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Zwei ungleiche 9. November: 1918 und 1938

„Es war aber im Jahre 1918 im Keim etwas da, das der beflissene Volksbeauftragte [Friedrich Ebert] im Keim bekämpft hat: der energische demokratische Wille, in Verwaltung und Gerichtswesen, in Diplomatie und Universität Schluß zu machen und neu zu beginnen.“
Kurt Tucholsky, „Die Ebert-Legende, Antwort auf eine Antwort“, Die Weltbühne, 1926.

Die Verwertungsgesellschaft steckt in einer Sackgasse. So geht es nicht weiter.

Der 9. November 1918 war ein politischer Aufbruch gegen imperialen Krieg, Elend und Monarchie. Frieden, Demokratie, sozialer Fortschritt und Solidarität wurden dynamisch auf die Tagesordnung gesetzt. Doch diese Revolution wurde nach und nach langsam erstickt. Großindustrie, Junkern, politischer Reaktion und Militär gelang eine gewalttätige Restauration ihrer Eigentums- und Machtpositionen. Das „Bündnis der Eliten“ (Fritz Fischer) hatte die Hilfe gezähmter „Arbeiterführer“, biederer Bürokratie und strammer „Intellektueller“.

So konnte gegen den hoffnungsvollen gesellschaftlichen Neubeginn eine weitere Etappe rücksichtsloser (internationaler) Ausbeutung und martialischen Militarismus eingeleitet werden. Nicht ohne soziale Gegnerschaft und deshalb nicht ohne Alternative (beispielsweise der New Deal in den USA) mündete dies im Faschismus.

Die Nazis bekamen, anders als durch die Arbeiterbewegung, aus intellektuellen Kreisen nur von respektablen Minderheiten Widerstand. Als den Nazis 1933 die Macht übertragen wurde, hatte sich die Hamburger Universität – trotz ihrer demokratischen Gründung 1919 und gegen aufgeklärt engagierte Mitglieder – den braunen Herren vorauseilend angedient. Die Gewaltherrschaft zur Unterdrückung sozialer Kämpfe, zur räuberischen Versklavung der europäischen Bevölkerung sowie zur Vorbereitung und Durchführung des vernichtenden Krieges setzte hier mit der Vertreibung jüdischer und kritischer Kolleginnen und Kollegen, Studentinnen und Studenten ein.

In der Nacht vom 9. November 1938 wurde als Teil eines staatlich organisierten Pogroms in direkter Nachbarschaft zur Universität die große „Bornplatz-Synagoge“ der jüdischen Gemeinde geschändet, wurden Menschen bedroht und verschleppt, wurden Geschäfte und Wohnungen geplündert und verwüstet. In dieser Zeit rühmte sich die Universität bereits „judenfrei“.

Dieser Versuch der totalen Negation der Humanität ist jedoch an der kämpferischen Verbindung von internationalistischer Aufklärung und sozialem Engagement gescheitert. Der Anti-Hitler-Koalition gelang 1945 die Befreiung der Menschheit vom Faschismus. Das Werk der Errichtung einer menschenwürdigen Gesellschaft ist auch und gerade heute noch nicht vollbracht.

Rational betrachtet ist die Welt nicht friedlicher, demokratischer oder gar sozialer geworden. Bald ein Sechstel der Menschheit lebt in Hunger; die Gefahr atomarer Vernichtung oder desaströser Umweltzerstörung ist nicht gebannt. Der konzentrierte Reichtum negiert die Lebensinteressen der Menschheit und bedeutet dennoch potentiell die mögliche Beseitigung allen Elends.

Die menschenwürdige Entwicklung der Zivilisation erfordert nach wie vor die Befreiung von Krieg und Unterdrückung aller Art. Aufklärung hat den Inhalt und ist die kooperative Art und Weise, wie diese generelle Aufgabe am besten gelingt. Und: Heiterkeit ist der Maßstab des Gelingens!


Erinnerung und Mahnung!
Mahnwache zum 71. Jahrestag der Reichspogromnacht

Montag, 9. November 2009, 15.30 bis ca. 17.00 Uhr
auf dem Joseph-Carlebach-Platz (Grindelhof):

Veranstalter:
Vereinigung der Verfolgten des Naziregmines –
Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) Hamburg, Jüdische Gemeinde Hamburg, Universität Hamburg

Unterstützer:
Auschwitz-Komitee in der BRD e.V., Bürgerinitiative Grindelhof, JONS e.V., „Mechadasch“ Hamburg, Pax Christi,
Schule Altrahlstedt, ver.di Landesbezirk Hamburg.

Es sprechen u.a.
Esther Bauer, Zeitzeugin,
Ruben Herzberg, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hamburg,
Agnes Schreieder, stellvertr. Landesbezirksleiterin der Gewerkschaft ver.di Hamburg,
Dr. Michael Ackermann, Seminarleiter Landesinstitut für Lehrerfortbildung und
als Vertreter der Universität Hamburg Prof. Dr. Frank Golczewski.

Moderation:
Cornelia Kerth, Landessprecherin der VVN-BdA, HH.

Abschluß:
Kantor Arieh Gelber: „El Male Rachamin“, jüdisches Gedenkgebet.

V.i.S.d.P.: Olaf Walther, Golnar Sepehrnia & Christian Sauerbeck, c/o Studierendenparlament, VMP 5, 20146 Hamburg.
Herausgegeben von: Liste LINKS - Offene AusländerInnenliste . Linke Liste . andere Aktive,
harte zeiten - junge sozialisten & fachschaftsaktive an der Universität Hamburg
und FachschaftsBündnis - Aktive für demokratische und kritische Hochschulen,
Veröffentlicht am , http://www.bae-hamburg.de/