Susanne Rupp (Universität Hamburg)
Moderation: Traute Springer-Yakar - VVN-BdA Hamburg
Veranstalter: Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA), Jüdischen Gemeinde Hamburg, Universität Hamburg

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